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Ruhrkonzern am Scheideweg : Bei Thyssen darf nichts mehr schiefgehen

Bei Thyssen ist ausgerechnet das ungeliebte, extrem konjunkturanfällige und kapitalintensive Stahlgeschäft zum Hoffnungsträger auserkoren worden. Bild: dpa

Vor dem Notverkauf der Aufzugssparte liegen die Nerven bei Thyssen-Krupp blank. Der Konzern hat nur noch diesen einen Schuss, und der muss sitzen.

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          Die Aussagen des Kone-Vorstandsvorsitzenden Henrik Ehrnrooth über die prekäre Finanzlage von Thyssen-Krupp muss man sicher nicht überbewerten. Aus dem Geraune über das Insolvenzrisiko sprach auch der Ärger, dass der finnische Hersteller beim Verkauf der begehrten Aufzugssparte nicht zum Zuge kommen soll. In diesem Geschäft stecken so viele Milliarden, dass sie den Pleitegeier bei Thyssen-Krupp auf Distanz halten sollten. Aber dafür müssen sie zügig gehoben und in eine zukunftsfähige Neuaufstellung des wankenden Ruhrkonzerns investiert werden. Vor dem Notverkauf, über den der Aufsichtsrat voraussichtlich am kommenden Donnerstag entscheiden wird, liegen deshalb die Nerven blank. Finanzchef Johannes Dietsch sah sich sogar bemüßigt, seine verunsicherten Führungskräfte zu beruhigen. Das Unternehmen sei immer noch solide finanziert, es sei ein Affront, „eine Insolvenzmöglichkeit überhaupt ins Spiel zu bringen“.

          Mehr als 17 Milliarden Euro soll Kone geboten haben, bei 16 Milliarden Euro liegen angeblich die Offerten der zwei Finanzkonsortien, die noch im Rennen sind. Auch ein Börsengang wird nicht endgültig ausgeschlossen, aber das dürfte Verhandlungstaktik sein. Fest steht: Thyssen-Krupp hat nur noch diesen einen Schuss, und der muss sitzen. Nach gigantischen Fehlinvestitionen und jahrelangem Missmanagement steht das Unternehmen mit 160.000 Beschäftigten mit dem Rücken an der Wand. Die einstige Ikone ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Zahlen sind tiefrot, jeden Tag gehen Millionenbeträge verloren.

          Auch im laufenden Geschäftsjahr rechnet der Vorstand um Martina Merz damit, dass die Ausgaben die Einnahmen um weit mehr als eine Milliarde Euro übersteigen werden. Vor gut einer Woche hat Moody’s die Kreditwürdigkeit in den spekulativen Bereich heruntergestuft – eine Reaktion auf die desaströse Zwischenbilanz. Binnen drei Monaten hat sich der Schuldenberg beinahe verdoppelt, die Eigenkapitalquote ist bedrohlich zusammengeschmolzen.

          Riesige Pensionsverpflichtungen

          Das Wasser unterm Kiel wird immer flacher. Wenn das Schiff nicht auflaufen soll, muss es jetzt schnell gehen. Die langwierige Wettbewerbsprüfung, die ein Verkauf an Kone nach sich gezogen hätte, kann sich Thyssen-Krupp schon nicht mehr leisten und muss deshalb einen hohen Preisabschlag hinnehmen. Aus Sicht der einflussreichen IG Metall hat die Entscheidung für einen Finanzinvestor den Vorteil, dass weniger Arbeitsplätze in Gefahr geraten als beim Verkauf an den direkten Konkurrenten. Gleichwohl pocht sie auf zusätzliche Garantien für Standorte und Beschäftigte – was die Verhandlungsposition von Thyssen-Krupp auf den letzten Metern nicht erleichtert.

          Vieles spräche dafür, dass der Konzern wenigstens eine Minderheit am lukrativen und konjunkturstabilen Aufzugsgeschäft behält, der zuletzt einzigen Sparte, die noch verlässlich hohe Gewinne abwarf und gute Wachstumsperspektiven hat. Die Frage ist, ob die leeren Kassen das zulassen. Neben den Finanzverbindlichkeiten belasten riesige Pensionsverpflichtungen, die wenigstens zum Teil aus den erhofften Verkaufserlösen abgedeckt werden sollen. Thyssen steht vor einem schwierigen Balanceakt zwischen Bilanzstärkung, dringend notwendigen Investitionen und harten Aufräumarbeiten, die viele Tausend Arbeitsplätze kosten werden. Ob es mit der schon absehbaren Streichung von knapp 7000 Stellen getan sein wird, ist ungewiss. Teile des Anlagenbaus stehen zum Verkauf, ein Werk für Grobbleche wird voraussichtlich dichtgemacht. Für das Autozuliefergeschäft ist man auf Partnersuche. Gleichzeitig muss Neues entstehen, wenn der geschrumpfte Restkonzern eine Zukunft haben soll.

          Hoffentlich geht der Plan auf

          Zum Hoffnungsträger ist ausgerechnet das ungeliebte, extrem konjunkturanfällige und kapitalintensive Stahlgeschäft erkoren worden, das der Konzern im vorigen Jahr noch in ein Joint Venture mit dem indischen Konkurrenten Tata auslagern wollte. Zusammen mit dem Werkstoffhandel sollen Hochöfen und Hüttenwerke zum Kern der neuen Thyssen-Krupp werden – ein Wendemanöver zurück in die Vergangenheit. Der Zeitpunkt könnte ungünstiger kaum sein. Der Stahlmarkt ist auf einem konjunkturellen Tief, und die strukturellen Überschüsse auf dem Weltmarkt und in Europa verdüstern die Aussichten.

          Trotzdem werden in den kommenden Jahren Milliarden investiert werden müssen: um die aus Geldmangel lange vernachlässigten Werke wieder auf Vordermann zu bringen und sich für die strengeren Klimaschutz-Anforderungen zu wappnen. Wenn es zu der lange überfälligen Marktkonsolidierung kommt und Thyssen-Krupp doch noch in eine starke Stahlfusion findet, kann der Plan aufgehen. Hoffentlich gelingt es dem Konzern, sich mit dem Aufzugs-Deal dafür genügend Zeit zu erkaufen.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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