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Barbara Kux neu im Vorstand : Bei Siemens ist die frauenlose Zeit vorbei

Barbara Kux: Siemens' neue Einkaufschefin Bild: dpa

Barbara Kux ist neue Einkaufschefin bei Siemens. Damit verbinden sich gleich mehrere Rekorde: Der Elektroriese ist nun das einzige Dax-Unternehmen mit einem weiblichen Vorstandsmitglied. Und erstmals nach 160 Jahren sitzt eine Frau im obersten Führungsgremium des Konzerns.

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          Die Quotenfrau ist Barbara Kux nicht. Das hat sie nicht nötig. Und das würde sie auch gar nicht mit sich machen lassen. Auf dem ersten Blick muss dieser Eindruck allerdings entstehen, wenn der Elektro- und Industriekonzern Siemens betont, dass erstmals seit 160 Jahren mit der 54 Jahre alten Managerin eine Frau im obersten Führungsgremium sitzen wird. Und dann weist der Münchener Konzern gleich noch auf ein weiteres Novum hin: Durch Kux werde Siemens das einzige Unternehmen im Dax 30 mit einem weiblichen Vorstandsmitglied sein.

          Rüdiger Köhn
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Am Mittwoch hatte der Aufsichtsrat Barbara Kux zum neunten Vorstandsmitglied ernannt. Sie soll für den weltweiten Einkauf im Konzern sowie für das Thema Nachhaltigkeit zuständig sein. In offizieller Diktion des Hauses heißt das „Chief Procurement Officer“ und „Chief Sustainability Officer“. Kux wird schon am nächsten Montag ihre neue Aufgabe als Einkaufschefin antreten. Ihre bisherige Tätigkeit hatte sie bereits zum 30. September aufgegeben. Fünf Jahre hat sie quasi die gleiche Arbeit beim Konkurrenten Philips in Amsterdam erledigt. Dort war sie auf der Ebene des „Group Managements“ tätig, das unter dem Vorstand angesiedelt, aber mit vielen Kompetenzen ausgestattet war.

          Die Schweizerin wollte näher an ihre Heimat heranrücken

          Es waren persönliche Gründe, die sie zum Abschied vom niederländischen Elektronikkonzern bewogen. Als Schweizerin wollte sie näher an ihre Heimat heranrücken, wo sie Familie hat.

          Für den Siemens-Vorstandsvorsitzenden Peter Löscher ist mit der Ernennung ein weiterer Schritt in Richtung Vielfalt im Vorstand und im Konzern überhaupt gemacht worden. Frauen sollen stärker in Führungspositionen gehoben werden. Als Eidgenössin bringt Kux mehr Internationalität in den Vorstand. Die Alpenregion ist im Konzernvorstand nun bestens vertreten: Löscher ist Österreicher. Auch die Angelsachsen sind mit Peter Solmssen, dem Chefjuristen, und dem Briten Jim Reid-Anderson, zuständig für Medizintechnik, gut vertreten.

          Nun kommt das Schwyzerdütsch einer Frau hinzu, die seit Jahren leidenschaftlich bei Philips über eben jene Themen gesprochen hatte, die sie auch am Wittelsbacher Platz beschäftigen werden. Ihre Aufgabe wird es zum einen sein, die Einsparmöglichkeiten im Einkauf aufgrund von Bündelungen zu nutzen. Unter ihrer Führung hat Philips die Zahl der Lieferanten vor einigen Jahren von einst 50 000 um mehr als ein Drittel vermindert. Philips hatte ein Einkaufsvolumen von 20 Milliarden Euro, das von Siemens erreicht 42 Milliarden Euro. Hier schlummern gewaltige Potentiale, die der Konzern gerade in den derzeit schwierigen Zeiten benötigt. Die Ernennung zeigt den wieder stärker auf das operative Geschäft ausgerichteten Fokus eines Unternehmens, das mit Korruptionsaffäre und Konzernumbau bis vor kurzem noch noch schwerwiegendere Probleme hatte.

          Kux ist keine Altruistin, sondern Marketingexpertin

          Zudem rückt für Siemens das Thema Umwelt und Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt. Mit einem Umsatz von rund 17 Milliarden Euro beansprucht der Konzern im Vergleich zu General Electric und Philips die Führungsposition. Gemerkt hat das bislang kaum jemand. Barbara Kux soll das ändern, nicht nur mit Blick auf Image und Kunden, sondern auch auf Investoren, für die Nachhaltigkeit zunehmend wichtig ist.

          Die gebürtige Zürcherin handelt aus tiefer Überzeugung – und das seit 1991. Damals hatte sie für das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Vorbereitung der ersten Umweltkonferenz in Rio de Janeiro eines der ersten wichtigen Werke zum Thema „Sustainability“ mitverfasst. Sie ist aber kein Altruist, sondern Marketingexpertin durch und durch, hat an der angesehenen Insead-Hochschule im französischen Fontainbleau studiert, beim Unternehmensbrater McKinsey, bei Nestlé und bei Ford gearbeitet. Die neue Siemens-Einkaufschefin verbindet Ökonomie und Ökologie: „Nachhaltigkeit ist eine große Chance und gehört zu den Spitzenprioritäten im Management“, sagt sie.

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