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Zu wenig Fachkompetenz? : Bayer-Aktionäre schießen sich auf Aufsichtsrat ein

Das Bayer-Kreuz leuchtet auf dem Werksgelände des Chemie- und Pharmakonzerns in Leverkusen. Bild: dpa

Der Bayer-Konzern kommt nicht zur Ruhe: Nach der spektakulären Hauptversammlung fordert ein Investor jetzt offen neue Leute im Kontrollgremium.

          Nach dem Debakel auf der Hauptversammlung fordert ein erster einflussreicher Bayer-Aktionär offen neue Leute für den Aufsichtsrat – und das schnell. Wie die F.A.Z. vergangene Woche schon berichtet hatte, dringen mehrere Anleger auf Fachleute, die sich mit Rechtsstreits in Amerika und im Agrargeschäft auskennen – tun das aber bislang hinter den Kulissen. Nun bestätigt die Fondsgesellschaft Deka Investment auf Anfrage der F.A.Z , dass auch sie das so sieht. Sie will baldige personelle Konsequenzen, vor dem nächsten Aktionärstreffen.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „In der aktuellen Zusammensetzung fehlt dem Aufsichtsrat von Bayer ausreichend fachliche Kompetenz, um die operativen und die Rechtsrisiken der Übernahme von Monsanto richtig einschätzen zu können“, urteilte Dekas Leiter für Unternehmensführung, Ingo Speich. „Hier muss dringend personell nachgebessert werden, insbesondere im Bereich Rechtsexpertise, vor allem in den Vereinigten Staaten, und mit ausgewiesenen Agrarexperten. Bis zur nächsten Hauptversammlung können wir damit nicht warten.“ Deka hält nach eigenen Angaben gut 1 Prozent der Bayer-Aktien.

          Dem Bayer-Management wird vorgeworfen, Rechtsrisiken beim Kauf des amerikanischen Agrochemie-Konzerns Monsanto unterschätzt zu haben – der größten Übernahme, die Bayer und sogar irgendein deutsches Unternehmen je getätigt hat. Der Chemie- und Pharmakonzern ist in Amerika mit Klagen wegen des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat konfrontiert, der Aktienkurs ist stark gesunken. Vor eineinhalb Wochen verweigerten die Aktionäre auf der Hauptversammlung dem Vorstand deswegen mehrheitlich die Entlastung – was bisher noch keinem amtierenden Dax-Vorstand passiert ist. Der Aufsichtsrat mit seinem Vorsitzenden Werner Wenning stellte sich noch in der selben Nacht hinter den Vorstand unter Leitung von Werner Baumann. Auch Aktionäre, die den Vorstand nicht entlastet haben, wollen an ihm vorerst festhalten – im Kern, weil ein neues Führungsgremium sich eilig in die Krise einarbeiten müsste und der Konzern destabilisiert werden könnte.

          „Wir nehmen das Abstimmungsergebnis der Hauptversammlung sehr ernst“

          Dafür richtet sich die Aufmerksamkeit auf den Aufsichtsrat. Wer ihn nach Ansicht von Deka verlassen soll, bleibt offen. In der Praxis dürften mindestens zwei Neue gefordert sein – denn Personen, die beide gewünschten Qualifikationen in sich vereinen, dürften rar sein. Ins selbe Horn wie Deka stößt Union Investment, macht dabei aber keinen Zeitdruck. „Langfristig sollten die Kompetenzen des Aufsichtsrats der Entwicklung des Unternehmens Rechnung tragen und kontinuierlich erweitert werden“, sagte ein Sprecher. Welche er meint, ließ er offen. Aus Kreisen der Fondsgesellschaft ist aber zu hören, auch ihr gehe es um die beiden Punkte „Rechtsexpertise in Amerika“ und „Agrochemie“. Vorerst lässt Union indes beide Führungsgremien in Ruhe. „Vorstand und Aufsichtsrat haben eine zweite Chance verdient“, sagt der Sprecher.

          BAYER

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          Der Aufsichtsrat war auf der Hauptversammlung entlastet worden, von etwa zwei Dritteln des anwesenden Kapitals – was ebenfalls ungewöhnlich wenig ist und ein Affront. Rechtliche Folgen haben die Abstimmungen nicht. Doch ist das Management nach solchen Ergebnissen angeschlagen. Wenning gab sich in der nächtlichen Stellungnahme nach der Hauptversammlung vergleichsweise einsichtig. „Wir nehmen das Abstimmungsergebnis der Hauptversammlung sehr ernst“, ließ er mitteilen.

          Weniger beachtet bekam auf der Veranstaltung im übrigen ein Sonderprüfungsantrag des prominenten Aktionärs Christian Strenger rund ein Viertel Zustimmung – auch dies ist nach den Maßstäben einer Hauptversammlung eine Watsche für das Unternehmen. Strenger, früher DWS-Chef und Gründungsmitglied der Regierungskommission für gute Unternehmensführung, will überprüft wissen, ob Vorstand und Aufsichtsrat aktienrechtliche Pflichten im Zusammenhang mit den Glyphosatklagen verletzt hätten.

          Es lief schon mal besser: Werner Baumann neben Aufsichtsratschef Werner Wenning (rechts)

          Wenning argumentiert, der Aufsichtsrat sei mit Wissenschaftlern und Fachleuten für Pharma, Konsumgüter, Finanzen, Controlling und Unternehmensführung gut aufgestellt – wobei man „eine weitere Verstärkung“ im Agrogeschäft für wünschenswert halte. Auf der zehn Mitglieder starken Kapitalbank ist dafür kein Fachmann, keine Fachfrau zu erkennen – es sei denn, man sähe einen in Wenning, weil er früher als Bayer-Vorstandschef das Agrochemiegeschäft mitverantwortete. Mit der Monsanto-Übernahme ist das Segment stark gewachsen, es steuerte voriges Jahr 14,3 Milliarden Euro zum Konzernumsatz von knapp 40 Milliarden Euro bei. Ein Bayer-Sprecher gab auf Anfrage am Dienstag keinen Kommentar zu den Forderungen ab.

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