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Bangladesch : Im Würgegriff der Textilindustrie

  • -Aktualisiert am

Die Textilarbeiter in Bangladesch schuften unter mittelalterlichen Bedingungen. In den Vorstandsetagen im Westen weiß man das. Sie müssten die Zustände bis in die Subunternehmen scharf kontrollieren.

          3 Min.

          Mehr als 400 Tote sind geborgen. Vielleicht Hunderte liegen noch unter Betondecken begraben. Die Ruine des Fabrikhauses vor den Toren von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka ist zum Mahnmal geworden. Die Trümmer stehen für die Ausbeutung von Arbeitern durch einige Großunternehmen, die Überforderung der Regierung eines Entwicklungslandes und das Wegsehen der Verbraucher. Alle haben ihren Anteil an der Tragödie, die sich im Textilsektor abspielt.

          Mit viel Hoffnung ist Bangladesch in die Textilproduktion eingestiegen. Die Fabriken boten dem geschundenen Armenhaus Südasiens endlich die Chance, sein Volk zu ernähren. Fast vier Millionen Menschen haben Arbeit an den Nähmaschinen gefunden. Weitere 20 Millionen Menschen hängen von den Fabriken ab. Rund 19 Milliarden Dollar trägt der Sektor zum Export bei, fast 80 Prozent der Ausfuhr Bangladeschs. Bis 2020 könnte sich die Summe des Exports von Hemden oder Hosen verdreifachen.

          Kostet die Arbeitsstunde beim wichtigsten Textilexporteur China gut einen Dollar, liegt der Preis in Bangladesch, inzwischen die Nummer zwei der Ausfuhrländer, bei 23 Cent. Deshalb beschäftigt allein die Billigmarke Hennes&Mauritz (H&M) hier mehr als eine halbe Million Menschen.

          Die Kehrseite wird immer klarer

          Die Masse der Aufträge setzte eine soziale Revolution in Gang. Auch dank der Arbeit der Frauen sank die Geburtenrate im stark überbevölkerten Bangladesch von 4,5 im Jahr 1990 auf heute 2,2 Kinder. Zugleich stieg die Zahl der Mädchen, die Schulen besuchen. Kaum jemand hätte dem muslimischen Land mit seinen gut 160 Millionen Einwohnern diesen Aufschwung zugetraut. Das Geld, das die rund 5.000 Textilfabriken ins Land spülen, macht es möglich.

          Doch die Kehrseite zeigt sich immer klarer. Bangladesch steckt im Würgegriff der Textilindustrie. Wenige weltweit tätige Handelsketten oder Agenten diktieren die Zustände. Deren Macht ist kaum zu überschätzen. Keine Regierung könnte es sich leisten, dass die Branche weiterzieht, etwa nach Pakistan, Kambodscha oder mittelfristig nach Burma (Myanmar). Genauso wenig können sich die Arbeiter leisten, ihre Jobs zu verlieren. Also wird geschuftet, unter teils mittelalterlichen Bedingungen.

          Bei den Brandkatastrophen in Bangladesch und Pakistan vor wenigen Monaten ließen mehr als 200 Menschen ihr Leben. Die Gebäude hatten keine Feuerleitern, Notausgänge waren verschlossen, Feuerlöscher gab es nicht. Das nun eingestürzte Fabrikhaus war illegal gebaut. Als sich Risse zeigten, wurden die Arbeiter trotzdem in die Nähhallen getrieben. Jenseits aller Katastrophen ist auch der Alltag der überwiegenden Anzahl der Näherinnen von Ausbeutung und Missbrauch bestimmt.

          Die Probleme reichen von Bürokratie bis Bestechlichkeit

          Niemand kann sich damit herausreden, dies seien nur Fragen staatlicher Regulierung. Jeder, der in Asien arbeitet, weiß um die Probleme - sie reichen von Bürokratie bis Bestechlichkeit. Zertifizierungen laufen sich tot, weil Subunternehmer betrügen, um Aufträge zu bekommen. Die Behörden schützen sie. Gut 40 Prozent der Abgeordneten in Bangladesch besitzen Textilfabriken. In den Vorstandsetagen im Westen weiß man all das. Unter solchen Umständen wirken Beileidsbekundungen nach Unfällen hohl.

          Die Auftraggeber aus den Industrieländern müssten mit aller Macht bis tief in die Betriebe der Subunternehmer kontrollieren. Das ist schwer, denn die Herstellungskette ist verästelt. Doch reicht es nicht, Vorzeigefabriken zertifizieren zu lassen. Sie müssten Statiker einfliegen lassen, die die Gebäudesicherheit prüfen. Sie müssten schnell und hart sanktionieren, wenn Mängel auftreten. Sie müssten mehr als 35 Euro Lohn im Monat zahlen, denn von solchen Summen kann auch in Bangladesch niemand leben. Sie müssten eigene Fabriken nach westlichen Standards bauen, wollen sie von der Arbeit der Näherinnen in fairer Weise profitieren.

          Das schlechte Gewissen wächst mit jedem Fabrikbrand

          Vor allem müssten Unternehmen wie Primark oder Mango, Wal Mart oder H&M, Kik oder Zara eine menschenwürdige Herstellung als Marketinginstrument nutzen. Es rechnete sich, Sozialstandards zu erhöhen. Noch erweisen sich Verbraucher zwar als weitgehend gleichgültig, stehen sie erst vor dem Ständer mit T-Shirts für 5,99 Euro. Sie kaufen und beklagen beim Lesen der Zeitung am nächsten Morgen die Tragödien in Asiens Nähereien. Doch wächst das schlechte Gewissen mit jedem Fabrikbrand. Eine Verbesserung der Zustände in Bangladesch oder Pakistan kostete den Käufer allenfalls ein paar Cent - weniger als die nächste Erhöhung des Benzinpreises an der Tankstelle.

          Helfen könnte auch ein einheitlicher, branchenweiter Standard. Um ihn einzuführen, brauchte es die Macht der Politik in Brüssel. Deren Drohung, nun Quoten über die Textileinfuhr aus Bangladesch zu verhängen, ist ein zweischneidiges Schwert: Sie ist gut gemeint. Doch hat die Industrie oft bewiesen, wie schnell sie mit einer Verlagerung reagiert.

          Geschieht weiterhin nichts, außer dass Arbeitskreise der Textilmanager in Dhaka tagen, ist die nächste tödliche Tragödie vorgezeichnet. Alle werden weiter leiden: die Arbeiterinnen, das Land. Und hoffentlich bald die Branche so weit, dass sie etwas ändert.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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