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Automobilindustrie : 60.000 Leiharbeiter auf der Kippe

  • -Aktualisiert am

Am Band: Karosserieteile durchlaufen im Mercedes-Benz-Werk in Rastatt die Produktion Bild: dapd

In Deutschlands Autoindustrie bringt die Absatzflaute die Verträge der Zeitarbeiter in Gefahr. Volkswagen, Daimler, BMW und ihre Zulieferer dürften sich bald zum Handeln gezwungen sehen.

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          Noch bis vor einigen Monaten schien die deutsche Autoindustrie immun gegen die Absatzkrise in Europa zu sein. Volkswagen, Daimler und BMW meldeten dank des guten Geschäfts in China und Amerika neue Absatzrekorde und hohe Gewinne. Doch mit der Unverwundbarkeit der Deutschen scheint es nun vorbei. In den ersten drei Monaten dieses Jahres schrumpfte der für die Branche so wichtige Export um 9 Prozent auf gut eine Million Autos. Noch schneller ging im ersten Quartal die für die Arbeitsplätze in Deutschland entscheidende Inlandsproduktion zurück, die um 11 Prozent auf 1,3 Millionen Einheiten sank.

          Jetzt zeichnen sich drei Schritte ab, um auf die Krise zu reagieren: Erst werden die Zeitarbeitskonten abgebaut, dann die Stellen für Leiharbeiter reduziert - wenn auch das nicht genügt, wird Kurzarbeit angemeldet. Für die inländischen Beschäftigten der deutschen Autoindustrie sind das schlechte Nachrichten. Zwar sind die Arbeitsplätze in den Stammbelegschaften durch lang laufende Verträge mit den Gewerkschaftern der IG Metall gesichert. Ihre Zahl hat 2012 sogar um fast 20.000 auf 750.000 Stellen zugenommen. Zittern müssen jedoch die Leiharbeiter in der Autoindustrie, deren Einsätze in den meisten Fällen monatlich beendet werden können.

          Ihre Zahl hat sich nach Angaben des Verbands der deutschen Autoindustrie (VDA) im Verlauf des vergangenen Jahres um 10.000 auf 60.000 erhöht und ist seit Mai einigermaßen stabil geblieben. Aktuellere Zahlen dazu gibt es nicht; nur die Schätzungen diverser Fachleute. Ein Teil der Leiharbeiter wurde in den vergangenen sechs Monaten deren Einschätzung zufolge schon ohne größeres Aufsehen abgebaut. Nicht einmal die Gewerkschafter haben ein Interesse, darüber zu sprechen, da die IG Metall gerade über eine Tariferhöhung für die Stammbelegschaften verhandelt und deshalb keine negativen Nachrichten gebrauchen kann.

          Keine Reduzierung des Stammpersonals bei VW

          Doch sind die Arbeitszeitkonten, über die sonst Schwankungen in der Nachfrage ausgeglichen werden, mittlerweile in vielen Fällen so weit im Minus, dass die erlaubten Grenzen angekratzt werden. „Tausende der von Zeitarbeitsfirmen entliehenen Beschäftigten könnten für die Autohersteller angesichts der Absatzflaute in Europa bald nicht mehr zu halten sein“, warnen hochrangige IG Metaller. Nachdem Daimler vor einem sinkenden Gewinn warnte, schlägt nun auch der Vorstandsvorsitzende von Volkswagen, Martin Winterkorn, Molltöne an, die für die mehr als 11.000 Zeitarbeiter in seinem Konzern alarmierend klingen müssen.

          Über eine Reduzierung der Kernbelegschaft werde zwar nicht nachgedacht. „Stammpersonal ist sicher ein Thema, wo wir festhalten werden“, sagte Winterkorn jetzt in einem Interview. Aber: „Über die Leihkräfte werden wir nachdenken müssen.“ Auch von hochrangigen IG Metallern werden konfliktträchtige Gespräche über die Leiharbeiter bei VW bestätigt. Ergebnisse gebe es aber noch nicht. Man brauche in den kommenden Monaten „viel Flexibilität in der Produktion“, hatte Winterkorn vorige Woche bei der Hauptversammlung gesagt und öffnete damit Spekulationen um Kurzarbeit oder zumindest mehr Zwangspausen in den VW-Fabriken Tür und Tor.

          Andere Hersteller leiden schon unter teuren Überkapazitäten in Europa - Ford, Opel oder Peugeot-Citroën planen sogar, einzelne Werke zu schließen. Davon ist VW zwar weit entfernt, doch erste Dämpfer sind auch dort sichtbar. So hatte VW zuletzt in seinem Werk in Emden abermals die Passat-Produktion zurückgefahren. In den Vereinigten Staaten müssen 500 Leiharbeiter aus der Passat-Produktion in Chattanooga (Tennessee) gehen. Beim Konkurrenten Daimler sind nach Auskunft eines Sprechers noch 3.500 Leiharbeiter beschäftigt - etwa genauso viele wie zum Jahresende.

          Bei BMW strebt der Betriebsrat für das Jahr 2014 die weitere Übernahme von Leiharbeitern in eine feste Anstellung an, Ziel ist laut Betriebsrat eine Zeitarbeiter-Quote von 8 Prozent. Das wären bei 74.500 fest angestellten BMW-Beschäftigten in Deutschland etwa 6.500 Leiharbeiter. Im September 2012 waren es nach Angaben der Gewerkschaft rund 12.000. Davon wurden dem Vernehmen nach schon die Hälfte abgebaut. Der Konzern selbst nennt auf Anfrage keine Zahlen.

          Noch schlimmer sieht es bei den Volumenherstellern aus, die ihre Autos an eine weniger wohlhabende Kundschaft verkaufen: Schon haben Ford und Opel in Deutschland Zehntausende ihrer Beschäftigten zeitweise in staatlich mitfinanzierte Kurzarbeit geschickt und haben gemeinsam mit Gewerkschaft und Arbeitgeberverbänden eine Ausweitung der erlaubten Dauer der Kurzarbeit von sechs auf 18 Monate angestrebt.

          So wenige Autos, wie seit zwanzig Jahren nicht mehr

          In Europa schrumpft der Markt wegen der Staatsschuldenkrise und der daraus resultierenden Rezession und Massenarbeitslosigkeit im Euroraum das fünfte Jahr hintereinander. Voraussichtlich werden im Jahr 2013 in Europa so wenige Autos verkauft wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Das trifft vor allem Europas billige Massenhersteller wie Ford, Opel und Peugeot, schwächt jedoch auch das Geschäft der von Rekordabsätzen verwöhnten deutschen Qualitätsautohersteller Volkswagen, Daimler und BMW, da drei von vier in Deutschland produzierten Autos in den Export gehen - der Löwenanteil davon ins europäische Ausland.

          Zumal die Lage auch jenseits der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung schwieriger für die Branche wird: Belastend wirken auch steigende Kraftstoffpreise und der zunehmende Protektionismus in Schwellenländern wie Brasilien, China und Russland, die ihre Absatzmärkte hinter immer höheren Einfuhrzöllen verbarrikadieren. Darüber hinaus machen der europäischen Autoindustrie auch die zunehmende Billigkonkurrenz aus Fernost durch Importe aus Indien, Japan und Korea sowie die an Schärfe zunehmende Klimaschutzpolitik aus Brüssel zu schaffen.

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