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BASF-Chef Bock : „Wer hat schon mal in einer Fabrik gearbeitet?“

„Wir sind kein Reisebüro und kein Lebensversicherer, wir stellen reale Produkte her“, sagt BASF-Chef Bock über sein Unternehmen. Hier ein Foto vom Werksgelände in Ludwigshafen. Bild: dpa

Die Menschen in Deutschland verlieren das Gefühl für die Industrie, sagt BASF-Chef Kurt Bock. Bei vielen entstehe das Bild, die Wirtschaft bestimme die Politik. Die größte Lobbygruppe werde aber nicht von der Wirtschaft bezahlt.

          7 Min.

          Herr Bock, lassen Sie uns über Politik reden. Globalisierung, freie Märkte, offene Grenzen – an fast jedem Eckpfeiler der Marktwirtschaft entzündet sich heute Kritik. Was läuft da schief?

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Unsicherheit hat es immer gegeben, auch Kritik. Aber keine Frage, es gibt neue Trends, grundlegendere Kritik. Hans-Werner Sinn hat kürzlich darauf verwiesen, dass der Handel in den Schwellenländern zu mehr Wohlstand führte, in reifen Gesellschaften hat er die Diskussion um Verteilung verschärft. Das ist vermutlich ein Grund.

          Beunruhigen Sie die Zweifel an der Globalisierung? Ein Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat kürzlich in einem Leserbrief beschrieben, warum er (noch) nicht AfD wählt, und dabei ein typisches Bild gezeichnet von Konzernen, die Gesetze gestalten und Steuern vermeiden und von Banken und Vermögensverwaltern, welche die Politik mit ihrer Lobby im Griff haben.

          Ich habe diesen Leserbrief auch gelesen, aber ich teile seine Kritik nicht. Schauen Sie sich doch die Realität an: Die Chemiebranche etwa ist hochgradig reguliert, wahrscheinlich noch stärker als andere Branchen. Wie oft bekommt die Wirtschaft genau das, was sie will? Denken Sie nur an TTIP oder an die Energiewende. Es ist doch legitim zu sagen, welche Folgen ein neues Gesetz auf unsere Unternehmen und die Arbeitsplätze hat und dass Wettbewerber im Ausland etwa von solchen Belastungen nicht getroffen werden.

          Viele Menschen fürchten den Einfluss der Konzerne. Dabei sind diese in Deutschland stark reguliert, sagt Kurt Bock, Chef der BASF.

          Der Eindruck bei vielen Menschen ist offenbar ein anderer. Demnach bestimmen Heerscharen von Lobbyisten in Brüssel die Politik.

          Die größte Lobbygruppe in Brüssel sind NGOs, also die Nichtregierungsorganisationen, teilweise sogar staatlich finanziert. Da herrscht in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Denn die NGOs haben das Wohl der Menschheit auf ihrem Banner, und damit haben sie in der öffentlichen Diskussion ein gutes Entree, während uns vorgeworfen wird, „nur“ Geld verdienen zu wollen. Es sollte doch jeder seine Fakten und Argumente in die Diskussion einbringen. Am Ende muss die Politik dann entscheiden, was sie will, unter Abwägung aller Interessen. Und genau das tut sie auch.

          VW hat die Öffentlichkeit belogen, die Deutsche Bank die Zinsen manipuliert, man hat den Eindruck, Teile der Wirtschaft sägen ihren Ast schon selber ab.

          Ich kann nur für die BASF sprechen. Transparenz ist für uns oberstes Gebot, wir erklären, was wir tun. Ob Sie es glauben oder nicht, für uns gilt: Die Wirtschaft muss den Menschen von Nutzen sein, und genau daran halten wir uns.

          Wir schaffen attraktive Arbeitsplätze, wir tragen zum Wohlstand unserer Lieferanten bei, und wir stellen Produkte her, welche die Leute brauchen. Und für die BASF kann ich sagen, dass das Verständnis dafür in unserem Umfeld groß ist. Nach meiner Beobachtung verschlechtert sich die Einstellung zur Industrie, je produktionsferner eine Gesellschaft ist.

          Wie meinen Sie das?

          Wir haben in Deutschland 40 Millionen Arbeitskräfte, davon arbeiten nur noch weniger als 8 Millionen im verarbeitenden Gewerbe. Fragen Sie mal, wer schon in einer Fabrik gearbeitet oder wenigstens einmal eine besichtigt hat. Die Menschen verlieren das Gefühl für derartige Arbeitsplätze, und so wächst das Unverständnis. Die Kritik an TTIP wäre bei mehr Verständnis für die Industrie nie so gekommen, so wurde nur über Chlorhühnchen geredet.

          Die Antworten der Politik auf die wachsenden Zweifel könnte noch mehr Nationalismus sein, weniger Handel, höhere Zölle. Fürchten Sie einen Dammbruch, wenn die Amerikaner unter Donald Trump damit vorangehen?

          Es fällt mir schwer zu glauben, dass die Amerikaner eine Politik verfolgen, die den Wohlstand aller Beteiligten reduziert. Wir gehen davon aus, dass die Weltwirtschaft weiter wachsen wird, auch der Handel.

          Hat die BASF Produktion in Mexiko?

          Ja, für uns ist Mexiko attraktiv, wir haben dort eine Menge investiert, vor allem für unsere Kunden aus der Auto- und Elektroindustrie.

          Was, wenn Trump die Mauer baut?

          Ich gehe nicht davon aus, dass das passieren wird.

          Schon heute wächst der weltweite Handel langsamer als die gesamte Wirtschaftsleistung, das war früher anders. Ist das nicht ein ernstes Alarmzeichen?

          Von Kontinent zu Kontinent wächst er langsamer, das stimmt. Aber innerhalb der Kontinente, etwa in Asien, nimmt er zu. Das spricht für unser Internationalisierungskonzept. Wir versuchen in den Märkten mit entsprechender Produktion vor Ort zu sein. In Amerika produzieren wir 90 Prozent lokal, in Asien rund 60 Prozent.

          Im Oktober kamen bei einem Unglück auf dem Betriebsgelände der BASF in Ludwigshafen vier Menschen ums Leben. Die Ermittlungen laufen.

          Mitte Oktober ist auf Ihrem Werksgelände eine Pipeline explodiert, bei der vier Menschen ums Leben kamen. Wie es aussieht wegen eines einfachen Fehlers. Was entgegnen Sie jetzt den Kritikern, die sagen, Profit geht über alles?

          Sicherheit hat bei der BASF immer Priorität, immer, das ist doch gar keine Frage. Dieses Unglück hat uns alle im Mark erschüttert, und wir tun alles, um es aufzuklären und daraus zu lernen.

          Wie ist denn der Stand der Dinge?

          Die Staatsanwaltschaft untersucht den Fall und wird sich wohl Anfang nächsten Jahres wieder dazu äußern. Nach alldem, was wir derzeit wissen, sind alle Vorschriften im Vorfeld eingehalten worden.

          Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass ein Schnitt mit einer Flex in eine falsche Röhre das Unglück ausgelöst hat. Wenn die Ursache so simpel ist, was sagt das über die Sicherheit der BASF?

          Es waren mehrere erfahrene Arbeiter vor Ort, als es passierte. Ich weiß, viele Menschen können nicht verstehen, wie es auf solche Weise zu so einem tragischen Unfall kommen konnte. Wir haben selbst Gutachter im Einsatz, um zu klären, was wir noch besser machen können.

          Was passiert mit der chemischen Industrie, wenn die Digitalisierung fortschreitet? Werden dann auch in der BASF weniger Arbeiter gebraucht, wird der Fortschritt viele Verlierer produzieren, wie manche Wissenschaftler meinen?

          Wir sind kein Reisebüro und kein Lebensversicherer, wir stellen reale Produkte her, und daran wird sich auch nichts ändern. Ich kann nicht sehen, dass unsere Industrie grundsätzlich in Frage gestellt wird. Wir können mit der Digitalisierung die Produktionen verbessern und übrigens auch die Forschung. Das wird seit zwei Jahren intensiv in der BASF vorangetrieben mit vielversprechenden Erfolgen. Wenn wir etwas besser machen können, dann sollten wir das auch tun.

          Der schweizerische Pflanzenschutzhersteller Syngenta wurde vom chinesischen Konzern ChemChina übernommen.

          Was ist mit den Abgehängten?

          Ich sehe nicht, dass uns die Arbeit ausgeht. Wir haben in Deutschland ein erhebliches demographisches Problem. Wie wir die Digitalisierung meistern, ist deshalb vor allem eine Frage der Ausbildung und der Weiterbildung, und da bin ich optimistisch. Die duale Ausbildung hat bislang hervorragend funktioniert und sich flexibel auf Veränderungen eingestellt. Berufsbilder haben sich verändert. Die Digitalisierung ist ein weiterer Modernisierungsschub, wir werden auch den meistern. Mir ist die Diskussion über Digitalisierung viel zu defensiv. Wir sollten uns etwas zutrauen.

          Wie stellt sich BASF abseits von Effizienzverbesserungen auf diesen Umbruch ein? Andere Industrien klagen darüber, dass sich Mittler, etwa Vergleichsportale, zwischen Hersteller und Kunden drängen und damit das bisherige Geschäft auf den Kopf stellen. Kann das der Chemie auch passieren, dass jemand eine App programmiert und ein großer Konzern bekommt ein Problem?

          Es kann passieren, dass sich einer dazwischendrängt. Einer, der Knowhow bündelt und den Kunden sagt, wir kümmern uns darum und kaufen für euch das Nötige billig ein. So etwas ist durchaus vorstellbar. Aber die Chemie ist komplex. Wir verkaufen nicht nur Chemikalien, wir verkaufen auch Anwendungsknowhow. Ein Beispiel: Bei technischen Kunststoffen haben wir Systeme entwickelt, mit denen Kunden die Stoff- und Produkteigenschaften per Computer berechnen können. Sie müssen also ein Produkt nicht mehr erst bauen und dann testen. Das bedeutet einen enormen Zeit- und Wissensvorsprung. In diese Art von Dienstleistungen investiert die BASF erheblich, damit schützen wir unser Geschäft, das ist der Hebel, mit dem wir Produkte verkaufen.

          Die Chinesen kommen. In der Chemieindustrie hat die Übernahme des Schweizer Pflanzenschutzherstellers Syngenta durch den Staatskonzern ChemChina im Wert von 43 Milliarden Dollar für erheblichen Wirbel gesorgt. Sie selbst haben sich dazu skeptisch geäußert. Haben Sie Angst, dass auch bald die BASF gekauft wird?

          Dass die Chinesen jetzt in Europa einkaufen, ist nachvollziehbar. Das können sie in den Fünfjahresplänen nachlesen: Dort stehen exakt die Technologien drin, welche die Chinesen interessieren, bis hin zum Pflanzenschutzprodukt. Was ich fordere, sind gleiche Rechte und Pflichten – ein Level-Playing-Field – für Chinesen in Europa und Europäer in China.

          Und das gibt es nicht? Haben Europäer nicht jahrelang in China zugekauft?

          Nein. BASF hat in China in Gemeinschaftsunternehmen und Produktionsstandorte investiert und nur wenige kleine Übernahmen gemacht. Telekom-Unternehmen oder Versicherer können dort de facto keine Unternehmen kaufen. Uns sorgt, dass chinesische Unternehmen im Staatsauftrag für Zukäufe in Europa ganz andere Preise bieten können als Privatunternehmen.

          Wie wollen Sie das ändern? China ist eine staatsgelenkte Wirtschaft.

          Die Forderung ist trotzdem richtig. Wir müssen immer wieder auf gleiche Bedingungen dringen.

          Sollte der Staat Zukäufe aus China einschränken oder verbieten?

          Nein. Wir wollen nicht, dass Europa sich abschottet. Wir wollen, dass China sich weiter öffnet. Das betrifft in etwa die Frage des Joint-Venture-Zwangs oder die Benachteiligung bei öffentlichen Ausschreibungen.

          Der Kauf von Monsanto ist die größte Übernahme durch ein deutsches Unternehmen. Bayer gab die Übernahme im September bekannt.

          Was sagen Sie zu Bayer? Der Kauf von Monsanto ist die größte Übernahme eines deutschen Unternehmens überhaupt und natürlich ein Paukenschlag für Ihre Industrie. Wäre Monsanto nicht auch für die BASF eine Option gewesen?

          Wir sind nicht mit Bayer vergleichbar. Pflanzenschutz macht bei uns rund 10 Prozent des Umsatzes aus und 15 Prozent des Ergebnisses. Wir könnten für 10 Prozent unseres Geschäftes eine Akquisition in dieser Größenordnung nicht rechtfertigen. Die Folge wäre, dass die anderen 90 Prozent auf Jahre hinaus von wichtigen Ressourcen abgeschnitten sind.

          Welche Veränderungen braucht die BASF denn dann, um künftig zu bestehen?

          Wir haben ein wettbewerbsfähiges Portfolio, wir wachsen. Ich kann nicht erkennen, dass wir einen radikalen Umbau brauchten. Wir machen kleinere und mittlere Schritte und bauen das Portfolio so behutsam um. Entscheidend ist am Schluss, dass wir ins Ziel kommen, und zwar nicht mit hängender Zunge, sondern wohlgemut und gestärkt.

          Was bedeutet das konkret?

          Wir haben ein breites und leistungsfähiges Portfolio. Wir schauen uns darüber hinaus weiter nach innovationsgetriebenen Spezialitäten um. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass wir unser Portfolio in Bereiche ausbauen, in denen wir heute nicht tätig sind. Noch breiter und noch komplexer zu werden kann nicht das Ziel sein.

          BASF ist der letzte große vollintegrierte Chemiekonzern mit einer Wertschöpfungskette vom Ölbohrloch bis zum Endkunden. Ist das noch zeitgemäß?

          Ja, wir verdienen auch mit vermeintlichen Massenchemikalien gutes Geld und profitieren auf der ganzen Wertschöpfungskette. Zum Beispiel kommen rund 40 Prozent der Rohstoffe für unser Pflanzenschutzgeschäft aus dem BASF-Verbund. Für uns ist entscheidend, dass jedes einzelne Geschäft wettbewerbsfähig ist. Was wir nicht erlauben, ist, dass sich jemand in der BASF hinter dem warmen Ofen versteckt und sagt, bei mir läuft es gerade nicht so gut. Der Verbund geht aber weit über die Frage der Produktion hinaus. Es geht um unser Selbstverständnis, dass wir das Unternehmen integriert führen.

          Was meinen Sie damit?

          Wir sind ein Unternehmen mit vielfältigen Geschäften in der Chemie. Wir suchen Stärken zu nutzen und Schwächen auszugleichen und treten beim Kunden als eine BASF auf. Nehmen Sie die Autoindustrie, die etwa 15 Prozent unserer Umsätze ausmacht. Wir können nicht nur Lacke liefern, sondern Benzinadditive, Batteriechemikalien, Katalysatoren und Kunststoffe – das wird von unseren Kunden geschätzt. BASF weiß mehr über Autos als irgendein anderes Chemieunternehmen.

          Letzte Frage, ist die Talsohle im Chemiezyklus erreicht?

          Es gibt dafür ein paar Anzeichen. Für dieses Jahr bleiben wir bei unserer Prognose. Für einen Ausblick 2017 ist es noch zu früh.

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