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Automobilhersteller Ford : Köln muss um den Fiesta bangen

  • -Aktualisiert am

Zwei Mitarbeiter des Kölner Werks montieren die Räder an einen Ford Fiesta Bild: Röth, Frank

Der Autokonzern will die Verluste in Europa eindämmen. Dem Werk in Köln droht ein Abzug des Kleinwagens Fiesta – der dann wohl in Rumänien vom Band liefe.

          Der Autokonzern Ford kommt in Europa nicht zur Ruhe. Nach der Schließung dreier Werke in Belgien und England kommen auf das Unternehmen weitere bedeutende Entscheidungen zu. So wird zwischen Arbeitnehmervertretern und Geschäftsleitung hart darüber verhandelt, ob die nächste Generation des Kleinwagens Ford Fiesta am Standort Köln produziert werden kann. Der Modellwechsel zur neuen Version erfolgt im Jahr 2016. Über den aktuellen Verhandlungsstand in dieser Sache hat der Betriebsrat am Freitag in einer Versammlung am Werk in Köln-Niehl die Beschäftigten informiert.

          Ford will noch in diesem Jahr über den Verbleib der Fiesta-Produktion in Köln befinden. „Wir brauchen zügig eine Entscheidung“, sagte Deutschland-Chef Bernhard Mattes kürzlich auf der Automesse in Detroit. Bald müssten die Lieferanten angesprochen werden, die sich auf den Produktionsstandort einzustellen haben. „Der nächste Fiesta muss in Köln global wettbewerbsfähig sein“, sagte Mattes.

          Köln in Konkurrenz zu Rumänien

          Nach Informationen aus dem Aufsichtsrat der Ford Werke GmbH konkurriert Köln als Produktionsstandort für den nächsten Fiesta mit dem nur schwach ausgelasteten Ford-Werk im rumänischen Craiova. „Die Kostensituation bei Kleinwagen wie dem Fiesta ist in Deutschland schwierig“, sagt ein Mitglied des Kontrollgremiums. Es gehe darum, ein Gesamtpaket auszuhandeln, das den Verbleib des margenschwachen Kleinwagens im Hochlohnland Deutschland ermögliche. Dem Vernehmen nach wäre die Fiesta-Produktion unter den jetzigen Bedingungen in Köln nicht profitabel möglich. Deshalb sollen die Beschäftigten künftig flexibler, effizienter und billiger arbeiten als bisher.

          Als der Handyhersteller Nokia seine Produktion aus Bochum nach Rumänien verlagerte, ging ein Aufschrei durch Deutschland. Rumänien gilt als deutlich kostengünstiger als Deutschland – etwa bei den Lohnkosten, aber auch bei Energiekosten. Daten des CAR-Instituts der Universität Duisburg zeigen, dass die Lohnkosten in Rumänien mit knapp 5 Euro in der Stunde lediglich 10 Prozent der Lohnkosten in Deutschland betragen. Unterstellt man etwa für die Produktion eines Fiesta 30 Arbeitsstunden, so wäre die Produktion in Deutschland, allein an den Arbeitskosten gemessen, um 1.300 Euro teurer als in Rumänien.

          Sieben Millionen Kölner Fiesta

          Der Ford Fiesta gehört beinahe so sehr zu Köln wie der Dom. Als einziges Modell ist der Wagen für die Auslastung des Werks, das den Fiesta in der siebten Generation fertigt, nahezu unverzichtbar. In 35 Jahren wurden mehr als sieben Millionen Fahrzeuge dieses Typs in Köln gebaut. Im Jahr 2013 war das Auto nach Angaben von Ford der meistverkaufte Kleinwagen in Europa. Fast die gesamte Kölner Produktion geht in den Export. Neben dem Kleinwagen werden am Kölner Standort mit insgesamt 17.300 Beschäftigten auch Motoren, Getriebe sowie Schmiede- und Gussteile gefertigt.

          Die Entscheidung über den Standort des nächsten Fiesta trifft letztlich Ford-Europa-Chef Stephen Odell. Der gebürtige Brite gilt als harter Sanierer, der auch vor unbequemen Entscheidungen nicht zurückscheut. Der 58 Jahre alte Manager, der sich bei Ford mit dem Verkauf der verlustreichen Marke Volvo nach China einige Meriten verdient hat, musste seit seinem Amtsantritt als Ford-Europa-Chef im Jahr 2010 schon einige harte Entscheidungen treffen. Im Oktober 2012 kündigte Ford ohne Vorwarnung völlig überraschend die Schließung der Werke im belgischen Genk und im britischen Southampton sowie die Aufgabe von Presswerk und Werkzeugbau im ebenfalls britischen Dagenham an. Das Unternehmen streicht im Zuge des seither vorangetriebenen Umbaus rund 6.000 von 47.000 Arbeitsplätzen in Europa. Die Produktion wird um rund 360.000 Einheiten verringert, ein Fünftel der Gesamtmenge.

          Mehrere hundert Millionen Euro Verlust im Europageschäft

          Damit reagiert Ford darauf, dass der europäische Automarkt seit 2007 um etwa ein Viertel geschrumpft ist. Volumenhersteller wie Ford, Fiat oder Peugeot sind in eine ungünstige Sandwichposition geraten zwischen den deutschen Premiumherstellern Audi, BMW und Mercedes, die ihnen mit neuen Kompaktwagen Konkurrenz machen, und den Billiganbietern aus dem Osten wie Dacia und Hyundai. Im vergangenen Jahr wurden in Europa so wenige Autos verkauft wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Eine schnelle Erholung ist nicht in Sicht. Ford macht jedes Jahr mehrere hundert Millionen Euro Verlust im Europageschäft. Ähnlich wie beim Wettbewerber Opel soll erst zur Mitte des Jahrzehnts die Gewinnwende gelingen.

          Das Fiesta-Werk in Köln-Niehl hat 4.100 Beschäftigte und ist inklusive der Beschäftigten bei den zahlreichen Zulieferern einer der bedeutendsten Industriearbeitgeber in der Stadt und der Region. Am rumänischen Standort in Craiova beschäftigt Ford ebenfalls gut 4.000 Mitarbeiter. In dem Werk wird der fünfsitzige Van B-Max produziert, der auf dem Fiesta basiert. Solche großen Familienwagen haben zuletzt an Kundschaft verloren. Ford-Konkurrent Opel kooperiert deshalb in der Entwicklung und Produktion von Vans mit dem Partner Peugeot.

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