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Bahlsen gibt Fehler zu : „Es muss alles auf den Tisch“

Werner Bahlsen, der seit 2018 den Vorsitz des neu geschaffenen Verwaltungsrats innehat. Bild: dpa

Der Bahlsen-Verwaltungsratsvorsitzende kündigt an, dass die Geschichte des Unternehmens fundiert aufgearbeitet werden soll. Was seine Tochter gesagt habe, sei falsch.

          In der Unternehmenschronik, die Bahlsen vor fünf Jahren zu seinem 125-jährigen Bestehen erstellt hat, steht es schwarz auf weiß: „Die gleiche Bezahlung wie deutsche Arbeiter war selbstverständlich und die gute Behandlung führte dazu, dass sie sich am Ende des Krieges gemeinsam mit den deutschen Kollegen vor ‚ihr’ Werk stellten und eine Plünderung verhinderten“, heißt es dort über Fremd- und Zwangsarbeiter, die während des Nationalsozialismus für Bahlsen in Deutschland arbeiteten.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Gleiche Bezahlung, gute Behandlung: Genau mit diesen Aussagen hat Unternehmenserbin Verena Bahlsen im Internet einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Viele werfen ihr vor, Zwangsarbeit zu verharmlosen. Wie die Chronik zeigt, sind die Thesen schon länger offizielle Position des Unternehmens. Ob sie stimmen, sollen jetzt Historiker klären.

          Am Wochenende hat der Vater von Verena Bahlsen, der Verwaltungsratsvorsitzende Werner Michael Bahlsen, eigene Fehler im Umgang mit der Historie zugegeben. „Ich werfe mir vor, dass wir unsere Geschichte nicht früher haben aufarbeiten lassen, um den nachfolgenden Generationen an dieser Stelle die Last zu nehmen“, sagte der 70 Jahre alte Unternehmer, der die operative Führung 2018 an familienfremde Manager abgegeben hatte, der „Bild am Sonntag“.

          „Nichts soll verklärt werden“

          Was seine Tochter gesagt habe, sei falsch. Doch müsse er zugeben, dass er selbst zu wenig über die Zeit wisse. So sei ihm nicht klar gewesen, dass sein Vater Werner Bahlsen, der damals mit seinen Brüdern das Unternehmen leitete, in der NSDAP war und einige Jahre die SS förderte.

          Um ein vollständiges Bild zu bekommen, hat Bahlsen den Historiker Manfred Grieger beauftragt, eine wissenschaftlich fundierte Unternehmensgeschichte zu schreiben. Dafür soll er völlig freie Hand bekommen. „Es muss alles auf den Tisch“, sagt Werner Michael Bahlsen. „Es soll nichts verklärt, nichts weißgewaschen werden.“

          Nach allem was bislang bekannt war, hatte das Unternehmen von 1943 bis 1945 schätzungsweise 200 Zwangsarbeiter in der Produktion beschäftigt, vorwiegend Frauen aus Osteuropa. Ob die Zahl stimmt, ist aber offenbar nicht sicher. Auch gibt es offene Fragen zu den Bedingungen, unter denen die Betroffenen nach Deutschland kamen und in der Produktion arbeiteten.

          Zweifel wecken etwa Berichte einer Zwangsarbeiterin aus der Ukraine, die laut Archiv-Unterlagen im Jahr 1942 nach Hannover verschleppt und dort zum Arbeiten gezwungen worden sein soll. Damit konfrontiert, sagte Bahlsen: „Ich bin schockiert. Das höre ich heute zum ersten Mal und das ist eine Katastrophe.“

          Ein weiteres Dokument aus dem Bundesarchiv, das die Internetseite Fragdenstaat.de veröffentlicht hat, lässt die bisherige Sicht ebenfalls fraglich erscheinen. Zwar bittet der damalige Geschäftsführer Werner Bahlsen in dem Brief an die SS-Führung in Kiew, wo das Unternehmen während des Kriegs den Betrieb einer Lebensmittelfabrik übernommen hatte, um Erlaubnis, die Lebensumstände von Arbeiterinnen aus der Ukraine in Deutschland verbessern zu dürfen.

          Er stellt aber klar: „Wir beantragen nicht, dass die ukrainischen Arbeitskräfte die Rechte der Deutschen und auch deren Bezahlung haben sollen, sondern wir beantragen, dass sie nur dieselben Rechte und Pflichten wie die Polinnen bekommen, wodurch wahrscheinlich alle Schwierigkeiten behoben sind und wir aller Voraussicht nach einen tüchtigen und fähigen Arbeitsstamm heranbilden können.“

          In den neunziger Jahren hatten Zwangsarbeiterinnen gegen Bahlsen geklagt, doch hatte das Landgericht Hannover ihre Forderung nach einer Entschädigung zurückgewiesen. Werner Michael Bahlsen machte jetzt deutlich, dass das Unternehmen vielleicht zu defensiv war. „Die Juristen haben sich offenbar auf Paragrafen zurückgezogen. Dabei haben wir unsere moralische Verantwortung vergessen.“ Er selbst habe sich damals nur am Rande mit dem Verfahren beschäftigt, was ein Fehler gewesen sei.

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