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Digitale Zukunft : Bald wird der DHL-Roboter das Sofa bringen

Der Frank von der Post: Post-Chef Appel am Steuer eines elektrischen Ausstellfahrzeugs. Bild: Reuters

Post-Chef Frank Appel sieht große Chancen in der Digitalisierung - vor allem für Beschäftigte mit einfachen Tätigkeiten. Für die Politik hat er deshalb eine klare Botschaft.

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          So verschieden die Aufgaben von Politikern und Konzernlenkern auch sein mögen, eine gemeinsame Herausforderung verbindet sie: Sie müssen Vertrauen stiften, in die Zukunft des Gemeinwesens und des Unternehmens. So gesehen, findet Frank Appel, ist es um den Zustand der Politik nicht gut bestellt. „Fast überall in der westlichen Welt, ob Deutschland, Europa oder Amerika, wächst die Angst, dass es schlechter statt besser wird. Das führt zu der Besorgnis erregenden Grundstimmung, dass Stillstand und Abwehr besser sind als Aufbruch und Veränderung“, diagnostiziert der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post im Gespräch mit der F.A.Z.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Carsten Knop

          Fast eine halbe Million Menschen aus aller Herren Länder arbeiten für den Konzern, so dass Appel die deutsche Nabelschau mit ihrer Negativrhetorik gewaltig gegen den Strich geht. „Wir sollten uns mehr in der Welt umschauen und stolz sein auf das, was wir erreicht haben. Viele ausländische Kollegen sagen mir, wir leben in einem der tollsten Länder dieser Erde. Und das stimmt. In unserer Demokratie, mit sozialen Errungenschaften wie einer im Vergleich vorbildlichen Krankenversicherung und kostenloser Schulbildung, die allen offensteht, müssen wir uns vor niemandem verstecken.“

          Die Post ist der größte private Arbeitgeber in Deutschland. Die Heerschar von Mitarbeitern zu motivieren und „mitzunehmen“, darin sieht Appel eine seiner zentralen Aufgaben – und leitet aus seinen Erfahrungen eine Empfehlung für die Politik ab. Seit 2008, als er die Führung übernahm, arbeitet die Post mit mittelfristigen Strategieprogrammen, die den Mitarbeitern aufzeigen, wohin die Reise gehen soll.

          „Ungleichheit besiegt man nicht durch Umverteilung“

          „Die Menschen können sich hinter solchen Zielen versammeln. Sie sehen, dass da für sie ein Platz vorgesehen ist und sie mit der Unternehmensentwicklung eigene Perspektiven verbinden können“, sagt der Vorstandsvorsitzende. Aus seiner Sicht brauchen deshalb auch Politik und Gesellschaft endlich wieder ein „Positivbild“, eine Leitvorstellung, wo Deutschland und Europa in 15 oder 20 Jahren stehen sollen, wie sie dahin wollen und was dafür zu tun ist.

          Appel schlägt einen großen Bogen zu seiner Jugend in der Amtszeit von Bundeskanzler Willy Brandt: wie der es Ende der sechziger Jahre geschafft habe, mit mutiger Programmatik für Aufbruchsstimmung zu sorgen. „Heute wird nicht mehr nach Bildungsgerechtigkeit gerufen, sondern nach Umverteilung. Aber Ungleichheit beseitigt man am Ende nicht durch Umverteilung, sondern dadurch, dass man Menschen die Chance gibt, durch eigene Anstrengungen im Leben etwas zu erreichen.“ Auch dafür stehe das Modell der Sozialen Marktwirtschaft. Statt solcher langfristiger Visionen dominieren heute aus seiner Sicht irrationale Ängste. „Die Digitalisierung wird als Bedrohung gesehen, ebenso wie die Globalisierung und natürlich auch die Flüchtlinge.“

          Für Appel ist die Digitalisierung das Gegenteil: eine große Chance gerade für viele Menschen mit geringerer Ausbildung. Heute müssten sie sich mit vergleichsweise bescheidenen Löhnen zufriedengeben, weil ihre niedrige Produktivität keine höhere Bezahlung erlaube. „Jetzt erhalten wir die Möglichkeit, sie mit neuer Technik zu höheren Leistungen zu befähigen – und das eröffnet auch neue Verteilungsspielräume für die Entlohnung vergleichsweise einfacher Tätigkeiten“, sagt er. Wie das gehen könnte, erläutert Appel am Beispiel der Datenbrillen, die die DHL-Logistikgesellschaften seit einiger Zeit in Lägern und Verteilzentren testen.

          Bringt bald ein Mensch-Roboter-Team die Pakete?

          Auf den Brillen von Google oder Vuzix wird eingeblendet, welche Produkte für welche Bestellung benötigt werden, wo sie sich im Lager befinden und wie die schnellste Tour durch das Lager aussieht. Die „Picker“ brauchen keine Laufzettel oder Scanner mehr, haben beide Hände frei und schaffen während einer Schicht deutlich mehr. „Wir erreichen damit eine um 15 bis 25 Prozent höhere Produktivität. Perspektivisch geht davon ein Teil an die Kunden, für die es billiger wird, ein Teil an das Unternehmen und ein Teil an unsere Mitarbeiter“, erläutert Appel.

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