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Automobile : Inder und Italiener gemeinsam im Kleinwagen

Dem Tata Indica war in Europa kein Erfolg beschieden Bild: Tata Motor

Für Fiat wäre die Kooperation mit dem indischen Autobauer Tata der Einstieg in den schnellsten Wachstumsmarkt der Erde. Für die Inder könnte sich der europäische Markt öffnen, den sie mit einem Auto für weniger als 2000 Euro bedienen möchten.

          Ein kurzer Plausch mit dem Zollbeamten, einige Soldaten salutieren, drei Helfer holen die abgewetzten Koffer vom Band. Dann verläßt Ratan Tata die Ankunftshalle des Flughafens Bombay und steigt in eine alte Mercedes-E-Klasse - so als wäre er ein ganz normaler indischer Geschäftsmann. Er ist es nicht. Ratan Tata ist einer der reichsten Inder, Aushängeschild für die erfolgreiche Symbiose von Kolonialgeschichte und neuem Selbstbewußtsein, Erbe einer Dynastie und bekannt für Charme und Charakter.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Als Chairman von Tata Sons leitet der 68jährige ein Konglomerat, das von Tee bis Telekommunikation, von Stahl bis Informationstechnologie, von Hotels bis zum Automobilbau gespreizt ist und fast 18 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr macht. Seit Jahren hält die Daimler-Chrysler AG einen Anteil von 7,15 Prozent an Tata Motors, nutzt deren Lackieranlage am Produktionsstandort Pune. Das blitzblanke Mercedes-Werk indes verschwindet nahezu hinter der riesigen Tata-Fabrik.

          Eintritt für die Italiener in den schnellsten Wachstumsmarkt der Erde

          Dort wird der Bedarf für 18 Prozent des indischen Personenwagen-Marktes gedeckt. Das Traditionsunternehmen Tata Motors ist nach dem Suzuki-Tochterunternehmen Maruti Udyog Ltd. mit 42 Prozent Marktanteil und vor der koreanischen Hyundai mit 14 Prozent der zweitgrößte Hersteller im Wachstumsmarkt Indien. Das ist der Grund, warum der kränkelnde italienische Fiat-Konzern sich Tata als Partner für die Eroberung des Subkontinents ausgesucht hat. Am Donnerstag erklärten Fiat SpA, Turin, und Tata Motors Ltd. offiziell, was die Branche seit Tagen munkelte: Sie prüfen eine Allianz, die Entwicklung, Produktion und Vertrieb von Automobilen in Indien und anderen Märkten zum Ziel hat.

          Kommt sie zustande, haben die Italiener damit endgültig den Eintritt in den schnellsten Wachstumsmarkt der Erde geschafft. Denn nicht etwa der viel mehr im Blickpunkt stehende chinesische Automobilmarkt, sondern der indische Markt wächst derzeit so rasch wie sonst keiner auf der Welt. Im vergangenen Jahr legte der Autoabsatz zwischen Himalaja und der Küste des Indischen Ozeans um 23 Prozent zu. Zwar wurden in China 2004 rund 5,1 Millionen Fahrzeuge abgesetzt und in Indien nur 1,4 Millionen. Doch dürfte Indien mit einem jährlichen Wachstum des Fahrzeugmarktes von 9,6 Prozent bis 2014 auf einen Absatz von 3,5 Millionen Einheiten kommen. Dann würde es Rang fünf der wichtigsten Fahrzeugmärkte der Welt einnehmen - direkt hinter Deutschland, wo dann etwa vier Millionen Einheiten verkauft werden. Fast 10 Prozent Wachstum wiegen schwer in einem Weltmarkt, der im Durchschnitt auf 2 Prozent Wachstum jährlich bis 2014 kommt.

          Kleine, billige, robuste Autos - vielleicht auch von Fiat

          Gründe genug, sich Indien vorzunehmen. Auch die Deutschen haben sich auf den Weg gemacht: Daimler-Chrysler ist seit 1982 hier, die Volkswagen-Tochter Skoda produziert vor Ort, BMW hat nach jahrelangem Tauziehen einen Fertigungsstandort gefunden - trotz aller Querelen. Der koreanische Massenhersteller Hyundai macht vor, wie der komplizierte Markt kraftvoll betreten wird. Hyundai will bis spätestens 2008 Suzuki als größten ausländischen Hersteller ablösen - und niemand hält dies für einen Bluff. Eine halbe Milliarde Dollar soll in Indien investiert werden. Schon im vergangenen Jahr verbuchten die Koreaner ein Wachstum von 43 Prozent gegenüber 2003. Ihre Stärke: Sie fertigen kleine, billige, robuste Automobile.

          Sie aber könnte auch Fiat-Tata anbieten. Bislang sind die Italiener in Indien mit einem Gemeinschaftsunternehmen mit Premier Automobiles Ltd. vertreten. Gemeinsam stellen sie in ihrer Fabrik nahe Bombay den Palio her. Ein Zusammengehen mit dem Tata-Konzern würde die Reichweite über Nacht vervielfachen. "Die Übereinkunft mit Tata ist ein weiterer Schritt in unserer Strategie, ausgewählte und zielgerichtete Partnerschaften im Automobilsektor zu schließen", sagt Fiat-Chef Sergio Marchionne. Nach dem Scheitern der Partnerschaft mit General Motors im Februar haben die Italiener mit PSA Peugeot Citroen vereinbart, Kleinlaster in der Türkei zu bauen, und sich mit Ford geeinigt, eine Plattform für Kleinwagen in Europa zu entwickeln. Tata wäre der nächste Schritt auf diesem Weg.

          Tata will seine Stellung auf dem Heimatmarkt festigen

          Auch in entgegengesetzter Richtung macht die Allianz Sinn: Denn Tata sucht mit Macht, seine Stellung durch Exporte zu stärken. Der Kauf der Nutzfahrzeugsparte von Daewoo und des spanischen Busherstellers Hispano Carrocera haben den Indern Technologie verschafft. Zwar hat Tata mit dem Indica den viertmeistverkauften Personenwagen Indiens im Programm. Doch muß der größte Nutzfahrzeughersteller Indiens auch im Automobilgeschäft rechtzeitig vor einem weiteren Eindringen der Ausländer seine Stellung festigen. Mit einem Umsatz von rund 4,7 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr verfügt er über die notwendigen Ressourcen. Anders als Fiat ist die Tata-Gruppe gesund, muß aber umstrukturiert werden. Alle vier Jahre solle sich ihr Umsatz verdoppeln, der Gewinn sogar alle drei Jahre, läßt Ratan Tata wissen.

          Die Konzentration auf Kleinwagen könnte Exporterfolge bringen: Ein erster Versuch, den Indica in einer Kooperation mit MG Rover nach Europa auszuführen, mißlang zwar. Doch Tata will bis 2008 ein Auto für weniger als 2000 Euro anbieten. Der Markenname und das Netzwerk von Fiat könnten da helfen. Ratan Tata läßt an der Ausrichtung des Gemeinschaftsunternehmens keinen Zweifel: "Beide Unternehmen werden von diesem Zusammenschluß profitieren: in Hinblick auf die gemeinsame Entwicklung neuer Produkte und das gemeinsame Nutzen von Plattformen."

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