https://www.faz.net/-gqe-9u8ma

Autozulieferer : ZF profitiert vom Hybrid-Boom

Gedämpfter Aufprall: Der Autozulieferer ZF verkraftet die Branchenkrise bislang ähnlich gut wie die Testpuppe in der Firmenzentrale den Auffahrunfall. Bild: Unternehmen

Trotz schwierigem Markt plant der Automobilzulieferer weder Kurzarbeit noch Kündigungen. Dennoch muss ZF Friedrichshafen seine Kapazitäten anpassen.

          3 Min.

          Die deutlich sinkende Automobil- und Nutzfahrzeug-Produktion verlangt auch vom Zulieferer ZF Friedrichshafen ein Umsteuern – denn eigentlich war man auf Wachstum eingestellt. „Wir sind in einer sehr angespannten Situation“, sagte ZF-Vorstandschef Wolf-Henning Scheider im Wirtschaftspresseclub Stuttgart: „Ich halte das Wort dramatisch aber für falsch.“ In der gesamten Fahrzeugbranche hatte es in den vergangenen Wochen zahlreiche Ankündigungen von drastischen Sparplänen gegeben, bis hin zu Werksschließungen. Hintergrund dafür ist zumeist die Transformation zur Elektromobilität. ZF Friedrichshafen ist davon weniger stark betroffen als der vielfach noch verwendete Begriff Getriebehersteller vermuten lässt: Nur noch rund ein Fünftel seines Umsatzes von zuletzt 37 Milliarden Euro entfallen auf herkömmlichen Getriebe für Personenwagen. Ein großer Teil des Geschäfts bedient die Felder Sicherheit und Assistenzsysteme. Und auch mit dem Umschwenken auf Elektromobilität macht ZF lukrative Geschäfte.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Während vor zwei Jahren nicht einmal eine Milliarde Euro mit Teilen für Elektroautos erzielt wurden, waren es voriges Jahr schon 2,2 Milliarden Euro. Und jetzt berichtet Scheider entspannt: „Wir sind weit bis in die 20er Jahre hinein ausgelastet.“ Ein Meilenstein dafür war der Auftrag von Daimler, den ZF ergattert hat. Für den EQC, das erste Modell, das Mercedes unter der neuen Elektromarke EQ produziert, liefert ZF den kompletten Antrieb mit Motor, Ein-Gang-Getriebe, Leistungselektronik und Steuerungssoftware. Aktuell kämpft der Betriebsrat des Mercedes-Stammwerks Untertürkheim darum, die nächste Generation des Elektroantriebs dort herstellen zu können, wo bisher noch Verbrennermotoren produziert werden. Das ficht Scheider nicht an: „Wir müssen im Paket von Technik und Kosten die Besten sein – und wir sind wettbewerbsfähig mit unseren Produkten aus dem Werk Schweinfurt“, sagt er selbstbewusst.

          ZF muss nicht nur den Wettbewerb mit der Mercedes-Eigenfertigung bestehen, sondern auch mit Konkurrenten wie Bosch oder Conti. „Das kennen wir. Das ist das normale Geschäft.“ Deutlich relevanter als rein batterieelektrische Fahrzeuge sind für ZF Hybrid-Modelle. Dem Konzern ist es dabei gelungen, den Autoherstellern mit einem besonderen Getriebe ein Angebot zu machen, das diesen größtmögliche Flexibilität erhält, um je nach Marktentwicklung Autos mit Verbrenner-Motor oder Plug-in-Hybrid herzustellen. Durch die spezielle Bauform des Getriebes bleibt mehr Platz für die Batterie, wodurch eine elektrische Reichweite von zuverlässig mehr als 100 Kilometern möglich werde. BMW hatte ZF für dieses Getriebe im April einen Auftrag in zweistelliger Milliardenhöhe erteilt, den größten Einzelauftrag in der Geschichte. Die nächsten Aufträge kamen von Jaguar/Range Rover und Fiat-Chrysler. Mittlerweile zeigt sich im Markt, dass ZF auf den richtigen Trend gesetzt haben könnte: „Die Verkaufszahlen von Plug-in-Hybriden gehen fulminant hoch. Manche Hersteller haben schon Lieferschwierigkeiten“, berichtete Scheider mit Blick auf die Absatzzahlen dieses Herbsts.

          Kapazitäten müssen „sehr signifikant“ angepasst werden

          Dem Vorwurf, die Plug-in-Hybride würden oft nur im Verbrenner-Modus gefahren, setzt Scheider neue Technik entgegen. ZF habe als Prototypen schon eine Variante von „Geofencing“ in der Erprobung. Durch diese datengesteuerte Technologie funktioniert das Auto in bestimmten Gebieten nur noch rein elektrisch. Zu solchen Gebieten könnten etwa die Ökozonen von Städten definiert werden.

          Trotz einer im Jahresverlauf immer stärker werdenden Abschwächung der Automärkte wird ZF die im Sommer leicht nach unten korrigierten Umsatz- und Ergebnis-Ziele erreichen, erwartet Scheider – wenn auch eher am unteren Ende der genannten Korridore. Der Umsatz dürfte demnach bei etwa 36 Milliarden Euro liegen (nach knapp 37 Milliarden Euro im vergangenen Jahr) und die operative Umsatzrendite in der Größenordnung von 4 bis 5 Prozent. Weil aber eigentlich ein kräftiges Wachstum geplant war, müssen die Kapazitäten nach Scheiders Worten „sehr signifikant“ angepasst werden. In China und Amerika werde man um Personalabbau nicht herumkommen, in Deutschland aber nutze man die Flexibilisierungsmaßnahmen. Die gut gefüllten Zeitkonten werden nun abgeschmolzen, zum Beispiel für eine um vier Tage verlängerte Weihnachtspause im Stammwerk Friedrichshafen. Einigen tausend Mitarbeitern habe man zudem das Stundenkontingent von 40 auf 38 Wochenstunden gekürzt, was einer Kapazität von knapp 200 Stellen entspricht. „Wir muten allen Mitarbeitern und Führungskräften viel zu“, fasste der ZF-Chef zusammen und betonte: „Es ist keiner ausgenommen.“

          Die Führungskräfte und außertariflichen Mitarbeiter bekommen vorläufig keine Gehaltssteigerung, erst im Frühjahr wird überprüft, wie die Lage ist. Kurzarbeit sei aktuell nicht geplant, allerdings auch nicht auszuschließen. Die Bereiche entwickelten sich sehr unterschiedlich. Unterm Strich werde ZF auch Ende 2020 noch etwa gleich viel Personal haben wie aktuell (knapp 150.000, davon ein Drittel in Deutschland). „Wir haben viele offene Stellen“, berichtete Scheider: in der Kamera- und Radarfertigung stelle man ein, aber auch in der Elektromobilität.

          Weitere Themen

          Platz da, Boomer! Video-Seite öffnen

          F.A.Z. Woche : Platz da, Boomer!

          Keine Generation hat in Deutschland so viel Macht wie die der Babyboomer. Doch bald gehen sie in Rente. Wie verändert sich dann unser Arbeitsmarkt?

          Topmeldungen

          Im Bahnhof der Stadt Hangzhou werden ankommende Passagiere aus Wuhan mit Infrarot-Thermometern untersucht.

          Coronavirus : China riegelt weitere Städte ab

          China meldet weitere Todesfälle. Auch die Zahl steigt deutlich auf über 800 Fällen. Die Sicherheitsmaßnahmen im Land werden weiter verstärkt.
          Gefeiert wie ein Popstar: Heinz-Christian Strache am Donnerstagabend in Wien.

          Strache-Auftritt in Wien : „Hier steht das Original“

          Heinz-Christian Strache will in Österreich mit einer neuen „Bürgerbewegung“ in die Politik zurückkehren und seiner früheren Partei FPÖ das Leben schwer machen. Doch noch lässt er seine Anhänger zappeln – und vermeidet Festlegungen.
          Unser Newsletter-Autor: Carsten Knop

          F.A.Z.-Newsletter : Wetten, dass es so furchtbar schlecht nicht läuft?

          Auf dem Weltwirtschaftsforum ist am Freitag der Ausblick auf die Konjunktur ein Thema – Finanzminister Scholz spricht. Das und mehr steht heute im Newsletter für Deutschland, ein letztes Mal aus Davos, wo das Jahrestreffen endet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.