https://www.faz.net/-gqe-a7uao

BCG-Chef Richard Lesser : „Ich wette, dass Amerika keinen CO2-Preis einführt“

Der amerikanische Präsident Joe Biden Bild: AP

Richard Lesser, Chef der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, über Klimaschutz und Handelskonflikte nach dem Regierungswechsel in Washington.

          3 Min.

          Herr Lesser, wie wird 2021?

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich bin optimistisch für das Jahr. Das erste Quartal wird weiter schwierig sein wegen der Pandemie. Aber die Welt hat wirtschaftlich eine Chance, im Jahresverlauf ziemlich stark aus dieser Phase hervorzugehen. Ich bin übrigens nicht nur zuversichtlich, was die Pandemie angeht, sondern auch für den Klimaschutz.

          Momentan dreht sich aber alles um das Virus.

          Wir sind gerade in einer kniffligen Phase der Pandemie. Wir müssen jetzt so schnell wie irgendwie möglich impfen, denn wir sind in einem Rennen – nicht nur gegen das ursprüngliche Virus, sondern auch gegen immer schlagkräftigere Virus-Mutationen. Aber wir haben eine sehr gute Chance, das hinzubekommen. Das ist jetzt die Aufgabe Nummer eins für die Welt. Denn viele andere Dinge, etwa der Klimaschutz, hängen eben davon ab, dass wir das Virus unter Kontrolle bekommen.

          Und wie geht es mit dem Klimaschutz weiter?

          Das ist die langfristige Schlacht, die wir weiterhin führen. Die Weltgemeinschaft muss den Kampf gegen den Klimawandel mit der gleichen grenzüberschreitenden Dringlichkeit führen wie den gegen die Pandemie. Die Ankündigung Chinas, bis 2060 klimaneutral zu werden, ist wirklich mutig, das ist ein riesiger Fortschritt. Wenn China demnächst seinen neuen Fünf-Jahres-Plan veröffentlicht, wird man sehen, wie schnell und weitreichend der Wandel sein wird. In den Vereinigten Staaten sind die Ankündigungen von Präsident Biden sehr ermutigend – und überfällig. Ich will nicht die Herausforderungen kleinreden: Der Präsident macht die Gesetzgebung nicht allein, er braucht auch den Kongress, und der ist tief gespalten. Es wird also sehr schwer werden, aber nicht unmöglich.

          Richard Lesser, Chef der Boston Consulting Group
          Richard Lesser, Chef der Boston Consulting Group : Bild: Edgar Schoepal

          Was hat Europa in der Handelspolitik von der neuen amerikanischen Regierung zu erwarten? Auch Joe Biden ist kein Freihändler.

          Ich glaube, es wird den Versuch geben, die Spannungen in den Handelsbeziehungen abzubauen. Vor einem Jahr habe ich genau das Gegenteil erwartet: Damals rechnete ich mit einem erbitterten Handelskrieg zwischen Amerika und Europa. Klar, einfach ist es auch jetzt nicht. Sie sagen, Präsident Biden sei kein Freihändler. Ich bin mir auch nicht so sicher, ob die EU für den Freihandel ist. Es wird intensive Diskussionen geben, aber auch den Willen, gemeinschaftlich zu Lösungen zu kommen.

          Ein Klimazoll, wie ihn die EU angekündigt hat, macht das aber schwieriger, oder?

          Nehmen Sie die Branchen, in denen es wirklich hart und teuer ist, CO2-Emissionen zu vermeiden: Wenn Sie in so einer Branche tätig sind und befürchten müssen, dass Ihre Kunden nicht mehr Ihre Produkte kaufen, sondern anderswo auf der Welt, wo die Unternehmen nicht diesen Druck zu mehr Klimaschutz haben, dann wird es für Sie sehr schwer, weitere Investitionen in die heimischen Standorte zu rechtfertigen. Es ist also wirklich wichtig, dass wir einen Mechanismus haben, um diese grenzüberschreitenden CO2-Fragen zu regeln, auch wenn das unglaublich kompliziert wird. Das Gute ist: Wir haben jetzt eine amerikanische Regierung, die ebenfalls die Dringlichkeit des Klimaschutzes sieht.

          Joe Biden ist nicht als Fan eines CO2-Preises bekannt, auch wenn Ökonomen und Unternehmen darauf dringen. Wie stehen die Chancen, dass ein landesweiter Emissionspreis in Amerika kommt?

          Idealerweise sollten wir CO2 mit einem Preisschild versehen. Politisch ist das aber eine sehr große Herausforderung in Amerika. Die eigentliche Frage ist, ob der Kongress über die Parteigrenzen hinweg zu einer Lösung kommen kann. Um ganz ehrlich zu sein: Wenn ich wetten müsste, würde ich sagen, dass das nicht gelingen wird. Aber die Chancen sind immerhin besser als noch vor ein paar Jahren.

          Zurück zur Pandemie: Welche Lehren sollten wir aus dem vergangenen Jahr ziehen, um auf Krisen in Zukunft besser vorbereitet zu sein?

          Unternehmen wie Regierungen müssen immer Performance und Widerstandsfähigkeit gegeneinander ausbalancieren. Bei der Performance geht es darum, jetzt Umsatz oder Wirtschaftswachstum zu optimieren. Bei der Widerstandsfähigkeit geht es um die Frage: Was machen wir heute, um morgen darauf vorbereitet zu sein, mit unerwarteten Dingen fertig zu werden? Die Pandemie hat uns gezeigt, dass die Widerstandsfähigkeit langfristig einen gewaltigen Unterschied macht. Unternehmenschefs und Regierung müssen die Schwerpunkte anders setzen: Man sollte die kurzfristige Performance nicht ignorieren, aber mehr als bisher darauf achten, widerstandsfähig zu werden. Wir haben uns die Entwicklung von 1800 Unternehmen über 25 Jahre hinweg angeschaut. 30 Prozent ihres langfristigen Erfolges hingen von ihrer Widerstandsfähigkeit in schwierigen Zeiten ab. Wenn die Krise vorüber ist, sollten wir uns überlegen, wie wir widerstandsfähigere Gesellschaften und Unternehmen schaffen.

          Werden die Leute auf Dauer zu Hause und nicht im Büro arbeiten?

          Ich glaube nicht, dass wir so weitermachen können. Schauen Sie mich an: Ich sitze hier seit zehn Monaten daheim an meinem Esstisch und arbeite. Für einen Oldtimer wie mich ist das nicht so schlimm, weil ich mein Netzwerk an Leuten habe. Ich kenne die Kollegen in meinem Unternehmen und unsere Kultur. Aber Kollegen, die noch nicht so lange dabei sind, müssen sich erst noch vernetzen, und das ist schwierig derzeit. Andererseits glaube ich auch nicht, dass wir wieder zum Zustand von vor der Pandemie zurückkehren werden. Wir werden sehr viel mehr Hybridformen des Arbeitens sehen: weniger Geschäftsreisen und neue Arten der Zusammenarbeit, bei denen man nicht mehr fünf Tage die Woche im Büro sein muss.

          Das Gespräch führte die F.A.S. zusammen mit einer Gruppe europäischer Journalisten.

          Weitere Themen

          So sparen Autofahrer Geld Video-Seite öffnen

          Tipps für das Tanken : So sparen Autofahrer Geld

          Diesel und Benzin werden immer teurer - Autofahrer können sich aber Preisschwankungen an der Tankstelle zunutze machen. Zahlreiche Apps zeigen die günstigsten Zapfsäulen an - und eine sparsame Fahrweise schont ebenfalls den Geldbeutel.

          Topmeldungen

          Julian Reichelt am 30. Januar 2020 auf einer Messe in Düsseldorf

          Bild-Chef Julian Reichelt : Sex, Lügen und ein achtkantiger Rauswurf

          Erst bringt die New York Times eine Riesenstory über Springer. Vorher stoppt der Verleger Ippen eine Recherche über den Bild-Chef Reichelt. Der ist seinen Job plötzlich los. Er hat wohl den Vorstand belogen. Die Chaostage sind perfekt.
          Antje Rávik Strubel, Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2021, am Montagabend in Frankfurt

          Deutscher Buchpreis 2021 : Die abgeklärte Kämpferin

          Exzellente Wahl: Antje Rávik Strubel erhält für ihren Roman „Blaue Frau“ den Deutschen Buchpreis. Aus ihren Dankesworten war eine große Sicherheit zu spüren, diesen Preis verdient zu haben: als Lohn für eine Kampfansage.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.