https://www.faz.net/-gqe-a0z2j

Batteriehersteller Varta : Viel mehr Energie als gedacht

  • -Aktualisiert am

Michael Tojner, Mehrheitsaktionär und Aufsichtsratsvorsitzender der Varta AG (rechts) und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in einem Reinraum der Batteriezellenproduktion von Varta Bild: dpa

Rund um den Batteriehersteller soll ein europäisches Zentrum für Entwicklung und Produktion entstehen. Mit der Förderung verfolgt Wirtschaftsminister Altmaier ein ganz bestimmtes Ziel.

          2 Min.

          Für den Steuerzahler ist es ein teurer Besuch. Und es ist einmalig, dass Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) mit einem Koffer voller Geld in die Provinz ins baden-württembergische Ellwangen zum Batteriehersteller Varta kommt. Doch für den Politiker ist der Aufbau einer eigenen Batteriezellfertigung in Europa schon seit Beginn seiner Amtszeit ein vordringliches Ziel. Und da passt Varta ganz gut dazu.

          Denn der Batteriehersteller ist mit seinen kleinen und wiederaufladbaren Lithium-Ionen-Zellen für kabellose Kopfhörer oder Hörgeräte in den vergangenen Jahren zum Weltmarktführer geworden. Jetzt erhält der im M-Dax notierte Mittelständler frisches Geld vom Bund sowie den Ländern Bayern und Baden-Württemberg – und soll nun auch die Elektromobilität ankurbeln.

          Insgesamt gibt es Fördermittel in Höhe von 300 Millionen Euro bis zum Jahr 2024, wie Altmaier erklärt. Erste Batteriekomponenten würden bereits in Deutschland produziert. „Nun machen wir den nächsten Schritt hin zur Großserie bei Batteriezellen für automobile und industrielle Anwendungen“, sagt er.

          Die Fördersumme ist für ein Unternehmen wie Varta vergleichsweise hoch. Der Umsatz hatte 2019 insgesamt 362 Millionen betragen. Mit dem Geld will Varta am Stammsitz in Ellwangen und im bayerischen Nördlingen die nächste Generation Lithium-Ionen-Zellen erforschen und eine Massenproduktion aufbauen. Deutschland wolle Autoland bleiben, sagt Altmaier.

          Markt für Energiespeicher wächst

          Bundesweit wird das Bundeswirtschaftsministerium die Batteriezellfertigung voraussichtlich nun mit rund 3 Milliarden Euro fördern. Bisher waren es 1,7 Milliarden Euro. Zusätzliche Mittel kommen durch das geplante Konjunkturpaket der Bundesregierung hinzu, so der CDU-Politiker.

          Doch die Produktion von Batteriezellen für E-Autos steht für den Varta-Vorstandsvorsitzenden Herbert Schein zunächst nicht im Vordergrund. Denn erst einmal muss die Pilotanlage stehen. Das soll spätestens Ende 2021 der Fall sein. „Unsere Batteriezellen sollen zuerst in Robotern, fahrerlosen Transportsystemen oder Energiespeichern zum Einsatz kommen.“

          Vor allem der Markt der Energiespeicher werde in den nächsten Jahren stark wachsen. „Wir brauchen Batterien, um Sonnenenergie zwischenzuspeichern und sie dann abgeben zu können, wann immer diese gebraucht wird“, sagt Schein. Rund 1,8 Millionen Photovoltaikanlagen fallen nach Angaben des Managers in Deutschland in den nächsten Jahren aus der Förderung der Einspeisevergütung raus. „Es wird dann lukrativer sein, den Strom selbst zu verbrauchen, als ihn einzuspeisen.“ Varta sei schon in diesem Markt der Energiespeicher tätig und wolle dort ein Marktführer werden. „Und das nicht nur in Deutschland, sondern in Europa.“

          Rückkauf des Haushaltsbatterien-Geschäfts

          Schein sagt, Varta wolle sich zusätzliche Chancen mit Hilfe der Autoindustrie erschließen. Konkreter wird er aber nicht. Er bekräftigt, dass innerhalb der nächsten zwölf Monate 1000 zusätzliche Arbeitsplätze im Lithium-Ionen-Bereich geschaffen werden sollen. Von den international mehr als 4000 Mitarbeitern sind über 3000 in Deutschland tätig. „Wir werden bis Anfang nächsten Jahres unsere Produktionskapazität in Deutschland auf 200 Millionen Lithium-Ionen-Zellen pro Jahr aufbauen“, kündigt er an. Diese kommen beispielsweise in kabellosen Kopfhörern zum Einsatz, wo es auf höchste Energiedichte der Batteriezelle ankommt.

          Für Baden-Württemberg sei das Varta-Projekt ein Meilenstein, sagt die Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Ziel sei es nun, zum Zentrum für Forschung, Entwicklung und Produktion von Batterien in Europa zu werden. Altmaier prognostiziert, dass bis zum Jahr 2030 ein Drittel des globalen Bedarfs an Batterien in Europa produziert werde – viele davon in Deutschland.

          Mehrheitsaktionär von Varta ist der österreichische Investor Michael Tojner mit seiner Holding Montana Tech. Im Dezember hatte Varta grünes Licht von der EU-Kommission für den Rückkauf seines Haushaltsbatterien-Geschäfts vom amerikanischen Konkurrenten Energizer bekommen. Die Industriellenfamilie Quandt hatte Varta 2002 zerschlagen. Zwei der drei Unternehmensteile sind nun wieder vereint, nur die Varta-Autobatterien kommen vom amerikanischen Zulieferer Johnson Controls. Tojner sagt, er wolle auch noch in zehn Jahren als Aufsichtsratsvorsitzender und Mehrheitsaktionär die Geschicke von Varta gestalten.

          Weitere Themen

          Die Zukunft der Ernährung

          Nachhaltige Lebensmittel : Die Zukunft der Ernährung

          Algen und Insekten gelten als die große Hoffnung, um das Ernährungsproblem der Welt zu lösen. In anderen Ländern sind sie schon als Nahrungsmittel verbreitet. Müssen wir nun auch in Europa unseren Speiseplan umstellen?

          Topmeldungen

          Zucchini, Paprika und angebratene Mehlwürmer auf einem Löffel

          Nachhaltige Lebensmittel : Die Zukunft der Ernährung

          Algen und Insekten gelten als die große Hoffnung, um das Ernährungsproblem der Welt zu lösen. In anderen Ländern sind sie schon als Nahrungsmittel verbreitet. Müssen wir nun auch in Europa unseren Speiseplan umstellen?
          Die 14 Angeklagten werden von 40 Anwälten vertreten. (Archivbild)

          Prozessauftakt in Duisburg : Gegen die „Mafia & Co. KG“

          Am Montag soll in einem zweiten Anlauf der Prozess gegen 14 Angeklagte beginnen, denen Kokainhandel unter Beteiligung der kalabrischen Mafia vorgeworfen wird. Dem Verfahren waren jahrelange Ermittlungen vorausgegangen.
          Wer die Zeit und das Geld hatte, hat sich in diesem Sommer gerne im eigenen Pool gesonnt.

          Vermögensvergleich : Wie reich sind Sie wirklich?

          Neue Zahlen zeigen, wie sich das Vermögen der Deutschen über das Leben entwickelt. Schon mit einem abbezahlten Haus und einer Lebensversicherung können Sie zu den oberen zehn Prozent gehören. Testen Sie selbst, wo Sie in Ihrer Altersgruppe stehen!
          Canan Topçu und Krsto Lazarević

          Streitgespräch : Gibt es Sprechverbote in Deutschland?

          Sie stimmt nicht mit den Menschen überein, die Deutschland einen allgegenwärtigen Rassismus attestieren. Für ihn dagegen ist Rassismus Alltag. Ein Streitgespräch über Identitätspolitik zwischen Canan Topçu und Krsto Lazarević.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.