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Automobilindustrie : Die Inder kaufen vor allem Kleinstautos

Stau in Mumbai Bild: AP

Indien ist der drittgrößte Fahrzeugmarkt Asiens. Und die Geschäfte gewinnen mächtig an Fahrt: Im November stieg der Absatz um 65 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres. Die Deutschen schwimmen auf der Welle mit.

          Der drittgrößte Fahrzeugmarkt Asiens gewinnt mächtig an Fahrt: Im November stieg der Absatz in Indien um 65 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres. Einzelne Anbieter wie Mahindra & Mahindra steigerten ihren Absatz sogar dreistellig. Der November ist der elfte Monat in Folge, in dem der Automobilabsatz in Indien wieder wächst.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Gründe für den Absatzschub sind vielfältig. Traditionell sind die beiden kühlen, trockenen Monate November und Dezember eh die beste Zeit für den Automobilverkauf: In diesen Wochen wird geheiratet und gefeiert, und es gibt mehrere "günstige Tage", in denen das Horoskop zu wichtigen Anschaffungen rät.

          „Die Menschen kaufen vor allem an glückverheißenden, heiligen Tagen Autos“, sagt Kapil Peshankar gegenüber der F.A.Z. Er hat in der Industriestadt Pune ein kleines Autohandelsimperium mit der Kernmarkte Audi aufgebaut. So stiegen die Absätze in jedem März, Oktober und November leicht um mehr als 20 Prozent im Jahresvergleich. In der Regenzeit im August aber ginge gar nichts. "Da können wir eigentlich zumachen."

          Indische Börse hat seit Jahresbeginn 70 Prozent zugelegt

          Am wichtigsten allerdings dürfte für den sprunghaften Anstieg der Verkäufe die Erholung der gesamtwirtschaftlichen Lage auf dem Subkontinent sein: Indiens Bruttoinlandsprodukt ist im dritten Quartal dieses Jahres mit 7,8 Prozent deutlich schneller als erwartet gewachsen (F.A.Z. vom 1. Dezember). Damit steigt der Optimismus: Die Börse hat seit Jahresbeginn gut 70 Prozent zugelegt. Auch die Löhne und Gehälter ziehen wieder an. "Das Wachstum feuert die Nachfrage nach Transport und damit auch nach Lastwagen an. Ich denke, wir werden bis wenigstens Ende März nächsten Jahres robuste Zuwächse sehen", sagt Jatin Chawla, Analyst von India Infoline.

          Allerdings ist mit Blick auf die prozentualen Steigerungen auch die niedrige Vergleichsbasis des vergangenen Jahres wichtig. Im November 2008 war der Absatz um 19,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen. Damals steckte auch Indiens Automobilindustrie tief in der Krise. Nun sind die Lager der Händler leer, und sie bestellen in den Aufschwung hinein. Ihre Käufer rechnen mit Zinserhöhungen durch die Zentralbank. Also nehmen sie noch schnell preiswerte Kredite mit. Zudem profitieren sie von der steuerlichen Förderung von Kleinwagen, mit der die Regierung die Industrie stützen wollte. Immerhin arbeiten in Indiens Automobilsparte mehr als zehn Millionen Menschen. Im jetzigen Aufschwung aber ist auch schon das Ende dieser Förderung abzusehen.

          Die Deutschen schwimmen auf der Welle mit. Volkswagen, das seit gut zwei Jahren in Indien die Muskeln spielen lässt, hat gerade schlicht sämtlichen Anzeigenraum in einer ganzen Ausgabe der Tageszeitung Times of India gebucht. Mercedes hielt am Mittwoch dagegen, indem es die komplette Titelseite und die zweite Seite der Wirtschaftszeitung Mint mit Anzeigen füllte.

          Die Stuttgarter sind nach dem Scheitern ihrer geplanten Lastwagenkooperation mit dem Hersteller Hero auf der Suche nach einem neuen Partner in Indien. Nach dem Bericht einer indischen Tageszeitung sprechen sie nun unter anderem auch mit Bajaj Auto. Der führende Hersteller von Dreirädern arbeitet gerade mit Renault und Nissan an einem Kleinwagen-Projekt, um den Tata Nano noch zu unterbieten (F.A.Z. vom 11. November). Daimler will im nächsten Jahr Kleinlaster der Marke Mitsubishi Fuso in Indien einführen.

          Ein Billigtraktor für knapp 2200 Euro

          Beim Massenabsatz aber haben die Deutschen noch wenig zu bestellen: Er wird bestimmt von Klein- und Kleinstwagen asiatischer Hersteller. Marktführer Maruti Suzuki meldet einen Absatzzuwachs von 60 Prozent auf 76.359 Einheiten. Die Japaner verlangen immer noch eine Wartezeit von dreieinhalb Monaten auf ihre Modelle Dzire und Estilo - was indische Automobilkäufer noch weniger mögen als die Deutschen. Dass es die Nachfrage durchaus ernst nimmt, beweist das japanisch-indische Gemeinschaftsunternehmen mit der Ankündigung, im Januar über eine Produktionsausweitung um 300.000 Einheiten auf 1,3 Millionen entscheiden zu wollen. "2015 wollen wir eine Kapazität von 1,75 Millionen Einheiten erreichen", sagte Geschäftsführer Shinzo Nakanishi gerade.

          Konkurrent Hyundai, die Nummer zwei im Markt, kam im November dank einer knappen Verdoppelung immerhin schon auf 28.162 Einheiten. Tata Motors, größter Fahrzeughersteller im Land am Ganges, befreit sich zunehmend aus der Kreditkrise durch seinen Kauf von Jaguar und Land Rover. Sein Verkauf stieg nicht nur bei Personenwagen, sondern - ein deutlicher Hinweis auf die Verbesserung der Konjunktur - auch bei Lastwagen. Tatas Gesamtabsatz legte im Jahresvergleich 65 Prozent auf 50.108 Einheiten zu. Der Absatz von Nutzfahrzeugen stieg dabei um 81 Prozent auf knapp 30.000 Einheiten. Auch der ganz Kleine, zugleich das Aushängeschild der indischen Automobilindustrie, schreibt schon wieder Schlagzeilen: Der Tata Nano soll mit Hybrid-Antrieb auf den Markt kommen. Der normale Nano kostet rund 1300 Euro und wurde im Juli 2009 in Indien erstmals ausgeliefert. Im November verkaufte der Konzern 3404 Winzlinge an die Händler.

          Das Geschäft mit den Kleinen greift weiter um sich: Geländewagen- und Landmaschinenhersteller Mahindra & Mahindra will einen Billigtraktor auf den Markt bringen: Das Modell mit einer Leistung von 15 PS soll rund 150.000 Rupien (2152 Euro) kosten und vor allem Landwirte ansprechen, die sich bisher keine Zugmaschine leisten konnten. Theoretisch umfasst der Markt Millionen von Bauern. Der Aktienkurs von M&M stieg dementsprechend nach Bekanntgabe um fast 5 Prozent.

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