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Bank in Not : Commerzbank streicht vor allem in Deutschland Jobs

Vorstand und Arbeitnehmervertreter verhandeln über die Stellenstreichungen bei der Commerzbank. Bild: Reuters

Bei der Commerzbank fällt nach Informationen der F.A.Z. ein Großteil der Stellen in der Zentrale und in deutschen Filialen weg. Zwei Tochtergesellschaften sind von den Plänen ausgenommen.

          3 Min.

          Begleitet von Ängsten der Mitarbeiter vor betriebsbedingten Kündigungen hat in der Commerzbank am Montag das zweite Gespräch des Vorstandes mit den Arbeitnehmervertretern über den Stellenabbau stattgefunden. Die Fronten wirken verhärtet: Mark Roach, für die Gewerkschaft Verdi im Commerzbank-Aufsichtsrat, hat dem Vorstand vor einer Woche in dieser Zeitung eine Hin-Halte-Taktik vorgeworfen, weil er den Sozialplan erst nächstes Jahr aushandeln will. Monatelang würden nun Mitarbeiter darüber im Unklaren gelassen, ob sich die Bank von ihnen trennen wird. Betriebsbedingte Kündigungen hat der Vorstand ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Für Verwirrung und Verunsicherung sorgen zudem verschiedene Zahlen zum Stellenabbau, die herumgeistern. Mal ist von Mitarbeitern, mal von Vollzeitstellen, mal von schon vereinbarten, aber noch nicht vollzogenen Stellenstreichungen die Rede. Nur langsam wird das Bild über den Stellenabbau klarer.

          Hanno Mußler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach Informationen dieser Zeitung plant der Vorstand in der Commerzbank im Jahr 2020 mit 36.200 Vollzeitstellen. Ende 2015 arbeiteten nach Unterlagen der für Personal verantwortlichen Generalbevollmächtigten Bettina Orlopp bei der Commerzbank noch 43.300 Menschen in Vollzeit. Schon hier gibt es erste Ungereimtheiten, denn ein Blick in den Geschäftsbericht 2015 zeigt: Ende Dezember hatte die Commerzbank noch 45.419 Vollzeitkräfte. Woher die 2100 Stellen große Diskrepanz kommt, ist unklar. Weil auch gut 2000 Stellen neu geschaffen werden, verhandeln Vorstand und Betriebsrat jedenfalls über 7100 Vollzeitstellen „Nettoabbau“.

          Betriebsbedingte Kündigungen drohen

          Da auf die Mitarbeiter der Commerzbank nun die dritte Abbauwelle seit 2009 zurollt, gelten Maßnahmen wie Altersteilzeit als weitgehend ausgereizt. Betriebsbedingte Kündigungen scheinen kaum vermeidbar. Verdi spricht von einem drohenden „Kahlschlag“. Gleichzeitig halten Arbeitnehmervertreter dem Vorstand allerdings auch vor, mit seiner Darstellung des Stellenabbaus zu übertreiben. Die Zahl von 9600 Stellen, die der Vorstandsvorsitzende Martin Zielke Ende September Journalisten genannt hat, sollte die Börse beeindrucken, so der Vorwurf in einem Verdi-Flugblatt, über das diese Zeitung in der vergangenen Woche berichtet hat. Mit der Realität habe sie wenig zu tun.

          Tatsächlich taucht Zielkes Zahl in den Verhandlungen mit dem Betriebsrat nur am Rande auf, denn: 9600 abzubauende Stellen – das ist eine Brutto-Zahl. Der Vorstand hat mit dem Betriebsrat schon 2013 Vereinbarungen über einen Stellenabbau getroffen, der noch nicht vollständig umgesetzt ist. 1700 Stellen fallen demnach bis 2017 weg, ohne dass darüber noch verhandelt werden muss. Außerdem geht man davon aus, dass 900 Mitarbeiter die Bank in diesem Jahr freiwillig verlassen. Darüber hinaus streicht der Vorstand 600 Stellen im Investmentbanking im Ausland, wovon mit rund 500 Stellen der Großteil den Konzern über den Verkauf des ETF-Geschäftes verlassen soll. Rechnet man all dies zusammen, müssen Vorstand und Betriebsrat jetzt „nur“ vereinbaren, wie 6500 Stellen abgebaut werden.

          Kehrt man zur Sicht des Vorstandes vom Bruttoabbau um 9600 Vollzeitstellen bis 2020 zurück, bedeutet er tiefe Einschnitte gerade im Inlandsgeschäft der Commerzbank AG. Die Tochtergesellschaften Comdirect, M-Bank (Polen) und Commerz Real sind von dem Streichprogramm ausgenommen. Umso härter trifft es die Mitarbeiter in der Zentrale in Frankfurt, in den 1000 Filialen und Niederlassungen. Von 10.200 Arbeitsplätzen in der Zentrale will der Vorstand 2900 streichen, also mehr als jeden vierten. In Filialen und Niederlassungen im Inland fallen von rund 11.000 sogar 4800 Stellen weg, also mehr als jede dritte. Zwar plant die Commerzbank keine Filialschließungen. Weil aber viele Kunden ihre Bankgeschäfte heute online erledigen, können viele der rund 1000 Filialen „abgespeckt“ werden. Entsprechend weniger Mitarbeiter werden dort gebraucht.

          Damit sind die inländischen Mitarbeiter zweifellos die Hauptbetroffenen, das zeigt nur eine Zahl: Der Vorstand will von 9600 Stellen brutto hierzulande 7700 Vollzeitstellen streichen, davon etwa die Hälfte außerhalb Frankfurts in den Filialen und Niederlassungen. Das ist für die Betroffenen schlimm. Dass aber hinter dieser Zahl sicher 11.000 bis 12.000 Mitarbeiter stehen, wie Verdi behauptet, ist nicht ausgemacht. Da jeder Vierte in der Commerzbank Teilzeit arbeitet, kommt man auf eine solch hohe Zahl betroffener Mitarbeiter nur, wenn man von Zielkes Bruttozahl 9600 ausgeht. So hantieren Vorstand wie Verdi mit den Zahlen, die ihnen am besten ins Ritual passen. Am Ende der Verhandlungen wird wohl eine kleinere, aber hohe Zahl an Stellen stehen, die in der Commerzbank wegfallen.

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