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Automobile : Start-up-Unternehmen Rolls-Royce

Auch wenn der Engel weint ... Bild: Rolls-Royce

BMW hat Rolls-Royce neu erfunden. Der fast 400.000 Euro teure „Phantom“ ist der ganze Stolz des Konzerns. Doch es läuft nicht rund in England. Der Grund: Die Superreichen knausern.

          3 Min.

          Ein Knopfdruck genügt, und aus der Tür springt ein Regenschirm heraus. Kein gewöhnlicher, sondern ein teflonbeschichteter, damit das Wasser abperlt. Der Trick mit dem Regenschirm ist eine von vielen Annehmlichkeiten, auf die sich Rolls-Royce-Kunden beim Kauf des neuen Phantom freuen können.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Die fast 400.000 Euro teure Luxuskarosse ist der ganze Stolz des BMW-Konzerns, der 1998 die Markenrechte an Rolls-Royce erworben hat. Die besten Ingenieure konnten sich austoben und zeigen, welche Visionen sie auf die Straße bringen wollten. Zu dumm nur, daß sich der neue Rolls-Royce bisher schleppend verkauft.

          68 ausgesuchte Händler weltweit

          „Rolls- Royce ist ein Start-up-Unternehmen", sagt BMW-Finanzvorstand Stefan Krause. Das klingt lustig für eine Firma, die vor wenigen Monaten hundert Jahre alt geworden ist. Aber Rolls-Royce mußte tatsächlich einen Neuanfang hinlegen, brauchte ein neues Werk, weil die mit der Schwestermarke Bentley genutzte Fabrik in Crewe an Volkswagen ging. Seit einem Jahr rollt der Phantom aus den neuen Werkshallen im südenglischen Goodwood. Und erst seit wenigen Wochen ist der Aufbau des Händlernetzes abgeschlossen. 68 ausgesuchte Händler weltweit, nur drei davon in Deutschland, sollen das Auto verkaufen. „2005 wird das erste stabile Geschäftsjahr nach der Investitionsphase", sagt Krause.

          Wir würden ihn mit in den Urlaub nehmen
          Wir würden ihn mit in den Urlaub nehmen : Bild: Rolls-Royce

          2004 hingegen war ein turbulentes Jahr für Rolls-Royce. Zwei Vorstände wurden verschlissen. Erst machte der langjährige Vorstandschef Tony Gott kurz nach der glamourösen 100-Jahr-Feier Platz für den BMW-Marketing-Chef Karl-Heinz Kalbfell.

          Vom Jahresziel weit entfernt

          Dann erklärte Kalbfell Mitte Oktober seinen Rücktritt, um zur italienischen Sportwagenmarke Alfa Romeo zu wechseln. Nun führt der BMW-Finanzchef die britische Edelmarke kommissarisch, bis im Februar 2005 Ian Robertson, derzeit Managing Director für BMW in Südafrika, das Kommando in Goodwood übernimmt. Unter solchen Voraussetzungen mag es schwer sein, Autos abzusetzen. Rolls-Royce ist weit vom Jahresziel 1000 verkaufter Fahrzeuge entfernt. Im November wurden immerhin 80 Stück an die betuchte Kundschaft geliefert. Damit kommt der Konzern für die ersten elf Monate aber nur auf 636 Auslieferungen.

          „Luxussegment total überschätzt“

          BMW ist mit dem Luxus-Problem nicht allein. Daimler-Chrysler erreicht ebenfalls längst nicht genug Käufer für den teuren Maybach, auch wenn über genaue Zahlen in Stuttgart geschwiegen wird, und bei Volkswagen gehen zu wenig Bestellungen für den Bentley Arnage ein. „Die deutschen Hersteller haben das Luxussegment total überschätzt", behauptet Willi Diez, Professor an der Fachhochschule Nürtingen. „Würden ihre ambitionierten Pläne aufgehen, müßten jedes Jahr dreimal so viele Luxusautos verkauft werden wie heute." Überdurchschnittliches Wachstum hat Diez in der Preisklasse unterhalb von Phantom, Maybach und Arnage ausgemacht, bei den Super-Sportwagen zwischen 150.000 und 200.000 Euro.

          Rolls-Royce-Chef Krause glaubt unverdrossen an das Marktwachstum. Er bezieht sich auf den Merrill Lynch Wealth Report, der für die High-End-Luxuslimousinen 70.000 bis 80.000 Kunden weltweit sieht. Das sind Menschen, die mindestens 30 Millionen Dollar haben. Und die Gruppe dieser Superreichen wächst, vor allem in Amerika und Asien. Krause spricht von „High net individuals". Leute, die gar kein Auto mehr brauchen, weil sie schon fünf haben. Mit Null-Prozent-Finanzierungen oder Gratis-Klimaanlagen läßt sich der Absatz nicht ankurbeln bei diesen Kunden, die es gewohnt sind, eine Anzahlung zwischen 10 und 25 Prozent zu leisten, damit der Phantom nach ihren Wünschen gebaut wird. „100 oder 200 Einheiten weniger in diesem Jahr, das stellt nicht den Business Case Rolls-Royce in Frage. Wir werden, über die lange Laufzeit gesehen, jedes Jahr 1000 Phantom absetzen, ganz sicher", sagt Krause.

          Renditeanforderungen wie an Mini

          Trotz der Startschwierigkeiten ist der Interimschef überzeugt zu schaffen, was in vielen Jahrzehnten zuvor niemandem gelungen ist: mit den Luxusautos von Rolls-Royce satte Gewinne einzufahren. „Wir verdienen schon heute mit jedem verkauften Phantom Geld", sagt Krause. Und im übrigen: „Rolls-Royce unterliegt denselben Renditeanforderungen wie BMW und Mini." Die Anfangsinvestitionen in die Marke und das neue Werk sollen bald wieder eingespielt sein. Die Bayern haben bisher rund 160 Millionen Euro für das Luxusabenteuer ausgegeben.

          Rolls-Royce-Kunden, so ist zu hören, schätzen die Eigenständigkeit der britischen Edelmarke. Nichts erinnert beim Phantom an einen BMW, obwohl es zumindest bei dem 12-Zylinder-Motor konstruktive Gemeinsamkeiten mit dem Triebwerk des BMW 760i gibt. Das erfreut Rolls-Royce-Puristen, den Finanzvorstand von BMW eigentlich nicht. Doch der sagt, daß Synergien in diesem besonderen Fall nicht erwünscht sind. Und der Phantom ist in jeder Hinsicht ein besonderes Auto.

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