https://www.faz.net/-gqe-74tfg

Bangladesch : Textilindustrie steht vor einem Wandel

Tatort Tazreen: Soldaten inspizieren Schäden der Feuerkatastrophe, durch die 109 Arbeiter ihr Leben verloren Bild: AFP

Angesichts der katastrophalen Zustände bei einigen Lohnfertigern haben die Auftraggeber aus dem Westen Sorge um ihren Ruf. Sie beraten über ein gemeinsames Vorgehen, um Schaden für ihr Geschäft abzuwenden.

          4 Min.

          Die internationale Textilbranche fürchtet die Folgen des tödlichen Feuers in der Fertigung in Bangladesch. Deshalb macht die Branche gegen die zum Teil katastrophalen Arbeitsbedingungen im zweitgrößten Textillieferland der Erde mobil. Schlagzeilen wie „Bangladesch ist die Hölle“ in der Boulevardpresse oder Talkshows zum Thema wie die Runde mit Günter Jauch drohen das Weihnachtsgeschäft mit Bekleidung aus dem Billiglohnland zu belasten.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Schon vor Wochen hatte der größte Einkäufer in Bangladesch, Hennes & Mauritz, ein Anheben des Mindestlohns dort gefordert. Über das Wochenende haben Vertreter zahlreicher weltumspannender Handelsketten über ein gemeinsames Vorgehen beraten. Mit den Problemen steht Bangladesch nicht allein dar: Erst im September waren 289 Arbeiter in Pakistan in einer Textilfabrik verbrannt. Sie war erst wenige Tage zuvor von Auditoren freigegeben worden.

          Vergangene Woche waren bei dem Brand in der Fabrik Tazreen Fashions in Ashulia bei Dhaka mindestens 112 Menschen ums Leben gekommen. Die Polizei erklärte, zu enge und versperrte Ausgänge verhinderten die Flucht. Zugleich untersucht sie Vorwürfe, Manager hätten die Flucht der Näher blockiert. Auch der Verdacht auf Brandstiftung wird geprüft. In den vergangenen Tagen kam es immer wieder zum Ausbruch kleinerer Feuer in weiteren Fabriken - so schwelten Gerüchte, die Branche stehe unter der Bedrohung durch Sabotage.

          Zweitgrößter Exporteur von Kleidung

          Adidas oder Walmart, Tesco, Primark, Tchibo, C&A, Kik, oder H&M lassen in Bangladesch nähen. Allein für H&M arbeiten dort mehr als 500.000 Menschen. Das Land zählt mehr als 5000 Textilfabriken. Binnen weniger Jahre ist das Armenhaus der Region damit zum zweitgrößten Exporteur von Kleidung aufgestiegen - größer ist nur noch Chinas Textilindustrie. Schon im Frühjahr aber wurden mehr als 300 Fabriken in Bangladesch für längere Zeit geschlossen, nachdem Arbeiterstreiks das Land erschüttert hatten. Den Branchenverbänden nach sollen seit 2006 mehr als 500 Textilarbeiter ihr Leben bei Arbeitsunfällen verloren haben.

          „Wir wollen jetzt eine ordentliche Umsetzung von Richtlinien sehen, nicht nur ständige Bekenntnisse hören“, sagte Roger Hubert, Vizepräsident des Großlieferanten Li & Fung aus Hongkong, der auch deutsche Textilketten mit Waren aus Bangladesch beliefert, auf dem Treffen der führenden Auftraggeber in Dhaka.

          Daran nahmen neben Li & Fung und H&M unter anderem auch Vertreter von Gap, Nike, Levis und Carrefour teil. Walmart erklärte inzwischen, dass ein Vertragspartner ohne das Wissen der Amerikaner Arbeit an Tazreen Fashion weitergereicht habe - eine in der Industrie übliche Praxis, die das Einhalten und Überprüfen von Standards erschwert.

          Aufstieg nur durch Niedriglöhne

          Lange ist bekannt, dass die Sozialstandards in dem südasiatischen Land auf breiter Front unterschritten werden: „Viele Arbeiter sind gezwungen, 14 bis 16 Stunden an sieben Tagen die Woche zu arbeiten. Einige beenden ihre Schicht um 3 Uhr morgens und fangen um 7.30 Uhr wieder an. Darüber hinaus arbeiten sie unter unsicheren, eingeengten und gefährlichen Bedingungen, die oft zu Feuern in den Fabriken führen. Sexuelle Belästigung und Diskriminierung sind weitverbreitet und viele Arbeiterinnen berichten, dass ihnen das Recht auf Mutterschaftszeit versagt werde“, kritisierte die britische Menschenrechtsorganisation War on Want schon vor der Katastrophe bei Tazreen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Stuttgarter Neuzugang: Silas Wamangituka kam von Paris FC in die zweite Bundesliga

          VfB-Profi Silas Wamangituka : Ein zweiter „Fall Jatta“?

          Einem Medienbericht zufolge soll der Stuttgarter Königstransfer Silas Wamangituka unter falschem Namen spielen und auch bei seinem Alter falsche Angaben gemacht haben. Gegenüber der F.A.Z. hat der VfB Stuttgart nun Stellung bezogen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.