https://www.faz.net/-gqe-qevh

Automobile : Für die Märkte sind GM und Ford heute schon Ramsch

GM drohen 850 Millionen Dollar Quartalsverlust Bild:

Die beiden größten amerikanischen Autohersteller, GM und Ford, werden in dieser Woche ihre Quartalszahlen veröffentlichen. Die Berichte werden die Misere bei den amerikanischen Autoherstellern offenlegen.

          Es könnte eine weitere schwarze Woche für General Motors (GM) und Ford werden: Die beiden größten amerikanischen Autohersteller werden ihre Quartalszahlen veröffentlichen - GM am heutigen Dienstag und Ford am Mittwoch -, und nichts deutet darauf hin, daß die Serie von Hiobsbotschaften abreißt. Schon in der vergangenen Woche hatten die Autohersteller für schlechte Stimmung an den Märkten gesorgt, zunächst Ford mit korrigierten Prognosen und dann GM mit erneuten Insolvenzgerüchten und ergebnislosen Gesprächen mit Autogewerkschaften über die Senkung der Gesundheitskosten.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Quartalsberichte dürften nun das ganze Ausmaß der Misere offenlegen - und wenig Hoffnung auf eine baldige Erholung machen. Die Lage bei GM und Ford hat sich seit Jahresbeginn dramatisch verschärft, weil die beiden Unternehmen auf dem Heimatmarkt immer weniger Autos verkaufen. Gerade das Geschäft mit den wichtigsten Gewinnträgern - Großraumautos wie Sportwagen (Sport Utility Vehicles, SUV) und Pritschenwagen (Pick-Up-Trucks) - kommt immer mehr unter Druck. GM und Ford geraten hier durch japanische Wettbewerber in Bedrängnis, außerdem entscheiden sich amerikanische Verbraucher wegen der hohen Benzinpreise zunehmend für kleinere Autos.

          850 Millionen Dollar Verlust

          GM hatte die Märkte schon Mitte März mit einer dramatischen Warnung auf einen Quartalsverlust von 850 Millionen Dollar eingestellt, nachdem zuvor noch zumindest ein ausgeglichenes Ergebnis angekündigt worden war. In diesem Betrag ist noch das Ergebnis aus der hochprofitablen Finanzsparte GMAC enthalten. Der Quartalsbericht wird nun mehr Klarheit bringen, wie schlecht die Lage im Kerngeschäft mit dem Verkauf von Autos wirklich ist. Auf jeden Fall dürfte der Verlust hier bei deutlich über 1 Milliarde Dollar liegen. Ford hat sogar schon seine Prognosen für dieses und nächstes Jahr zurückgenommen. Im Autogeschäft wird Ford beim Ergebnis bestenfalls die Nullmarke erreichen. Das Ziel eines Vorsteuergewinns von 7 Milliarden Dollar für 2006, das Ford nach der schweren Schieflage im Jahr 2001 ausgerufen hatte, wurde aufgehoben. Ford hat für den Mittwoch weitere Einzelheiten zur künftigen Ausrichtung angekündigt.

          An den Kapitalmärkten herrscht mit Blick auf GM und Ford große Nervosität: Die ohnehin schon gebeutelte Aktie von GM ist noch einmal abgerutscht und notiert auf dem tiefsten Stand seit 1993. In den vergangenen zwölf Monaten hat das Papier mehr als 40 Prozent an Wert verloren. Auch beim Konkurrenten Ford, der sich lange stabiler gehalten hatte, geht es seit einigen Wochen steil nach unten.

          Ramschanleihe

          Noch größer sind die Erschütterungen an den Anleihemärkten: Sowohl GM als auch Ford, zwei der größten Anleiheschuldner in der Welt, werden an den Märkten mittlerweile als Emittenten von Ramschanleihen (Junk-Bonds) behandelt. Die Risikoprämien (Spreads), zu denen die Anleihen von GM und Ford gehandelt werden, liegen bereits auf dem Niveau von Unternehmen, die von den Rating-Agenturen als „Junk“ eingestuft werden. GM wird derzeit von allen Agenturen eine Stufe über Ramschanleihen eingeordnet, Ford liegt zum Teil noch besser. Die Anleihemärkte stufen die Unternehmen also noch schlechter ein als die Kreditbewertungsgesellschaften. Standard & Poor's-Analyst Scott Sprinzen sagt, das Rating könne mehrere Quartale mit schwacher Entwicklung tragen, allerdings nur unter der Voraussetzung, daß sich die Finanzlage irgendwann verbessert.

          Wenn S&P also das Vertrauen auf eine Wende verliere, könne es mit einer Herabstufung auf das Niveau von Ramschanleihen sehr schnell gehen. Ein „Junk“-Rating wäre aber verheerend, weil es die Kosten für die Aufnahme von Fremdkapital enorm verteuern würde. GM hat schon im vergangenen Jahr 11,9 Milliarden Dollar und damit 26 Prozent mehr als im Vorjahr allein für Zinsen ausgegeben. Außerdem würde es als „Junk“-Emittent immer schwieriger, an Kapital heranzukommen, weil viele institutionelle Anleger nicht in Ramschanleihen investieren. Sowohl GM als auch Ford sind hochverschuldet: Bei GM erreichen die Schulden gut 300 Milliarden Dollar, bei Ford sind es mehr als 170 Milliarden Dollar.

          Kostenproblem Gesundheitsleistungen

          Trotzdem halten Analysten Insolvenzspekulationen für überzogen: Der Großteil dieses Betrages entfällt auf die Finanzsparten, und ihm stehen entsprechende Verbraucherkredite gegenüber. Die Schulden im reinen Autogeschäft beziffert GM auf 30 Milliarden Dollar. Darüber hinaus verfügt GM über 23 Milliarden Dollar an Barbeständen, dazu kommen 23 Milliarden Dollar bei GMAC. Daneben muß GM milliardenschwere Sonderposten stemmen, etwa für das Restrukturierungspaket in Europa oder für eine Ausgleichszahlung an den italienischen Fiat-Konzern. Die Fiat-Aktie hat in den vergangenen Tagen deutlich an Wert verloren, und Analysten begründen dies unter anderem mit der Sorge, ob GM zur Zahlung des Betrags in der Lage sein wird. Allein am Montag gab der Fiat-Aktienkurs vorübergehend um mehr als 7 Prozent.

          Das größte Kostenproblem sind aber die Aufwendungen für Gesundheitsleistungen für Mitarbeiter und Pensionäre. Verträge mit den Gewerkschaften zwingen GM und Ford, fast die gesamte Gesundheitsversorgung für ihre Mitarbeiter zu übernehmen. GM erwartet in diesem Jahr einen deutlichen Anstieg dieser Kosten auf 5,6 Milliarden Dollar. Die Hoffnung, daß GM vor dem Auslaufen des derzeitigen Tarifvertrags im Jahr 2007 größere Einschnitte durchsetzen kann, haben in der vergangenen Woche einen Dämpfer erhalten. Die Gewerkschaften haben in Gesprächen keine Bereitschaft gezeigt, Neuverhandlungen des laufenden Vertrags aufzunehmen.

          Weitere Themen

          Drohnen-Angriff sorgt für Ölpreis-Anstieg Video-Seite öffnen

          Saudi-Arabien : Drohnen-Angriff sorgt für Ölpreis-Anstieg

          Nach den Drohnenangriffen auf zwei Ölanlagen in Saudi-Arabien wird mit einem Anstieg der Ölpreise gerechnet. Die Angriffe verschärfen die angespannte Lage in der Golfregion und führten zum Einbruch der Ölproduktion in Saudi-Arabien.

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Anne Will : Klimawandel und Professionalisierung

          In dieser Woche will die Bundesregierung ihre klimapolitischen Pläne festschreiben. Vorher schärfen alle Akteure noch einmal ihr Profil. Das gelang gestern Abend auch dem AfD-Politiker Björn Höcke, während es bei Anne Will um die Autoindustrie ging.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.