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Automobile : Ford versetzt Zulieferbranche in Unruhe

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Ford: Verkauft die Mietwagen-Firma Hertz samt Schulden Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Zahl der Lieferanten von Ford soll drastisch gekürzt werden. Das Ziel sind größere und längerfristige Aufträge. Auch Personalabbau zur Kosteneinsparung ist angekündigt.

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          Der Autobauer Ford Motor Co., Dearborn (Michigan), sorgt für die nächste Erschütterung in der krisengeschüttelten Zulieferindustrie. Das Unternehmen will die Zahl seiner Zulieferer radikal kürzen und damit Kosten sparen. Die verbleibenden Lieferanten haben die Aussicht auf größere und längerfristige Verträge. In der vergangenen Woche hat bereits der Ford-Wettbewerber General Motors (GM) eine Neuausrichtung seiner Lieferantenbeziehungen auf den Weg gebracht, die allerdings weitaus weniger radikal ist als bei Ford.

          Sowohl Ford als auch GM kämpfen derzeit mit großen Schwierigkeiten, weil das amerikanische Geschäft hohe Verluste einbringt. Noch prekärer ist aber die Lage bei vielen Zulieferern: Der größte amerikanische Hersteller Delphi ist stark insolvenzgefährdet, einige kleinere Hersteller haben in diesem Jahr einen Insolvenzantrag gestellt. Neben der Schwäche ihrer Kunden aus der Autoindustrie leiden die Zulieferer vor allem unter den hohen Rohstoffkosten.

          Zulieferkreis drastisch reduzieren

          Ford gibt jährlich rund 70 Milliarden Dollar für Material aus, der Umsatz von Ford lag im vergangenen Jahr bei 145 Milliarden Dollar. Die erste Phase des Umbaus in der Zulieferkette soll zwanzig Kern-Produktgruppen wie Sitze oder Reifen betreffen. Ford will die Zahl seiner Zulieferer in diesen Produktgruppen von derzeit 200 auf unter 100 kürzen. Zum Start des Plans hat Ford Vereinbarungen mit sieben Zulieferern geschlossen. Dies sind die großen amerikanischen Hersteller Visteon, Delphi, Johnson Controls und Lear, außerdem Magna International aus Kanada, Autoliv aus Schweden und Yazaki aus Japan. Bis zum Jahresende will Ford weitere Zulieferer benennen. Langfristig und weltweit will Ford seinen Zulieferkreis von derzeit 2.500 auf weniger als 1.000 reduzieren.

          Den verbleibenden Zulieferern will Ford nun größere und längerfristige Aufträge geben, außerdem sollen sie stärker in den Entwicklungsprozeß für Autos einbezogen werden. Ford will sich im Gegensatz zu früher an Entwicklungskosten bei den Zulieferern beteiligen und erhofft sich dadurch bevorzugten Zugang zu neuen Technologien. Bislang konzentrierten sich Kontrakte zwischen den Autoherstellern und Zulieferern meist auf jährliche Kostensenkungsziele.

          Kostenreduzierung verfehlt

          GM hat in der vergangenen Woche seinen 300 wichtigsten Zulieferern eine neue Einkaufsstrategie angekündigt, die sich aber weiterhin vor allem auf Kostenvorgaben konzentriert. Das Unternehmen will künftig Ziele für einzelne Teile setzen und nicht mehr pauschal für das gesamte Einkaufsvolumen. Der alte Einkaufsplan sah vor, die Gesamtkosten über einen Zeitraum von drei Jahren um insgesamt 20 Prozent zu reduzieren.

          Dieses Ziel hat GM verfehlt. Nun will das Unternehmen wechselnde Marktbedingungen für unterschiedliche Produkte berücksichtigen. Von den Zulieferern wurde dies zunächst begrüßt, allerdings hat GM die konkreten Vorgaben noch nicht herausgegeben. GM hat insgesamt 3.200 Lieferanten, die 300 Top-Adressen stehen aber für 80 Prozent des Gesamtvolumens.

          Hilfspaket für ehemalige Tochtergesellschaft Visteon

          Ford hat in diesem Jahr schon einen drastischen Schritt in der Zulieferkette mit einem Hilfspaket für seine ehemalige Tochtergesellschaft Visteon ergriffen. Demnach wird Visteon 23 nordamerikanische Produktionsstätten und mehr als 17.000 Mitarbeiter an Ford zurückgeben, wovon mehrere tausend Beschäftigte entlassen werden dürften.

          Visteon wird sich mit diesem Schritt radikal verschlanken, der Umsatz wird nach Angaben des Unternehmens von 18,7 Milliarden auf 11,4 Milliarden Dollar schrumpfen. Visteon kämpfte seit der Abspaltung im Jahr 2000 mit Schwierigkeiten und hat bis heute keinen Jahresgewinn ausgewiesen. Die Unterstützung von Visteon wird Ford zunächst einmal bis zu 1,15 Milliarden Dollar kosten, allerdings erhofft sich das Unternehmen erhebliche Einsparungen.

          Auch Stellenabbau geplant

          Der Wettbewerber Delphi befindet sich unterdessen in Verhandlungen über eine Rettungsaktion mit seiner früheren Muttergesellschaft GM. Delphi soll Medienberichten zufolge ein Hilfspaket von 6 Milliarden Dollar gefordert haben, um eine Insolvenz zu vermeiden. GM hat noch immer vertragliche Verpflichtungen gegenüber der im Jahr 1999 abgespaltenen Gesellschaft, zum Beispiel für Gesundheitsleistungen und Pensionen früherer Mitarbeiter, die zu Delphi gewechselt sind.

          Die Zulieferkette ist für die angeschlagenen Autohersteller nur ein Ansatzpunkt, um ihre Finanzlage zu verbessern. Ford hat in diesem Jahr den Abbau von 2.700 Angestellten in Nordamerika eingeleitet, und noch in diesem Herbst könnten weitere Personalkürzungen angekündigt werden. Vor wenigen Wochen hat das Unternehmen außerdem eine Vereinbarung zum Verkauf seiner Autovermietung Hertz geschlossen. GM hat angekündigt, bis zum Jahr 2008 die Zahl seiner Beschäftigten in der Produktion in Amerika um 25.000 zu reduzieren.

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