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Behörden : Der Staat holt immer mehr Berater

Gut getarnt? Katrin Suder war früher bei McKinsey, heute ist sie Rüstungsstaatssekretärin. Bild: action press

Viele Behörden lassen sich von McKinsey & Co. beraten. Jetzt steht im Verteidigungsministerium die Vergabe eines 200-Millionen-Auftrags an. Rüstungsstaatssekretärin Katrin Suder arbeitete früher selbst bei McKinsey. Ein Vorteil?

          5 Min.

          Staatliche Ämter galten irgendwann als so muffig, dass sich viele Behörden nicht mehr trauten, das „Amt“ überhaupt im Namen zu tragen. Schon vor Jahren wurden Ämter plötzlich in „Agenturen“ umbenannt, und mit dem Namenswechsel zog bisweilen auch ein neuer Ton in die Ämter ein. Besonders augenscheinlich wird der Wandel, wenn zwei scheinbar fremde Welten aufeinanderprallen: Beamte und Unternehmensberater.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für die Migrationsbehörde Bamf tüftelt derzeit McKinsey an einem Konzept, wie man mehr Flüchtlinge zur Rückkehr in ihre Heimatländer bewegen kann. Ihre Arbeit ist Teil eines Rahmenvertrags, den die Strategieberatung mit der Behörde geschlossen hat. Insgesamt bekommen die McKinsey-Berater über 9 Millionen Euro für ihre Hilfe. Die Bundesagentur für Arbeit wird inzwischen von Boston Consulting beraten. Sie hat einen vier Jahre laufenden Rahmenvertrag mit einem Beratungsvolumen von rund 20 Millionen Euro.

          Management-Hilfe bei großen Rüstungsprojekten

          Die derzeit wichtigsten Verträge im öffentlichen Sektor werden in Kürze aber im Verteidigungsministerium vergeben. Das Ministerium unter Leitung Ursula von der Leyens sucht Management-Hilfe bei großen Rüstungsprojekten. Für vier Jahre sind insgesamt 208 Millionen Euro für Beratungsdienste eingeplant. Beworben haben sich fünf Konsortien, bestehend jeweils aus Strategieberatern, IT- und Rüstungsfachleuten. Alle Unterlagen sind eingereicht, in den kommenden Wochen fällt wohl die Entscheidung, wer künftig das Verteidigungsministerium bei Rüstungsprojekten beraten darf.

          Die drei Fälle zeigen beispielhaft, wie wichtig externe Berater für den Staat geworden sind. Der Haushaltsausschuss des Bundestags lässt sich daher seit fast zehn Jahren jährlich über die Höhe der Aufträge berichten, erklärt der haushaltspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Eckhardt Rehberg, so sei eine Kontrolle möglich, und Fehlentwicklungen könnten vermieden werden. Großen Verträgen über 25 Millionen Euro muss der Ausschuss zustimmen.

          Deutschland liegt im Vergleich zu Amerika noch hinten

          Im vergangenen Jahr sind die Ausgaben der Bundesverwaltung für externe Berater laut dem jüngsten Bericht auf rund 38 Millionen Euro gestiegen, 6 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Doch nicht nur der Bund, auch die Länder, Gemeinden und andere staatliche Einrichtungen holen externe Hilfe, insgesamt sogar weit mehr. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat sich so der Umsatz der Berater mit der öffentlichen Hand von 1,28 Milliarden Euro im Jahr 2005 auf 2,48 Milliarden im Jahr 2015 fast verdoppelt (siehe Grafik), wobei der Anteil der Staatsaufträge bei knapp 10 Prozent konstant geblieben ist, weil auch das Geschäft mit der Privatwirtschaft boomt. Fast alle großen Beratungsunternehmen haben für Staatsaufträge inzwischen eigene Teams aufgebaut.

          Dabei liegt Deutschland im Vergleich zu Amerika noch hinten: Dort erwirtschaften die Unternehmensberater rund 30 Prozent ihrer Umsätze im öffentlichen Sektor. Ob sie in Deutschland ihren Anteil jemals in solche Höhen schrauben werden, ist fraglich: Ein Großteil der Aufträge in den Vereinigten Staaten kommt aus dem Pentagon. Für das amerikanische Verteidigungsministerium arbeiten seit Jahren Heerscharen externer Berater – etwa der frühere Edward-Snowden-Arbeitgeber Booz Allen Hamilton.

          Peinliche Debakel

          In Deutschland sind wir davon weit entfernt. Allerdings hat auch bei uns das Verteidigungsministerium die Berührungsängste zu den Beratern lange verloren. Schon Rudolf Scharping holte sich in seiner Zeit als Verteidigungsminister das Beratungsunternehmen Roland Berger auf die Hardthöhe. Das Unternehmen beriet ihn bei der Privatisierung nichtmilitärischer Bereiche. Heute ist der Bedarf an externer Expertise noch größer.

          Zu viele peinliche Debakel hat das Ministerium mit seinem behäbigen Riesenapparat in den vergangenen Jahren erlebt: Die Entwicklung der Aufklärungsdrohne Euro Hawk scheiterte, als klarwurde, dass sie keine Aussicht auf eine Zulassung für den europäischen Luftraum hatte. Dann war ein Sturmgewehr nicht hitzebeständig, weil die Anforderungen in der Ausschreibung nicht präzise genug formuliert wurden. Die Bestellung des Transportflugzeuges A400M lief aus dem Ruder; bis heute sind nur ganz wenige ausgeliefert, und selbst die erfüllen die Anforderungen eigentlich nicht. Ein großer Teil der Bundeswehr-Ausrüstung gilt als desolat und technisch veraltet. Erschwerend kommt hinzu, dass das Ministerium auf zwei Standorte aufgeteilt ist, was die Zusammenarbeit der Beamten nicht gerade erleichtert.

          Kritik an der Vergabe

          Mit Hilfe externer Berater will von der Leyen nun die Großvorhaben in den Griff bekommen. Für das Ministerium ist der Rahmenvertrag zwar im Vergleich zu den sonstigen Milliarden-Bestellungen von Rüstungsgütern kein riesiger Auftrag, aber dennoch heikel, weil Rüstungsstaatssekretärin Katrin Suder früher selbst bei McKinsey gearbeitet hat. Dort war sie genau für die Beratung des öffentlichen Sektors zuständig.

          Schnell könnte so der Vorwurf auftauchen, McKinsey hätte dadurch einen Vorteil. Das Ministerium winkt ab: Die Vergabe erfolge „ausschließlich durch die Vergabestelle“, in diesem Fall durch das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) in Koblenz, sagt eine Sprecherin des Ministeriums. Auch die ganze Kommunikation mit den jeweiligen Bietern sei allein Sache der Vergabestelle, die sich streng an die vergaberechtlichen Grundsätze halten muss.

          Beamte empfinden Berater als Eindringlinge

          Tatsächlich sorgen Unternehmensberater in der Politik heute nicht mehr für den großen Aufschrei wie früher. Es gehört inzwischen zum Alltag vieler Behörden, dass sich zwischen den Beamten auch immer wieder Berater tummeln: „Das Verständnis dafür, dass die Probleme oft sehr komplex sind, ist gewachsen“, sagt Klaus Reiners, Sprecher des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater. Der technologische Wandel sei so schnell, dass der Staat, wie alle anderen Organisationen auch, ohne externe Hilfe nicht mehr auskomme. Keine Behörde könne für jede Neuentwicklung Spezialisten vorhalten: „Oft braucht die öffentliche Hand die Hilfe nur punktuell und zeitlich begrenzt“, es wäre ökonomisch gar nicht sinnvoll, immer sofort dauerhaft neue Mitarbeiter dafür einzustellen, sagt Reiners.

          In den Behörden selbst allerdings rumort es. Manch gestandener Beamte empfindet die Berater als Eindringlinge, die bei ihnen ein seltsames Gefühl hinterlassen: Die Politik scheint ihrem eigenen Apparat nicht zu trauen. Die hohen Tagessätze der Berater (oft weit über 1500 Euro) verstärken die Empörung. Denn auch in den Ministerien arbeiten hochkarätige Fachleute. Da komme schnell die Frage auf: „Wieso leistet der Staat sich einen Apparat von überwiegend ausgebildeten Juristen und lässt dann Verträge von Unternehmensberatungen schreiben?“, erläutert die Konstanzer Verwaltungswissenschaftlerin Nathalie Behnke.

          Anfrage über Ausmaß der Beraterverträge im Innenministerium

          Einen Teil der Antwort könnte man als „Verantwortungsverschiebung“ bezeichnen. Die Führung eines Ministeriums könne so bei unpopulären Entscheidungen auf externe Berater verweisen. Kritisiert wird die häufige Vergabe von Aufträgen an private Berater deshalb auch von der Linksfraktion: Im Frühjahr stellte sie eine kleine Anfrage über das Ausmaß der Beraterverträge im Innenministerium. Die Bundesregierung antwortet ganz nüchtern mit einer mehrseitigen Liste von Beraterverträgen – allein in dieser Legislaturperiode. Die größten davon gingen an Technologieberater Capgemini, Bearingpoint und Sopra Steria.

          In den großen Parteien sieht man den Umgang mit Beratern inzwischen gelassener. Als Sigmar Gabriel einst Berater in seine Verwaltung holte und ihm dann heftige Kritik seiner Beamten entgegenschlug, weil sie fanden, man könne die Probleme innerhalb der Behörde selbst lösen, soll er lapidar gesagt haben: „Mit Gänsen können Sie schlecht über Weihnachten reden.“

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