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Autozulieferer : Schaeffler-Chef Geißinger geht im Unfrieden

Vorgänger und Nachfolger: Jürgen Geißinger (rechts) und Klaus Rosenfeld Bild: BERND KAMMERER

Nach 15 Jahren geht Jürgen Geißinger. Der Streit zwischen ihm und der Familie Schaeffler ist eskaliert. Er ist schneller weg als geplant, weshalb Finanzvorstand Rosenfeld vorübergehend den Lückenbüßer spielen muss.

          Der Abtritt von Jürgen Geißinger als Vorstandsvorsitzender des Automobilzulieferers Schaeffler AG ist an sich nicht überraschend, das Tempo schon. Nicht einmal Zeit für die ruhige Suche nach einem geeigneten Nachfolger ist geblieben. Eigentlich sollte der Weggang zum Jahresende kommuniziert werden. Doch machte die Personalie seit Wochen Schlagzeilen, wohl auch mit Zutun von Geißinger selbst.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Nach Informationen der F.A.Z. zogen die Familieneigentümer Maria-Elisabeth Schaeffler und ihr Sohn Georg nun die Reißleine, was auf Streit hindeutet. In der knappen Pressemitteilung des fränkischen Unternehmens nach der Aufsichtsratssitzung am Freitag liest sich das so: „Der bisherige Vorstandsvorsitzende, Dr. Jürgen M. Geißinger, verlässt das Unternehmen in gegenseitigem Einvernehmen mit sofortiger Wirkung.“ Die Personalie, obwohl sie sich bereits seit Wochen abzeichnete, kam so schnell, dass Schaeffler zur Interimslösung greifen musste. Bis ein Nachfolger gefunden sei, werde der Finanzvorstand Klaus Rosenfeld den Vorstandsvorsitz übernehmen.

          Der unterdrückte Ärger der Familie

          In einer Telefonkonferenz betonte der Aufsichtsratsvorsitzende Georg Schaeffler, dass es keinen Streit und keine Eskalation gegeben habe. In der Pressemitteilung ließ er noch wissen: „Mit dem heute beschlossenen Wechsel an der Führungsspitze ist der Weg frei, um die Schaeffler-Gruppe und ihre Führung für die Zukunft neu auszurichten.“ Es gehe darum, die Dinge neu zu betrachten, sagte der Junior ergänzend in der Konferenz. Es handele sich „zunächst“ um eine personelle Neuausrichtung. „Ein neues Paar Augen wird sich die eine oder andere Thematik anschauen“, sagte er. „Unemotional.“

          Geißinger, 54 Jahre alt, soll, wie zu hören ist, in den vergangenen Wochen selbst zur Leckage beigetragen haben, wonach die Familie seinen Ende 2015 auslaufenden Vertrag nicht mehr verlängern wolle (F.A.Z. vom 14. September). Damit hoffte er scheinbar, das Ruder noch umdrehen zu können. Interessantes Indiz dafür: Nach den Berichtserstattungen erreichten Redaktionen zahlreiche, einer Kampagne ähnlich organisierte Leserreaktionen, die ähnlich lautend für Geißinger warben und die Berichterstattung gegen ihn kritisierten. Der unterdrückte Ärger der Familie kommt indes in einem Brief an die Mitarbeiter zum Ausdruck: „Aufgrund gezielter Indiskretionen, die von uns nicht zu verantworten sind, mussten wir früher als geplant handeln.“ Der frühere ITT-Manager Geißinger trat Ende 1998 als Vorsitzender der Geschäftsführung der Ina-Schaeffler KG ein, die damals weitgehend im Verborgenen agierte, aber als Kugel- und Wälzlagerhersteller zu den großen Autozulieferern gehörte. Heute erzielt das Unternehmen einen Umsatz von 11 Milliarden Euro. Erst fädelte Schaeffler 2001 unter Regie von Geißinger die feindliche, aber erfolgreiche Übernahme der börsennotierten FAG Kugelfischer ein. Der große Coup sollte die 2008 in Übereinstimmung mit Maria-Elisabeth Schaeffler angegangene feindliche Übernahme des Dax-Konzerns Continental AG werden, des dreimal größeren Autozulieferers aus Hannover.

          Die Rechnung ging nicht auf, da in die Übernahme die Finanz- und Wirtschaftskrise platzte. Die Aktion hatte Schaeffler 12 Milliarden Euro Schulden eingebrockt, von denen heute noch 9 Milliarden Euro auf Familie und Unternehmen lasten. Aktuell beträgt der bei der Schaeffler AG und der bei der Familienholding liegenden Anteil 46 Prozent. Erst vor kurzem verkaufte die Familie 3,9 Prozent an der Börse und baute ihren Anteil auf 11,8 Prozent ab. Aus der Krise stammte die erzwungene Neuaufstellung von Schaeffler, mit einer stärkeren Öffnung und einer bis dahin undenkbaren Mitbestimmung der Arbeitnehmer und der Gewerkschaft IG Metall, die in den neu geformten Aufsichtsrat einzog. Damals soll Geißinger dieser Offenheit kritisch gegenüber gestanden und eine gegensätzliche Haltung zu Maria-Elisabeth Schaeffler eingenommen haben. Seitdem litt das einst gute vertrauensvolle Verhältnis.

          Die Gewerkschaft stützte die Entscheidung vom Freitag. „Für die IG Metall im Aufsichtsrat ging es immer darum, dass Vorstandsangelegenheiten ausschließlich im Aufsichtsrat und nicht an anderen Stellen behandelt werden“, sagte Jürgen Wechsler, Bezirksleiter der IG Metall Bayern und Mitglied im Aufsichtsrat bei Schaeffler. Darin kommt die Kritik zum Ausdruck, dass das Thema zu früh an die Öffentlichkeit geraten war. „Jetzt kann in Ruhe ein Nachfolger gesucht werden, der die bisherige Strategie weiterführt.“ Schaeffler ließ offen, wann ein Nachfolger gefunden ist. Es gehe um das Unternehmen, nicht „um uns als Menschen und Gesellschafter“, blockte Georg Schaeffler Fragen ebenso ab wie seine Mutter. Sie ließ sich nur zur Aussage verleiten: „Wir haben jetzt die Situation, in der sich das eine oder andere relativ kurzfristig verändern wird.“ Der Name Jürgen Geißinger fiel in der Telefonkonferenz nicht einmal.

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