https://www.faz.net/-gqe-87lym

Autonomes Fahren : Was sich an selbstfahrenden Autos ändern muss

Selbstfahrende Autos: „Der größte Wendepunkt in der Autoindustrie seit der Einführung des Fließbands.“ Bild: dpa

Wenn Fahrer überflüssig werden, stellen sich ganz neue Fragen an Sicherheit und Technik. Doch bis zum serienmäßigen Start muss sich noch viel ändern.

          3 Min.

          Wahrscheinlich ist der Zug gar nicht mehr aufzuhalten. So viele Milliarden haben Konzerne überall auf der Welt in die Technik des autonomen Fahrens investiert, dass allein schon deshalb eines Tages selbstfahrende Autos im Straßenverkehr ganz normal sein dürften. Derzeit ist ein technologisches Wettrennen zwischen den Unternehmen zu beobachten. Die Internationale Automobilausstellung, die am Donnerstag der kommenden Woche in Frankfurt beginnt, dürfte zur Leistungsschau werden.

          Stephan Finsterbusch
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Deutsche Konzerne wollen vorn mit dabei sein. Das Land habe erfolgreiche Unternehmen in der Autoindustrie, auch die Anbieter von Informations- und Kommunikationstechnik seien leistungsfähig, sagte Thorsten Dirks, Präsident des Branchenverbands Bitkom, am Dienstag. „Daher können wir davon ausgehen, dass wir nicht nur zur Weltspitze gehören, sondern auch die Weltspitze definieren“, fügte der Telefónica-Manager hinzu.

          Und zu definieren gibt es auf dem Zukunftsmarkt noch eine ganze Menge. Regeln, Sicherheitssysteme und die Technik für digitale Landkarten müssen an die künftige Herausforderung angepasst werden. „Autonome Fahrzeuge sind der größte Wendepunkt in der Autoindustrie seit der Einführung des Fließbands“, heißt es in einer Studie, mit der die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) die Diskussion beeinflussen will und die sie am Dienstag vorstellte. Zwei widerstreitende Ansätze herrschten unter den beteiligten Konzernen vor: Technikunternehmen strebten danach, ihre Technik durch viele Testverfahren zu verbessern und durch Kooperationen mit Städten oder Taxianbietern im überschaubaren Rahmen einzuführen. Autohersteller dagegen seien bemüht, die Technik zunächst reifen zu lassen und gesellschaftliche Akzeptanz zu schaffen, bevor sie dann für den Massenmarkt tauglich sei.

          Preise von Versicherungsrisiken werden sich ändern

          Tatsächlich sind der Autoindustrie in den vergangenen Jahren neue Wettbewerber herangewachsen. Nach Google und Apple hat zuletzt auch Sony in Aussicht gestellt, in die Entwicklung des Automobils der Zukunft einzusteigen. Nachdem der Vorstandsvorsitzende Kazuo Hirai die Suche nach neuen Geschäftsfeldern als Priorität ausrief und sich der Elektronikkonzern am Autoentwickler ZMP beteiligte, werden die Japaner vieles daransetzen, hier vorn mitzumischen. Dabei scheuen sie keine großen Konkurrenten.

          Der Autokonzern Toyota hat im Gegenzug gerade eine Mannschaft von Spezialisten der künstlichen Intelligenz angeheuert, um sein selbstfahrendes Auto nach vorn zu bringen; Honda ist mit milliardenschweren Aufwendungen seit mehr als zwanzig Jahren dabei, Robotertechnik aus den Fabriken in Autos hineinzuholen. Zumindest im Bitkom glaubt man, auf die Fähigkeiten der Autoindustrie angewiesen zu sein. „Nur weil Google eine gute Suchmaschine hat, muss das nicht heißen, das Google auch ein gutes Auto bauen wird“, sagt Verbandspräsident Dirks. In jedem Fall müssen sich die Anbieter mit ganz neuen Herausforderungen auseinandersetzen. Die Autoren der BCG-Studie listen sie auf: Selbstfahrende Systeme sind anfällig für Hackerangriffe, Landkarten müssen die Wirklichkeit präziser abbilden, als sie es heute können, die Fahrzeuge müssen miteinander interagieren können. Und wer trägt die Verantwortung für einen Unfall: Hersteller, Besitzer oder Nutzer?

          Die Systeme dürften die Bepreisung von Versicherungsrisiken erheblich verändern, sagte Domenico Savarese, der bei der Zurich-Versicherung die globalen Telematikaktivitäten leitet, bei der Vorstellung der BCG-Studie in Frankfurt. „Versicherer werden eine wichtige Rolle im Gespräch über die Haftung spielen, die gelöst werden muss, bevor sich selbstfahrende Systeme weiterentwickeln können.“ Und schließlich müssen auch Netze für die Datenübertragung deutlich belastbarer werden, als sie heute sind. Sie müssten ermöglichen, dass Maschinen innerhalb von Millisekunden miteinander zielgerichtet Daten austauschen, sagt Bitkom-Präsident Dirks. „Wir brauchen gemeinsame Regelungen zur Datensicherheit. Wir brauchen gemeinsame Anstrengungen für den Ausbau der Infrastruktur“, forderte er.

          Ob in Amerika oder Asien, die Berater von BCG erwarten erhebliche Veränderungen im Mobilitätsverhalten der Menschen. „Bürgermeister von Megacities sehen im autonomen Fahren eine Möglichkeit, den Verkehr besser zu steuern“, sagte Nikolaus Lang, Senior Partner von BCG und einer der Autoren der Untersuchung. „Manche Metropolen wollen 2030 schon bis zu 20 Prozent ihres Verkehrs von fahrerlosen Robotaxis abwickeln lassen.“ Auch unter Privathaushalten sei die Akzeptanz für die Systeme positiv – zumindest solange, wie nicht ein unerwarteter schwerer Unfall in der Einführungsphase die Haltung ändert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Impfen ohne Anmeldung“: Mit niederschwelligen Angeboten (wie hier vor dem Kongresshaus in Salzburg)  versucht Österreich, die Impfquote zu erhöhen.

          Impfen im Europa-Vergleich : Impfmuffel und Impfwillige

          In ostmitteleuropäischen Ländern wie Österreich, Ungarn, der Slowakei und der Tschechischen Republik versuchen die Regierungen verzweifelt, die Impfquote zu erhöhen. Dagegen fehlt in Spanien und Portugal der Impfstoff.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.