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Produktionsstopp für 737 Max : Das Boeing-Debakel trifft ganz Amerika

Ob diese Boeing 737 Max in den kommenden Wochen noch fertiggestellt wird? Bild: Reuters

Der Baustopp für die Unglücksmaschine 737 Max trübt sogar die Handelsbilanz. Wie sehr profitiert der Dauerrivale Airbus?

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          Boeing spielt eine tragende Rolle in der amerikanischen Wirtschaft. Der Flugzeughersteller ist eines der größten Unternehmen aus der verarbeitenden Industrie im ganzen Land, er ist der größte Exporteur und auch einer der größten privaten Arbeitgeber. Mehr als 150.000 Menschen arbeiten für Boeing. Und das Modell 737 Max, das nach Abstürzen in Indonesien und Äthiopien seit März dieses Jahres aus dem Verkehr gezogen ist, ist Boeings mit Abstand wichtigstes Produkt. Mehr als drei Viertel des gesamten Auftragsbestandes in der Zivilflugsparte des Unternehmens entfallen auf diese Maschine.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Entsprechend ist der jetzt verkündete vorübergehende Produktionsstopp ein gewaltiger und symbolträchtiger Rückschlag für Boeing und weit darüber hinaus. Der Konzern hat beschlossen, im Januar die Fertigung der Maschine vorübergehend einzustellen. Begründet wurde dies mit der Unsicherheit über den Zeitpunkt für die Rückkehr der 737 Max in den Flugbetrieb und die damit verbundenen Konditionen. Wie lange die Pause dauern soll, ließ Boeing offen.

          Der Produktionsstopp wird unmittelbar die 12.000 Personen berühren, die in einem Werk in der Nähe von Seattle am Bau des Modells beteiligt sind. Boeing bekundete allerdings seine Absicht, diese Mitarbeiter weiterzubeschäftigen. Sie sollen entweder an Dingen arbeiten, die mit der 737 Max zu tun haben, oder in andere Projekte in der Region eingebunden werden.

          10 Milliarden Dollar an Entschädigungen?

          Freilich hängen nicht nur bei Boeing Arbeitsplätze von der Maschine ab, sondern auch im großen Netz an Zulieferern, welche die Bauteile für herstellen. Boeing deutete an, seinen Lieferanten in der Zeit des Produktionsstopps helfen zu wollen, ohne dabei aber ins Detail zu gehen.

          Nachdem die 737 Max im März aus dem Verkehr gezogen worden ist, hat Boeing die Auslieferungen der Maschine an Fluggesellschaften eingestellt, sie aber zunächst weiter produziert, wenn auch in kleineren Stückzahlen. Zuletzt sind 42 Exemplare im Monat gefertigt worden, vor dem Flugverbot waren es 52. Mittlerweile hat Boeing 400 Maschinen gebaut, die nicht ausgeliefert werden können. Diese Produktion auf Halde verschlingt nach Schätzungen von Analysten monatlich einen Milliardenbetrag. Einen Teil davon dürfte Boeing nun einsparen, wenn die Maschine gar nicht mehr gebaut wird.

          Dafür dürften die Kosten für das Unternehmen an anderer Stelle weiter steigen, je länger es dauert, bis die 737 Max wieder abheben kann. Zum Beispiel hat Boeing schon im Juli einen Vorsteueraufwand von 5,6 Milliarden Dollar für Entschädigungen an Fluglinien verbucht, welche die Maschine nicht einsetzen können. Nach Schätzungen von Analysten der Investmentbank Jefferies könnte sich dieser Betrag in etwa verdoppeln, wenn sich das Flugverbot bis März nächsten Jahres hinzieht. Beobachter gehen im Moment davon aus, dass die 737 Max nicht vor Februar abheben kann. Amerikanische Fluggesellschaften haben Flüge mit der Maschine bis zum April aus ihrem Programm gestrichen.

          „Schlag für die kollektive Psyche“

          Dass Boeing das Modell nicht ausliefert, hat sich auch schon negativ auf die amerikanische Handelsbilanz ausgewirkt. Und ein Produktionsstopp könnte auch das Bruttoinlandsprodukt drücken. Mark Zandi, der Chefökonom von Moody’s Analytics, wies allerdings gegenüber der „New York Times“ darauf hin, dass die amerikanische Wirtschaft derzeit robust genug sei, um dies zu verkraften. Nichtsdestotrotz sei der Produktionsstopp für die 737 Max „ein Schlag für die kollektive Psyche“.

          Boeing begründete seine Entscheidung, die 737 Max vorerst nicht mehr zu fertigen, auch damit, sich nach der Aufhebung des Flugverbots auf die Auslieferung der auf Halde produzierten Maschinen konzentrieren zu wollen. Diese Flugzeuge werden auch nach der Genehmigung durch die Behörden nicht alle auf einen Schlag an Kunden ausgeliefert werden können. Boeing hat selbst gesagt, dies könne sich bis 2021 hinziehen. Die amerikanische Flugaufsicht hat dem Unternehmen mitgeteilt, sie wolle jedes einzelne Exemplar des Modells prüfen, bevor es abheben darf.

          Hat Airbus Angst vor dem Monopol?

          Der europäische Flugzeughersteller Airbus profitiert naturgemäß von den Schwierigkeiten seines Erzrivalen. In einem duopolistischen Markt im Bereich der Passagierflugzeuge von mehr als hundert Sitzen wäre alles andere eine Überraschung. Allein im November verbuchte Airbus nach Stornierungen Aufträge für 176 Maschinen – gegenüber gerade 11 für Boeing. Im ganzen Jahr hat Boeing 240 Bestellungen erhalten, doch gleichzeitig auch 324 Stornierungen. Unter Strich verlor der amerikanische Anbieter somit Aufträge über 84 Maschinen. Im vergangenen Jahr hatte Boeing nach Stornierungen im Saldo noch 893 Bestellungen erhalten.

          Ein Airbus-Sprecher verwies am Dienstag jedoch auch darauf, dass „die Fluggesellschaften gerne zwei Anbieter am Verhandlungstisch sehen“. Sie fürchten kaum etwas so sehr wie eine monopolartige Situation.

          Im Fall von Airbus kommt hinzu, dass der europäische Hersteller aufgrund der hohen Auftragslage kaum neue Bestellungen annehmen kann. Bis 2024 ist das Unternehmen ausgebucht, heißt es. Die Misere von Boeing will Airbus nicht kommentieren. Doch man verweist auf die steigende Nachfrage nach dem A321XLR, einer besonders weit fliegenden Variante aus der Flugzeugfamilie, zu der auch die Boeing 737 Max gehört. Diese Maschine mit einem Gang in der Mitte kann über den Atlantik fliegen und ist bei amerikanischen Fluggesellschaften wie United Airlines, American Airlines und Jet Blue beliebt. Der Konkurrent Boeing kann wegen der 737-Max-Krise Airbus auf diesem Feld derzeit wenig entgegen setzen.

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