https://www.faz.net/-gqe-71gtq

Bankenskandale : Charakterfragen an die Banker

Die Skyline von Frankfurt, mit Lichtspuren von vorbeifahrenden Autos. Bild: dpa

Die Bankbranche ist krank. Gesunden müssen nicht nur die Banken, sondern auch die Banker.

          Entgegen einer alten Redewendung mag Geld nicht immer den Charakter verderben. Sobald aber die Möglichkeit besteht, innerhalb kurzer Zeit sehr viel Geld zu machen, wird ein Geschäft zur Charakterfrage. In den vergangenen Jahren haben viele fragwürdige Vorgänge in der Bankbranche den Eindruck genährt, dass dort die Festigkeit des Charakters nicht zwingend als Erfolgsvoraussetzung verlangt wird. Aktuelle Meldungen über die Manipulation von Geldmarktzinsen in London oder die Rolle des deutschen Investmentbankers Dirk Notheis in der ENBW-Affäre verstärken diesen Eindruck.

          Die unverkennbaren Bemühungen der Finanzbranche, in der Krise in Europa die Politik vor ihren Karren zu spannen und die Steuerzahler für ihr eigenes Versagen zahlen zu lassen, verstärken in der Öffentlichkeit die Abneigung gegenüber den Geldleuten. Manche Kritik mag polemisch, überzogen und zu verallgemeinernd sein. Im Grundsatz ist die Kritik völlig berechtigt. Die Branche ist schwer krank. Gesunden kann sie nur, wenn die Banker außer ihren Geschäftsmodellen auch ihre Denk- und Verhaltensweisen überprüfen.

          Die Branche ist exponentiell gewachsen, obwohl Teile kaum rentabel sind

          Das Grundproblem der Bankbranche ist ein exponentielles Wachstum in den vergangenen 15 Jahren, obgleich Teile des Bankgeschäfts kaum rentabel sind. Das gilt vor allem für das herkömmliche Kreditgeschäft. Weil Banken in vielen Ländern über einen Konjunkturzyklus mit dem traditionellen, eher risikoscheuen und oft langfristigen Kreditgeschäft kein oder kaum mehr Geld verdienen, haben viele Institute freiwillig hohe Risiken akzeptiert und durch exzessive Kreditvergabe Spekulationsblasen wie beispielsweise am spanischen oder am amerikanischen Immobilienmarkt erzeugt.

          Vor allem in den Vereinigten Staaten hat man die großzügige Vergabe fragwürdiger Kredite zu fördern gewusst, indem man sie in unverständliche Wertpapiere umwidmete und willige Ratingagenturen dafür gewann, diese Wertpapiere mit guten Bonitätsnoten zu versehen. Anschließend wurden die Papiere, deren fragwürdiger Charakter ihren Erzeugern nicht unbekannt war, unter anderem Investoren angedreht, die sich für besonders schlau hielten, aber das Gegenteil von schlau waren. Solche Investoren gab es auch in Deutschland.

          Investmentbanken lockten jahrelang die besten Absolventen

          Im Investmentbanking hat besonders die moderne Informationstechnologie durch komplizierte Produktinnovationen und Handelsstrategien die Möglichkeiten geschaffen, innerhalb kurzer Zeit sehr viel Geld zu verdienen. Mit diesem Versprechen lockten die Investmentbanken jahrelang die besten Universitätsabsolventen zu sich - darunter Mathematiker, Informatiker, Ingenieure und Physiker, die in ihren angestammten Branchen vermutlich gesamtwirtschaftlich sinnvoller beschäftigt gewesen wären. Wer Mitarbeitern schnelles Geld verspricht, muss sie schnell handeln lassen, und die durch unzureichendes Risikodenken geförderten Exzesse haben nicht nur Lehman Brothers das Leben gekostet, sondern generell Zweifel an der Mentalität im Investmentbanking geweckt.

          Die aktuelle Krise sollte die Banker dringend dazu veranlassen, wieder mehr Bodenhaftung zu gewinnen. Dazu gehört die Erkenntnis, dass die Branche über erhebliche Überkapazitäten verfügt und selbst nach einer Bereinigung die Gewinnmargen in vielen Sparten niedrig bleiben dürften. Die gesamtwirtschaftlich wichtigste Funktion der Bankbranche ist eine effiziente Vermittlung von Ersparnissen und Investitionen innerhalb einer Volkswirtschaft. Diese Funktion ist wichtig und verdient, vergütet zu werden. Aber diese Tätigkeit ist weder exklusiv, noch fordert sie - von der Informationstechnologie abgesehen - hohe Sachinvestitionen, und sie verlangt auch kein Geheimwissen mit Patentschutz. Einen Anspruch auf gewaltige Renditen kann man aus dieser Tätigkeit nicht ableiten.

          Erste Anzeichen der Besserung - aber sie reichen nicht

          Die Lernkurven werden nicht nur lang, sondern auch schmerzlich sein. Vor allem in London und New York konnten die Banken in der Vergangenheit damit rechnen, dass ihnen die Politik keine allzu großen Steine in den Weg warf. Heute versuchen die Banken im Verein mit anderen Großanlegern die Politik in Europa von Umschuldungen abzuhalten. Besonders dreist ist das Argument, Banken benötigten risikofreie Staatsanleihen für ihr Geschäft. Eine gleichzeitig verzinsliche und völlig risikofreie Anlage ist ein Widerspruch in sich. Wer nicht in der Lage oder willens ist, Risiken zu bewerten und zu managen, ist gerade im Bankgeschäft falsch aufgehoben.

          Es gibt durchaus erste Anzeichen einer Besserung, aber sie reichen nicht aus. In der Krise haben viele Häuser ihre Vorstandsvorsitzenden ausgewechselt. Die neuen Vormänner kennen zwar noch die alten Praktiken, sind aber vielleicht doch in der Lage, für eine neue Bescheidenheit zu werben. Das verhängnisvolle Geschäft mit komplizierten Verbriefungen von Krediten gibt es kaum mehr. Die hohen Renditen der Vergangenheit waren vorübergehende Exzesse in einer Spekulationsblase. Eine erdverbundenere und charakterfestere Vorstellung des Bankgeschäfts ist dringend notwendig.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Wenn Details stören : Weiß die SPD, was Hartz IV ist?

          Mit ihrem neuen Sozialstaatskonzept schielt die Partei auf Wähler. Besser wäre, sie schaute auf die Wirklichkeit. Denn die Statistiken verraten so einiges über Hartz IV – sowohl positive als auch negative Entwicklungen.

          Juan Guaidó im Interview : Keiner wird sich für Maduro opfern

          Venezuelas selbsternannter Interimspräsident ist zuversichtlich, dass er sich im Konflikt mit Präsident Maduro durchsetzen wird. „Er hat keinen Führungsanspruch, das Volk folgt ihm nicht mehr“, sagt Juan Guaidó im F.A.Z.-Interview.

          AfD-Chef : Gauland will den Verfassungsschutz abschaffen

          Die AfD-Parteijugend zieht Konsequenzen aus der Einstufung als „Verdachtsfall“ durch den Verfassungsschutz und ändert ihre Satzung. Und AfD-Chef Gauland spricht sich für die Abschaffung der Behörde aus – wegen ihres Gutachtens über seine Partei.
          Alain Finkielkraut, der französische Philosoph, wird in Paris von den „Gelbwesten“ rassistisch beschimpft

          Antisemitismus bei „Gelbwesten“ : „Ich habe einen absoluten Hass gespürt“

          Demonstranten der „Gelbwesten“-Bewegung beschimpften in Paris den Philosophen Alain Finkielkraut unter anderem als „Drecksjuden“. Bei der Gruppe sei Antisemitismus sehr verbreitet, sagte der Intellektuelle im Nachhinein. Nicht alle verurteilten die Übergriffe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.