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F.A.Z. exklusiv : Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer hört auf

BDA-Präsident Ingo Kramer und Kanzlerin Angela Merkel haben bei aller Kritik immer einen Gesprächsfaden gefunden. Bild: Getty

Der BDA-Präsident gibt sein Amt vorzeitig ab. Sein Nachfolger ist kein Unbekannter. Der vorzeitige Wechsel hat auch mit der Bundestagswahl zu tun.

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          Die Bundestagswahl wirft ihre Schatten auch in den wichtigen Lobbyverbänden der Wirtschaft voraus. Nach sieben Jahren an der Spitze der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) gibt Ingo Kramer das Amt als ihr oberster Interessenvertreter gegenüber der Bundesregierung vorzeitig ab. Sein möglicher Nachfolger ist in Berlin eine bekannte Größe: Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger soll Kramer Ende November folgen, auch wenn beide Verbände dazu offiziell noch schweigen. Das wiederum eröffnet Spielraum für Spekulationen, wer die Metallarbeitgeber in die kommenden schwierigen Tarifrunden führt. Die Branche muss neben der Corona-Rezession auch einen Strukturwandel bewältigen.

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Warum sich Kramer zwölf Monate vor dem turnusmäßigen Ende seiner Amtszeit zurückzieht, begründet er in einem am Freitag abgeschickten Schreiben an die Präsidiumsmitglieder der BDA, das der F.A.Z. exklusiv vorliegt. Kramer erinnert an die Terminlage, nach der die Bildung der neuen Bundesregierung und die planmäßige Wahl des BDA-Präsidenten im nächsten Jahr fast gleichzeitig stattfinden. Er wolle sein Amt daher vorzeitig übergeben, damit „einem Nachfolger bzw. einer Nachfolgerin“ genügend Zeit bleibe, sich einzuarbeiten und „aktiv an der Debatte über Schwerpunkte der neuen Legislaturperiode“ mitzuwirken. Der Präsidiumssitzung am 30. September werde er vorschlagen, Rainer Dulger auf der Mitgliederversammlung im November wählen zu lassen. Kramer hebt hervor, dass er Dulger „persönlich aus unserer langjährigen Zusammenarbeit in der Metall- und Elektroindustrie“ kenne und „außerordentlich“ schätze.

          Der 67 Jahre alte Bremerhavener Familienunternehmer Kramer will seinem Nachfolger ersparen, was ihm selbst widerfuhr, weil sein Start als Arbeitgeberpräsident 2013 mitten in schwierige Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD fiel. Gleich in der ersten Begegnung mit der Bundeskanzlerin war das FDP-Mitglied Kramer mit Angela Merkel aneinandergeraten. Auf der Abschiedsfeier seines langjährigen Amtsvorgängers Dieter Hundt gab er Merkel öffentlich den Rat: „Bestellen Sie bitte nichts, was Sie nicht bezahlen können.“ Dies quittierte Merkel mit der Bemerkung, für einen Amtsneuling gebe sich Kramer doch „sehr selbstbewusst“. Das Verhältnis hat sich nach dem holprigen Beginn so gebessert, dass Kramer heute damit rechnen kann, auf eine an Merkel gerichtete SMS schnelle Antwort zu bekommen. Respekt und Anerkennung, die er Merkel zollt, hindern ihn nicht, bisweilen deutlich Kritik an ihrer Politik zu äußern.

          Dulger forderte Altmaiers Ablösung

          Auch wenn Kramer in seinem Brief höflich von Nachfolger oder Nachfolgerin spricht, gilt in der BDA als sicher, dass Dulger im Herbst gewählt wird. Der international erfolgreiche Heidelberger Familienunternehmer ist auch einer der Vizepräsidenten der BDA und in Berlin gut vernetzt, selbst wenn er als Gesamtmetall-Präsident in den vergangenen Jahren in erster Linie tarifpolitischer Gegenspieler des IG-Metall-Vorsitzenden Jörg Hofmann war. Seine künftige Rolle wird etwas anders gelagert sein, schon weil er mit dem neuen Gegenüber nicht fortlaufend vertragliche Kompromisse schließen muss. Dafür gibt es ein ausgeprägtes Bedürfnis vieler Unternehmer, dass ihre Repräsentanten in Berlin härter, klarer und möglichst zugleich wirksamer als zuletzt wirtschaftliche Belange vertreten. Dazu kommt allerdings ein großes Interesse, die Krise und Transformation der Industrie in gedeihlicher Zusammenarbeit mit der Regierung staatlich zu flankieren.

          Dulger muss künftig auch nicht nur die Interessen einer starken Industriebranche wahren, sondern der gesamten Wirtschaft. Die BDA erhebt den Anspruch, „die Stimme der Arbeitgeber für die Soziale Marktwirtschaft“ zu sein – und dies durchaus in Konkurrenz zum Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Um sich vom BDI abzuheben, der meist von ehemaligen angestellten Managern geführt wird, achtet die BDA darauf, einen echten Unternehmer an der Spitze zu haben, der mit seinem Geld haftet. Davon verspricht sie sich mehr Glaubwürdigkeit in der Auseinandersetzung mit Politik und Öffentlichkeit. Diese wird nicht einfacher, wenn statt einer großen Koalition Ende 2021 womöglich die erste schwarz-grüne Bundesregierung gebildet wird – und nach vier Perioden Merkel ein neuer Kanzler oder eine neue Kanzlerin in das mächtigste deutsche Amt finden muss. Der Weg aus der Corona-bedingten Rezession dürfte hart bleiben. Die Verteilung der damit verbundenen Kosten wird wahrscheinlich schon im Wahlkampf großen Raum einnehmen. Die BDA befürchtet, dass die Sozialversicherungsbeiträge stark steigen und zur Zusatzlast für Unternehmen und Beschäftigung werden könnten.

          Dulger ist wie Kramer kein politischer Heißsporn, aber um klare Worte nicht verlegen. Nachdem Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) den Mittelstand im vergangenen Jahr mit einer Großindustriestrategie gegen sich aufgebracht hatte, empfahl Dulger dessen Ablösung. Altmaier rede zu viel und tue zu wenig, er sei der „schwächste Minister“, lautete das harte Urteil, dem die Kanzlerin bekanntlich nicht gefolgt ist. Mit der Erfahrung, politisch nicht durchzudringen, ist also auch Dulger schon vertraut.

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