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Bankenkrise : Kundenansturm auf die Filialen von Northern Rock

  • Aktualisiert am

Verängstigte Kunden in einer Filiale Bild: REUTERS

Tausende Kunden der britischen Hypothekenbank haben am Freitag und Samstag versucht, ihre Einlagen abzuziehen. Die Finanzaufsicht beruhigt. Doch die Krise zieht inzwischen Kreise. Auch Deutschen Fonds, die Papiere von Northern Rock besitzen, drohen Wertverluste.

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          Der Liquiditätsengpass bei der britischen Hypothekenbank Northern Rock hat bei den Kunden des Instituts, aber auch an den Finanzmärkten große Unruhe ausgelöst. Nachdem am Freitag und am Samstag Tausende von Kunden ihre Gelder von der Hypothekenbank abgezogen hatten, reagierte die britische Finanzaufsichtsbehörde FSA auf die Panik und verkündete: „Nach unserer Einschätzung ist Northern Rock zahlungsfähig, erfüllt alle seine Kapitalanforderungen und hat ein Hypothekenbuch mit guter Qualität. Wir betonen, dass Northern Rock seine Geschäftstätigkeit fortsetzen sollte.“

          Um Bankkunden die Angst zu nehmen, auch andere Institute könnten in eine ähnliche Situation geraten, betonte die FSA: „Die britischen Banken haben sehr gute Jahre hinter sich, was ihnen geholfen hat, gesunde Bankbilanzen und ein kräftiges Kapital aufzubauen.“ Die Bankaufsicht sei daher zuversichtlich, dass die Branche mit der Krise fertig werde. Am Freitag waren die Filialen von Northern Rock, der fünftgrößten britischen Hypothekenbank, bis in die späten Abendstunden hinein geöffnet, um verängstigten Kunden ihre Spargelder auszuzahlen. In ganz Großbritannien hatten sich Schlangen von Sparern vor den Filialen gebildet.

          Der Chef: Bank alleine kaum überlebensfähig

          Die Krise bei Northern Rock könnte auch deutsche Anleger und Banken treffen. So hat beispielsweise der Geldmarktfonds „Premium Plus“ der Commerzbank-Tochtergesellschaft Cominvest laut Vermögensaufstellung vom 31. Juli rund 3,5 Prozent seines Fondsvermögens in Papieren investiert, die Northern Rock über seine „Granite“-Plattform emittiert hat. Eines dieser mit AAA- bewerteten Papiere notierte am Freitag mit 98,3 Prozent, der Verlust für den Fonds hielt sich also in engen Grenzen. Auch Geldmarktfonds von DWS und Allianz haben in Northern-Rock-Papieren angelegt, nach einer ersten Übersicht aber nur kleine Bruchteile des Fondsvermögens. Nach Informationen des „Spiegel“ dürften auch die Landesbanken LBBW und Bayern LB betroffen sein. Ihre außerbilanziellen Zweckgesellschaften hätten milliardenschwer in verbriefte britische Hypotheken investiert, heißt es.

          Der Vorstandsvorsitzende von Northern Rock, Adam Applegarth, sagte in einem Gespräch mit der „Sunday Times“, seine Bank sei alleine kaum mehr überlebensfähig. Am Wochenende wurden in London hinter verschlossenen Türen bereits erste Gespräche geführt, ob Northern Rock von einem anderen Institut übernommen werden sollte. Demnach haben offenbar alle großen britischen Banken, aber auch Institute aus dem Ausland wie der Crédit Agricole, Interesse geäußert. Aus Bankenkreisen sei allerdings verlautet, dass der Aktienkurs der angeschlagenen britischen Hypothekenbank vor einem vollständigen Übernahmeangebot noch weiter fallen müsse - möglicherweise bis auf 350 Pence. Am Freitag waren die Aktien von Northern Rock mit einem Minus von 31,4 Prozent auf 438 Pence aus dem Handel gegangen.

          Dramatische Hilfsaktion der Bank von England

          In einer dramatischen Hilfsaktion hatte die Bank von England am Freitag Northern Rock eine längerfristige Liquiditätshilfe eingeräumt, um die Hypothekenbank vor der Insolvenz zu retten. Die Bank von England kam damit ihrer Aufgabe des Kreditgebers in letzter Instanz (lender of last resort) nach. Solch eine Hilfsaktion unternehmen die Notenbanken nur, um eine Bankenkrise zu verhindern, Kundengelder zu schützen und negative Konsequenzen für die Realwirtschaft zu vermeiden. Da die Bank von England mit der Liquiditätszufuhr gegenüber Northern Rock trotz der ihr überstellten Sicherheiten ein Risiko einging, musste die Hilfsaktion vom britischen Finanzministerium genehmigt werden.

          Northern Rock war in Liquiditätsnöte geraten, weil die Bank über wenige eigene Einlagen verfügt; sie hatte ihre herausgelegten Hypothekenkredite vor allem über die Emission von kurz laufenden Wertpapieren (Commercial Paper), strukturierten Hypothekenanleihen und anderen Wertpapieren refinanziert. Aufgrund der Vertrauenskrise ist diese Finanzierung aber ins Stocken geraten. Auch über den Interbankenmarkt konnte sich Northern Rock wegen des allgemeinen Misstrauens zuletzt kaum noch Geld beschaffen.

          Bankenaktien unter Druck

          Die Krise zieht inzwischen Kreise: Mehrere Hypothekenbanken haben die hohen Zinsen am Geldmarkt zum Anlass genommen, ihren variablen Hypothekensatz heraufzusetzen. Diese Verteuerung der Refinanzierung reichen die britischen Hypothekenbanken nun an die Verbraucher weiter, auf die dadurch erhöhte Zinszahlungen zukommen. Da in Großbritannien ein Großteil der Hypotheken variabel finanziert wird, könnte diese zusätzliche Belastung der Haushaltsbudgets in nächster Zeit zu einer Schmälerung der privaten Konsumnachfrage führen.

          Die Turbulenzen bei Northern Rock haben zum Wochenende die Aktien zahlreicher anderer europäischer Finanzinstitute unter Druck gebracht. Die Krise habe bewusstgemacht, dass es möglicherweise nicht nur am amerikanischen Immobilien- und Hypothekenmarkt zu Übertreibungen gekommen sei, sondern auch an einigen europäischen Märkten, kommentierten Fachleute. Laut einer Studie von Morgan Stanley haben sich die realen Immobilienpreise - also Nominalpreise minus Inflationsrate - in Großbritannien in den vergangenen zehn Jahren im Landesdurchschnitt gut verdoppelt. In Spanien und Schweden sind die realen Preise um rund 130 Prozent gestiegen, in Irland sogar um rund 170 Prozent. In Irland sind die Preise nun im Jahresvergleich erstmals gefallen, und auch in vielen anderen europäischen Ländern ist die Immobilien-Hausse abgekühlt. Das nährt Sorgen wegen der Werthaltigkeit der Hypothekenkredite.

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