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Banken : Frauen in der Zielvereinbarung

Sechs von zehn Mitarbeitern in der Finanzbranche sind weiblich - aber nur wenige Vorstandsmitglieder Bild: dapd

In der Finanzbranche mangelt es an Frauen. Nicht in den Filialen, aber in den Führungszirkeln. Nun kommt Bewegung in die Chefetagen. Branchenprimus Deutsche Bank holt die ehemalige Finanzchefin von JPMorgan in den Aufsichtsrat.

          Deutsche Banken haben ein Problem: Die Zahl der weiblichen Führungskräfte ist verschwindend gering, vor allem, wenn es um Positionen im Topmanagement geht. Nach einer Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) waren Ende vergangenen Jahres in den 100 größten deutschen Banken und Sparkassen nur 4,2 Prozent der Vorstände weiblich - 17 Frauen standen 390 Männer gegenüber. In öffentlich-rechtlichen Banken lag der Frauenanteil mit 3,6 Prozent noch unterhalb des allgemeinen Durchschnitts. Dabei sind laut den Zahlen des Statistischen Bundesamtes fast sechs von zehn Mitarbeitern in der Finanzbranche weiblich. In den Volks- und Raiffeisenbanken beträgt der Frauenanteil gut 57 Prozent, in den Sparkassen sogar 63 Prozent.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Doch es tut sich etwas: Männliche Vorstandsmitglieder aus Frankfurter Banken berichten, dass sich die Aufstiegschancen für Frauen in jüngster Zeit deutlich verbessert hätten. Binnen weniger Tage meldeten gleich zwei Institute die Berufung weiblicher Vorstandsmitglieder. In das Führungsgremium der deutschen Tochtergesellschaft von Morgan Stanley stieg Helene von Roeder auf. Und der Aufsichtsrat der Aareal Bank ernannte Dagmar Knopek zum neuen Vorstandsmitglied. Der Wiesbadener Immobilienfinanzierer will offenbar mit gutem Beispiel vorangehen: Am 22. Mai kommt es auch an der Aufsichtsratsspitze zu einem Wechsel. Der frühere KfW-Vorstandschef Hans Reich wird dann von Marija Korsch abgelöst.

          Auch die Deutsche Bank setzt ein Zeichen. Bei den anstehenden drei Wechseln im Aufsichtsrat soll die frühere Finanzchefin der amerikanischen Großbank JPMorgan Dina Dublon in das Kontrollgremium einziehen, wie ein Sprecher der Bank am Sonntag bestätigte. Die 59-jährige Dublon lehrt derzeit an der Elite-Universität Harvard in den Vereinigten Staaten.

          Ohne Frauen weniger Bonus

          Angefangen habe die Frauenoffensive vor rund anderthalb Jahren, berichten Personalberater. Personalabteilungen wurden umstrukturiert, Fachleute für „Diversity“ eingestellt und geschult. In den Zielvereinbarungen vieler Führungskräfte stehen nun Vorgaben zur Frauenförderung. Wer ausschließlich Männer für die Karriereleiter empfiehlt, muss mit weniger Bonus rechnen. Fragt man die Headhunter nach den Gründen für die Betriebsamkeit, verweisen sie wahlweise nach Berlin oder nach Brüssel. „Die Politik schwingt weiterhin den Rohrstock“, sagt Friedrich-Wilhelm Graf Pfeil, der bei der Personalberatung Korn Ferry in Frankfurt Führungspersonal für Finanzdienstleister vermittelt. In anderen Regionen der Welt sei es wesentlich etablierter, dass Frauen hohe Führungspositionen bekleideten.

          Doch die jahrzehntelange Fokussierung auf Männer wirkt nach: Qualifizierte Frauen im mittleren Management sind rar und entsprechend umworben. „Für eine Position gibt es 100 männliche Kandidaten, aber vielleicht drei Frauen“, berichtet Andreas Halin, der ebenfalls als Personalberater mit Schwerpunkt Finanzbranche in Frankfurt arbeitet. So verwundert es nicht, dass sich an den Vorstandsspitzen der 100 größten deutschen Kreditinstitute bislang nur drei Frauen finden. Manuela Better leitet die Deutsche Pfandbriefbank, die aus den Trümmern der Hypo Real Estate hervorgegangen ist. Die Sparkasse Krefeld hat mit Birgit Roos ebenso eine Vorstandsvorsitzende wie die Frankfurter Volksbank mit Eva Wunsch-Weber. Darüber hinaus wird die deutsche Tochtergesellschaft der britischen Royal Bank of Scotland von einer Frau geleitet: Ingrid Hengster. Die Österreicherin wird in der Gerüchteküche immer wieder auch als Kandidatin für Führungspositionen in anderen Häusern gehandelt.

          Keine Frau im Vorstand von Commerzbank und Deutscher Bank

          Keine Frauen gibt es dagegen in den Vorständen der beiden größten Banken des Landes, der Deutschen Bank und der Commerzbank. Auch dem zweiten Führungsgremium der Deutschen Bank, dem sich aus den acht Vorstandsmitgliedern und elf weiteren Führungskräften zusammensetzenden Group Executive Committee, gehört keine Frau an. Das soll sich ändern. Eine Sprecherin des Instituts verweist darauf, dass der Anteil der Frauen im gehobenen Management - dazu zählen Positionen wie Managing Director oder Director - seit 2010 von 16 auf aktuell 18 Prozent gestiegen sei. Der Anteil weiblicher Führungskräfte allgemein, also auch auf Ebenen unterhalb des gehobenen Managements, habe sich in diesem Zeitraum von 29 auf knapp 31 Prozent erhöht. Allerdings verliert die Deutsche Bank mit Charlotte Jones gerade eine Hoffnungsträgerin. Die Britin wechselt zu Credit Suisse nach London.

          Die Commerzbank kommt im unteren Management auf einen Frauenanteil von 30 Prozent. Gemessen an der Belegschaft, die zur Hälfte aus Frauen besteht, ist das wenig. Noch seltener sind Frauen im mittleren und oberen Management. Personalvorstand Ulrich Sieber kündigte im Dezember an: „Das werden wir in Zukunft ändern.“ Ein erster Schritt war die Berufung von Annette Messemer, die seit Februar Bereichsvorstand in der Kapitalmarktsparte ist und dort die Kundenbetreuung mit 80 Mitarbeitern verantwortet. Während Personalberater die Qualitäten Messemers loben und sie als Kandidatin für Höheres handeln, so lassen sie doch auch durchblicken, dass ihnen manch andere Beförderung weniger geeignet erscheint.

          „Es gibt einen Missstand, der behoben werden muss“, sagt Andreas Halin. „Aber je schneller die Korrektur, desto größer ist die Gefahr, zu sehr auf das Frauen-Kriterium zu schauen.“ Anders als in Industrieunternehmen seien in Banken wegen der komplexen Sachverhalte Quereinstiege kaum vertretbar. Eine ähnlich große Herausforderung wie die Beförderung von Frauen ist es, die Managerinnen auch auf Dauer in der Branche zu halten. Der Stresspegel im Finanzgewerbe gilt als höher als anderswo, der Umgangston als rauher. Frauen seien anders als Männer nicht gewillt, sich damit auf Dauer abzufinden, berichten Berater immer wieder.

          Die wohl prominenteste Aussteigerin ist Dorothee Blessing, die Ko-Leiterin Investmentbanking von Goldman Sachs in Deutschland. Die Ehefrau von Commerzbank-Chef Martin Blessing kündigte kürzlich zur allgemeinen Überraschung ihren Abschied an. Manche trauen ihr ein Vorstandsmandat in einem Dax-Konzern zu. Dass es ein Leben jenseits des Investmentbankings gibt, hat Dagmar Kollmann vorgemacht. Die ehemalige Morgan-Stanley-Deutschland-Chefin ist heute unter anderem Aufsichtsrätin bei der Deutschen Telekom und Mitglied der Monopolkommission.

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