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Vermehrte Rückstellungen : Die Angst vor Insolvenzen wächst

Fahnen der DZ Bank vor dem Bürohochhaus, das zur Zentrale der DZ gehört (Archivbild) Bild: dpa

Die großen Banken vervielfachen ihre Risikovorsorge. Die Gewinne gehen deutlich zurück. Warum Europas Banken bislang deutlich mehr unter der Pandemie leiden als die amerikanischen.

          3 Min.

          Die Corona-Pandemie wird für die Banken zur Belastungsprobe. Je länger die Einschränkungen des Wirtschaftslebens anhalten, desto größer wird das Risiko, dass Kredite in nennenswertem Umfang ausfallen. Allein die DZ Bank, die zweitgrößte deutsche Bank, musste ihre Risikovorsorge im ersten Halbjahr verfünffachen, wie sie am Freitag mitteilte. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) meldete ebenfalls am Freitag einen Anstieg der Risikovorsorge von 63 auf 281 Millionen Euro. Bei der Nord LB ging die Vorsorge für Kreditausfälle sogar von einer Million auf 99 Millionen Euro nach oben. Und die Deutsche Bank sichert ihre Kreditrisiken inzwischen mit rund 1,3 Milliarden Euro ab, verglichen mit 301 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum.

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das alles muss nicht heißen, dass den Banken auch wirklich Kredite in dieser Höhe wegbrechen. Den Anteil der tatsächlichen Problemkredite bezifferte etwa die LBBW am Freitag auf „niedrige 0,8 Prozent“. Aber die hohen Rückstellungen drücken die Ergebnisse und verringern die Handlungsfreiheit, wenn es darum geht, neues Geschäft zu machen. Obwohl die Bundesregierung gerade erst die Pflicht zur Insolvenzanmeldung bis zum Jahresende ausgesetzt hat, wächst in den Banken offensichtlich die Sorge vor größeren Zahlungsausfällen.

          „Wir stellen uns den vor uns liegenden Aufgaben in einer sehr guten Konstitution. Im operativen Geschäft nehmen wir eine anhaltend große Nachfrage wahr“, betonte Cornelius Riese, einer der zwei Vorstandsvorsitzenden der DZ Bank. „Eine steigende Zahl von Unternehmensinsolvenzen sowie eine Rückkehr der Volatilität an den Märkten könnten das Ergebnis jedoch erneut belasten.“ Für den weiteren Jahresverlauf gibt er sich daher vorsichtig: Zwar gehe man für das zweite Halbjahr von einem weiteren Ergebnisanstieg aus. Anders als in den vergangenen Jahren sei im Geschäftsjahr 2020 aber ein Milliardenergebnis voraussichtlich nicht erreichbar. Bei der LBBW ist in der Prognose lediglich von einem positiven Ergebnis die Rede. „Der weitere Verlauf ist nach wie vor schwer einzuschätzen“, heißt es in Stuttgart.

          Bild: F.A.Z.

          Sowohl in der DZ Bank als auch in der LBBW ist das Ergebnis deutlich zurückgegangen, beide Banken können aber immerhin Gewinne vermelden. Dem genossenschaftlichen Spitzeninstitut blieb ein Ergebnis vor Steuern von 557 Millionen Euro, nach 1,46 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum. Für die LBBW ging das Vorsteuerergebnis um gut zwei Drittel zurück auf noch 103 Millionen Euro.

          Rückstellungen mehr als verdreifacht

          Die Corona-Pandemie hinterlässt auf der ganzen Welt tiefe Spuren in den Bankbilanzen. Mehr als verdreifacht haben die 20 größten europäischen Institute ihre Rückstellungen für Kreditausfälle im ersten Halbjahr, wie aus einer nun vorgelegten Untersuchung der Deutschen Bank hervorgeht. Bei fast 50 Milliarden Euro liegt diese Größe so hoch wie zuletzt im Jahr 2010, also kurz nach der großen Finanzkrise, und weit höher als in den Jahren der Euro-Schuldenkrise.

          Doch auch in anderen Geschäftsbereichen belastet die Pandemie: Die Rezession lässt die Umsätze schrumpfen, wichtige Einnahmequellen wie die Beratung für Fusionen und Übernahmen sprudeln nicht mehr. Noch dazu müssen viele Banken die Bewertungen von Unternehmensanteilen herabsetzen. Laut der Untersuchung der Deutschen Bank gingen die gesamten Einnahmen der 20 wichtigsten europäischen Banken im ersten Halbjahr um 5 Prozent zurück. Ein Drittel der Institute musste Verluste verbuchen. So blieb den 20 Banken zusammengerechnet gerade noch ein Minimalgewinn von 3 Milliarden Euro – 94Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

          Damit leiden die europäischen Banken deutlich mehr unter den Folgen der Krise als ihre amerikanischen Wettbewerber. In den Vereinigten Staaten arbeiten die meisten großen Institute trotz der Krise noch profitabel, wie die Deutsche Bank in ihrer Analyse hervorhebt; ihr zusammengerechneter Gewinn ging nur um 60 Prozent nach unten. Und das, obwohl das Virus in den Vereinigten Staaten noch viel stärker grassiert als in Europa. Und obwohl die Unternehmen und Arbeitnehmer – also die Kunden der Banken – diesseits des Atlantiks weit mehr staatliche Unterstützung wie Kurzarbeitergeld oder Sofortkredite erhalten.

          Die Deutsche Bank betont in ihrer Untersuchung, dass die Stabilität der Banken trotz der negativen Entwicklungen bisher nicht in Gefahr sei. Die Kapitalpuffer, die Banken in Krisenzeiten stabilisieren sollen, seien im Durchschnitt sogar etwas gestiegen auf 14 Prozent. Das sei unter anderem dem von der Europäischen Zentralbank ausgesprochene Dividendenverbot zu verdanken.

          Im weiteren Jahresverlauf dürfte sich die Geschäftslage für die Banken kaum verbessern. Hatten sie in den ersten sechs Monaten immerhin noch davon profitiert, dass die Nachfrage nach Unternehmenskrediten, nach Absicherungen und Anlageprodukten außergewöhnlich hoch war, so dürfte diese Sonderkonjunktur kaum bis zum Jahresende andauern. Wenn dann die Ausnahmeregeln zur Insolvenzanmeldung auslaufen, dürften zudem die tatsächlichen Kreditausfälle ansteigen.

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