https://www.faz.net/-gqe-11y7l

Bahn-Datenaffäre : Die ewige Hatz auf Hartmut Mehdorn

Hartmut Mehdorn Bild: AP

In der Datenaffäre prasselt es heftig auf Hartmut Mehdorn ein. Bespitzeln, das klingt nach Erforschung des Intimlebens und ganz schwer nach Stasi. Jetzt fordern alle Mehdorns Rücktritt. Dabei muss doch einmal gefragt werden: Was ist wirklich geschehen?

          5 Min.

          Jeder darf mitreden. Denn jeder weiß genau, Bahnchef Mehdorn hat seine Mitarbeiter bespitzelt. Und jeder hat eine Meinung. "Ein Skandal erster Güte", heißt es landauf, landab. Ausgerechnet bei einem öffentlichen Unternehmen, mit dem jeder täglich zu tun hat.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Bespitzeln, das klingt nach Erforschung des Intimlebens und ganz schwer nach Stasi. "Innerhalb weniger Tage hat Bahnchef Mehdorn Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann vom Platz eins als Buhmann der Nation verdrängt", schreibt eine Zeitung genüsslich.

          Jetzt, da alle Mehdorns Rücktritt fordern, muss doch einmal gefragt werden: Was ist wirklich geschehen? Bis jetzt nichts, was die Provozierung des Volkszorns rechtfertigte. Das Unternehmen hat die Adressen und Kontonummern von Mitarbeitern mit denen von Lieferanten verglichen. So wollte die Bahn herausfinden, ob Mitarbeiter Geld für angebliche Lieferungen an die Bahn aufs eigene Konto überweisen. Na und?

          Bahn-Chef ist ein Job wie Nationaltrainer. Hat sich da je einer so lange gehalten

          Das dient der Korruptionsbekämpfung: ein wichtiges Thema bei der Bahn. Schließlich vergibt der Konzern ständig Millionenaufträge, von Gleisbauarbeiten bis zum Kauf neuer ICE-Flotten.

          Es wurden keine Kontobewegungen überprüft

          Bespitzelung stellt man sich anders vor, dramatischer und verletzender: Es wurden keine Kontobewegungen überprüft, keine Mitarbeiter gefilmt, soviel bis jetzt bekannt ist. Umstritten ist allenfalls, ob die Bahn Betriebsrat und Mitarbeiter vorher oder nachher hätte informieren müssen. Was für ein Skandal. Ähnliche Kontrollverfahren zur Enttarnung von Bestechung sind in Industrieunternehmen mit großen Einkaufsbudgets üblich.

          Ein Gedankenexperiment erleichtert das Urteil: Welche Angriffe müsste der Bahnchef jetzt erdulden, wenn in seinem Unternehmen Bestechungen auf Siemens-Niveau bekanntgeworden wären?

          Mehdorns Problem sind nicht die Skandale. Mehdorns Problem ist die Skandalisierung. Die hat er in der Regel der Politik zu verdanken, die sich weder mit seinem Stil noch seinen Vorstellungen über das Unternehmen Bahn abfinden will. "Ein Diplomat war ich nie", sagt Mehdorn über sich. "Polterer vom Potsdamer Platz" nennen sie ihn wegen seines eigenwilligen Auftretens, das "Rumpelstilzchen", den "Napoleon".

          Der Verkehrsminister und sein Bahnchef liefern sich einen Machtkampf

          Politiker haben dem Bahnchef in den zehn Jahren seiner Amtszeit manchen Strich durch die Rechnung gemacht. Das war der Preis der staatlichen Eigentümerschaft. Allen voran Wolfgang Tiefensee. Der Verkehrsminister und sein Bahnchef liefern sich einen Machtkampf, wie er selbst in Berlin selten ist.

          Dabei geht es um Triviales; Eitelkeit, Einfluss - und viel Geld. Tiefensee hat erst eine Legislaturperiode hinter sich - und braucht dringend Erfolge für eine Wiederwahl, wenn er seine Pension sichern will.

          Nur knapp konnte der Minister Ende vorigen Jahres seinen Kopf retten. Die umstrittenen Bonuszahlungen, die Bahnchef Mehdorn und sein Vorstand im Falle eines erfolgreichen Börsenganges erhalten sollten, hätten Tiefensee fast seinen Posten gekostet. Immer wieder verhedderte er sich in Widersprüche. Den eigenen Fehler verzeiht der Minister dem Manager nicht.

          Immer wieder tauchen nun Schreiben mit Briefkopf des Verkehrsministeriums auf. Sie enthalten viele Vorwürfe - und Details über Mehdorns angebliche Vergehen. Sie fordern in einem Ton "umfassende Aufklärung", der schon sehr nach Rücktritt klingt. Besonders auffällig: Die eigentlichen Vorwürfe an Mehdorn sind längst nicht mehr der Hauptkritikpunkt. Stattdessen bedient Tiefensee sich einer Politiker-Taktik: Wenn ein Vorwurf nicht verfängt, wird nicht mehr über die Sache gesprochen - man kritisiert die Salamitaktik. Das Schlimmste sei, dass alles "nur scheibchenweise" herauskomme. Scheibchen eines Nichtskandals.

          Mehdorn macht seine Arbeit

          Hartmut Mehdorn ist vor allem eines: ein guter Manager. Das räumen selbst seine Kritiker ein. Er ist kein Zahlenmensch, dafür hat er seinen Finanzvorstand, er ist auch nicht immer nett. Aber der kleine, bullige Mann macht, was er sich vorgenommen hat. "Gradlinig, verlässlich, einfach ein prima Kerl", beschreibt ihn ein Weggefährte, der es nicht nötig hat, ihm zu gefallen.

          In seiner sturen Art ist Bahnchef Mehdorn im Unternehmen erfolgreich, effizient. Das einzige Problem: Er ist manchmal zu schnell. "Wenn der was will, kann ihn keiner bremsen", jammern Mitarbeiter.

          Weitere Themen

          Ein Bund fürs Leben

          Staat und Wirtschaft : Ein Bund fürs Leben

          Die Corona-Krise trifft die gesamte Gesellschaft. Unternehmen gehen pleite, Beschäftigte verlieren ihren Job oder gehen in Kurzarbeit. Der Staat versucht überall in die Bresche zu springen. Ist das nötig?

          Was Kunden jetzt wissen müssen Video-Seite öffnen

          Nach VW-Urteil : Was Kunden jetzt wissen müssen

          Fast fünf Jahre nach Bekanntwerden des VW-Dieselskandals hat der Bundesgerichtshof sein Grundsatzurteil zu Schadenersatzklagen betroffener Autokäufer verkündet. Was bedeutet dieses konkret für die Kunden?

          Topmeldungen

          Milliardenhilfe : Gegenwind für die Lufthansa-Rettung

          Nach langen Verhandlungen einigen sich Bundesregierung und Lufthansa auf ein Rettungspaket aus Steuergeldern. Brüssel sagen die Pläne aber nicht zu. Kanzlerin Merkel will kämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.