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Bayer-Hauptversammlung : Wenn nur Glyphosat nicht wäre

  • -Aktualisiert am

Der Streit um Glyphosat dürfte noch eine Weile weitergehen. Bild: AFP

Bayer erwischt einen guten Start in das Geschäftsjahr und wird rein operativ von der Monsanto-Übernahme sogar beflügelt. Trotzdem droht dem Vorstand heute eine ungemütliche Hauptversammlung.

          Robuste Geschäfte und auch der umstrittene Kauf des amerikanischen Saatgutkonzerns Monsanto haben dem Bayer-Konzern einen guten Jahresauftakt beschert. Das gab auch dem Kurs der gebeutelten Bayer-Aktie am Donnerstag Auftrieb. Obwohl die Zahl der Klagen im Zusammenhang mit dem Pflanzenschutzmittel Glyphosat inzwischen weiter auf rund 13.400 (zuletzt rund 11.200) gestiegen ist, legte der Aktienkurs zunächst 4 Prozent zu und führte die Gewinnerliste im Leitindex Dax an. Zum Handelsschluss lag der Kurs in einem schwachen Marktumfeld 0,9 Prozent im Plus. Das erste Quartal sei besser ausgefallen als erwartet, urteilten einige Analysten, ein Marktteilnehmer sprach von „beruhigenden“ Zahlen.

          Brigitte Koch

          Wirtschaftskorrespondentin in Düsseldorf.

          Auch wenn an diesem Freitag während des Aktionärstreffens in Bonn die Übernahme des umstrittenen Saatgutkonzerns Monsanto abermals heftige Kritik der Anteilseigner auf sich ziehen wird, hat der amerikanische Konzern in den ersten drei Monaten Umsatz und Ergebnis der Leverkusener deutlich beflügelt. So stieg der Konzernumsatz um mehr als 42 Prozent auf rund 13 Milliarden Euro. Wechselkurs- und portfoliobereinigt machte das Plus rund 4 Prozent aus. Der operative Gewinn vor Sondereinflüssen zog um fast 45 Prozent auf nahezu 4,2 Milliarden Euro an. Dass allerdings unter dem Strich mit 1,24 Milliarden Euro 36,5 Prozent weniger verblieben, hängt mit den hohen Sonderaufwendungen zusammen. Die Einbindung von Monsanto in den Konzern und der angekündigte Umbau auch in anderen Bereichen verursachen hohe Kosten.

          Wird allein das Agrargeschäft (Crop Science) betrachtet, hat sich der Umsatz infolge der Monsanto-Übernahme mehr als verdoppelt – und zwar auf 6,4 Milliarden Euro. Bayer ist hier zum Weltmarktführer aufgestiegen. Auch bereinigt wuchs der Umsatz um mehr als 5 Prozent – vor allem dank einer guten Geschäftsentwicklung in Latein- und Nordamerika. Das operative Ergebnis kletterte um mehr als 120 Prozent auf 2,3 Milliarden Euro. Schub gab es im Auftaktquartal auch vom Geschäft mit den verschreibungspflichtigen Medikamenten (Pharmaceuticals). Getragen von dem umsatzstarken Gerinnungshemmer Xarelto und dem Augenmittel Eylea sowie einem insgesamt kräftigen Wachstum in China, wurde der Umsatz um fast 7 Prozent auf mehr als 4,3 Milliarden Euro gesteigert. Das operative Ergebnis legte ebenfalls um 7 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro zu.

          Prognose für Gesamtjahr bestätigt

          Weniger rund lief das Geschäft mit den verschreibungsfreien Gesundheitsprodukten (Consumer Health). Die Einnahmen sanken, der Umsatz lag mit rund 1,4 Milliarden Euro leicht unter Vorjahr. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern sank gar um 11 Prozent auf 279 Millionen Euro. In dieser Sparte wurden die von Merck übernommenen Marken Dr. Scholls und Coppertone zum Verkauf gestellt. Bei der ebenfalls angekündigten Trennung vom Geschäft mit der Tiergesundheit geht es nach Aussage des Vorstands planmäßig voran. Nach der strategischen Überprüfung der Möglichkeiten in den vergangenen Monaten liege das Hauptaugenmerk jetzt auf dem Verkauf, heißt es. Es würden aber auch andere Möglichkeiten erwogen.

          Auf der Basis des ersten Quartals hat das Management jetzt auch seine Prognose für das Gesamtjahr bestätigt. Danach wird ein Umsatz von rund 46 Milliarden Euro erwartet, was einem bereinigten Plus von rund 4 Prozent entspräche. Das bereinigte operative Ergebnis soll auf rund 12,2 Milliarden Euro steigen.

          Die Aktionäre dürfte das nicht ruhigstellen. Dem Vorstand rund um seinen Vorsitzenden Werner Baumann steht an diesem Freitag eine ungemütliche Hauptversammlung bevor. Denn seit dem ersten verlorenen Glyphosat-Prozess im vergangenen August hat die Bayer-Aktie rund ein Drittel ihres Wertes verloren – der Kursanstieg vom Donnerstag macht das bei weitem nicht wett. Einige Aktionärsvertreter haben daher angekündigt, dem Vorstand die Entlastung verweigern zu wollen. Einflussreiche Stimmrechtsberater raten ebenfalls von einer Entlastung ab. Mithin dürften die Abstimmungsergebnisse in diesem Jahr deutlich schlechter ausfallen als sonst üblich. Im vergangenen Jahr betrug die Zustimmung noch rund 97 Prozent des vertretenen Kapitals. Allerdings hatte die zuletzt weiter angeschwollene Klagewelle erst nach dem Urteil im Fall Dewayne Johnson im Sommer 2018 an Fahrt aufgenommen. Am Mittwoch dieser Woche hat Monsanto beantragt, das Jury-Urteil im Johnson-Fall aufzuheben und die Klage zugunsten von Monsanto abzuweisen.

          Die Aktionärsvereinigung DSW hat vor dem Hintergrund der laufenden Prozesse gefordert, die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat zu verschieben. Es sei für die Aktionäre derzeit schlicht nicht möglich zu bewerten, ob die Übernahme von Monsanto langfristig wertvernichtend oder – wie von der Verwaltung unermüdlich betont – wertschaffend wirken wird. Selbst eine knappe Entlastung würde automatisch eine Personaldebatte auslösen, sagt DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. Sollte die Aktionärsvereinigung die Verschiebung beantragen, müsste Versammlungsleiter Werner Wenning darüber abstimmen lassen. Das dürfte im Sinne des Unternehmens sein. Schlechte Abstimmungsergebnisse haben zwar zunächst keine rechtlichen Folgen, sie bewirken aber einen erheblichen Ansehensverlust für die betroffenen Personen.

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