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Banken : Der Aufstieg der Südstaatler

  • -Aktualisiert am

Von Charlotte in die Welt: Zentrale der Bank of Amerika Bild: AP

Die Bank of America aus North Carolina hat zum ersten Mal die New Yorker Citigroup überholt und ist damit größte Bank Amerikas. Vorstandschef Lewis sieht sich selbst als „Underdog“, der eine bewußt andere Strategie fährt als die Konkurrenz.

          Zwischen den amerikanischen Südstaaten und den nördlichen Bundesstaaten des Landes gibt es eine besondere Konkurrenz. Das geht teilweise auf den verlorenen Bürgerkrieg zurück, der im Süden auch fast anderthalb Jahrhunderte nach seinem Ende noch ein Thema ist. Nirgendwo sonst finden sich historische Wälzer über den Bürgerkrieg in den Auslagen von Buchläden. Aber es hat auch mit dem elitären Anspruch von nördlichen Metropolen wie Boston oder New York zu tun. Boston besitzt Spitzenuniversitäten wie Harvard, und New York ist mit der Wall Street unbestritten das wichtigste Finanzzentrum der Welt.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Nun hat eine Bank aus den Südstaaten die Wall Street düpiert. Die Bank of America mit Sitz in Charlotte im Bundesstaat North Carolina war am Dienstag an der Börse mit knapp 244 Milliarden Dollar erstmals mehr wert als der nach Bilanzsumme noch größere Konkurrent Citigroup, dessen Hauptquartier in Manhattan liegt.

          „Rauflustiger Unterschätzter“

          Es war aber nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Bank of America an der Citigroup vorbeiziehen würde. Denn das Südstaateninstitut hatte schon in den vergangenen Jahren unter Vorstandschef Kenneth Lewis kontinuierlich auf die Citigroup aufgeschlossen. Offiziell wurde die Bedeutung des Wechsels an der Spitze bei der Bank of America heruntergespielt. Das Geschäft laufe normal weiter, hieß es.

          Erfolgreiche Strategie: Bank of America-Vorstand Lewis

          Hinter den Kulissen dürfte sich das Spitzenmanagement um Vorstandschef Lewis aber diebisch gefreut haben. Denn Lewis sieht sich und die Bank als einen „rauflustigen Unterschätzten“, als einen „Underdog“. Das erklärt sich aus seinen eigenen Wurzeln. Der jetzt 59 Jahre alte Lewis wurde in Meridian im Bundesstaat Mississippi geboren und ist damit waschechter Südstaatler. Aufgewachsen ist er in einfachen Verhältnissen in Columbus, Georgia. Seine alleinerziehende Mutter war Krankenschwester, und Lewis half mit Jobs als Zeitungsjunge oder Schuhverkäufer mit, damit die Familie über die Runden kam. Seine Ausbildung erhielt Lewis auch nicht an einer privaten Eliteuniversität wie Harvard. Er machte seinen Abschluß in Betriebswirtschaft an der Georgia State University und heuerte danach, 1969, als Kreditanalyst bei der regionalen North Carolina National Bank (NCNB) in Charlotte an.

          Zweitgrößtes Bankenzentrum der Vereinigten Staaten

          Dieses Institut ist der Kern der heutigen Großbank. Die amerikanische Bankenwelt war aufgrund regulatorischer Vorgaben lange Zeit stark fragmentiert gewesen. Mit der Liberalisierung des Marktes kam es dann zu einer Konsolidierung der regionalen Banken, bei der die NCNB eine starke Rolle spielte. Banken aus North Carolina hatten dabei sogar einen Vorsprung, weil dieser Bundesstaat seit jeher liberale Bankgesetze hatte. Das ist auch der Grund, warum sich die Südstaatenmetropole Charlotte als zweitgrößtes Bankenzentrum der Vereinigten Staaten bezeichnen darf. Auch die viertgrößte Bank Wachovia hat dort ihren Sitz.

          Großbanken mit einem Filialnetz, das sich über die ganze Nation erstreckt, entstanden in den Vereinigten Staaten als Folge der Konsolidierung erst Ende der neunziger Jahre. Aus der North Carolina National Bank war damals schon die Nations Bank geworden und die wagte 1998 einen großen Wurf auf dem Weg zu einer national führenden Bank. Die Nations Bank übernahm damals für 60 Milliarden Dollar die Bank of America, die damals nur eine große Regionalbank mit Präsenz in den westlichen Bundesstaaten gewesen war. Das fusionierte Kreditinstitut firmierte danach unter dem griffigeren Namen Bank of America, und es war, wie der Name versprach, die erste Bank, die im ganzen Land Filialen besaß.

          „Die Wall Street ist nicht Amerika“

          Kenneth Lewis wurde erst für das Tagesgeschäft der Bank verantwortlich und 2001 Vorstandschef. Die Bank of America war damals an der Börse nur halb soviel wert gewesen wie die Citigroup, die ihrerseits 1998 durch eine Großfusion entstanden war. Aber die Finanzhäuser verfolgten unterschiedliche Strategien. Während die Citigroup ihr internationales Geschäft forcierte und einen starken Schwerpunkt auf das Investmentbanking legte, konzentrierte sich die Bank of America vor allem auf Privatkunden und das Geschäft im Heimatmarkt.

          Das zahlte sich für die Südstaatler aus, als die Baisse und die Skandale an der Wall Street die Erträge und Börsenkurse der New Yorker Konkurrenten in den ersten Jahren dieses Jahrzehnts beutelten. Der Nettogewinn der Bank of America war in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt um 17 Prozent pro Jahr gestiegen. Die Citigroup steigerte ihren Gewinn dagegen nur um 10 Prozent jährlich. „Die Wall Street ist nicht Amerika“, sagte sich Lewis und konzentrierte sich lieber auf den Mittelstand und die privaten Haushalte, die er für maßgeblicher hält. Er hat auch das Potential von Kunden aus Minderheiten früh entdeckt.

          Kurz vor dem Limit

          Aber Lewis setzte nicht nur auf organisches Wachstum und Kostenkürzung, sondern auch auf Akquisitionen. Ende 2003 leitete er die Übernahme der großen Bostoner Regionalbank Fleet für 47 Milliarden Dollar in die Wege. Im vergangenen Jahr übernahm die Bank dann den großen Kreditkartenanbieter MBNA für 35 Milliarden Dollar. Lewis hat nun die Absicht, sich stärker in Westeuropa und Asien zu engagieren. „Wir denken, daß uns erst unsere starke Stellung in Amerika das Potential gibt, im Ausland aufzutrumpfen“, sagte Lewis kürzlich. In Amerika sind die Wachstumschancen ohnehin begrenzt. Eine Bank darf nicht mehr als 10 Prozent der Einlagen halten, und die Bank of America steht kurz vor diesem Limit.

          Vor zwei Wochen kaufte die Bank den New Yorker Vermögensverwalter U.S. Trust, um das Geschäft mit reichen Kunden auszubauen. Das ist ein weiteres Zeichen dafür, daß die Südstaatler in New York ganz vorne angekommen sind - neben den zahlreichen Filialen und einer unübersehbaren Werbetafel am Times Square.

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