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Automobile : Ein Porsche-Werk in Leipzig für den Aufbau West

Wiedeking spart nicht mit Lob: Porsches Panamera kommt aus Leipzig Bild: AP

Kaum ist ein Vorzeigemodell ausgelaufen, steht bei Porsche Leipzig an: das viertürige Sport-Coupe Panamera, im Porsche-Jargon die vierte Baureihe. Es rettet 500 Arbeitsplätze bei VW. Ein Erfolg mit vielen Vätern.

          3 Min.

          Das eine Vorzeigemodell ist gerade erst ausgelaufen, da steht bei Porsche Leipzig schon das nächste vor der Tür. Vor genau zwei Wochen verließ der letzte Supersportwagen Carrera GT das sächsische Montagewerk, ein 450.000 Euro teurer Straßenrenner, von dem nur 1270 Stück hergestellt wurden. Jetzt folgt in Leipzig der Bau des neuen Volumenmodells, das viertürige Sport-Coupe Panamera, das im Porsche-Jargon als vierte Baureihe bezeichnet wird.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Sie schließt sich an die dritte Modellpalette des Autobauers an, den Geländewagen Cayenne, der ebenfalls exklusiv in Leipzig montiert wird. Schon seit langem hatten die Spatzen von den Dächern gepfiffen, daß sich Porsche für die Messestadt entscheiden würde -, doch nun wurde es offiziell: Im charakteristischen Pilzturm des Leipziger Werkes, mit weitem Blick über die Formel-1-taugliche Prüfstrecke, kündigte der Vorstandsvorsitzende der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG, Stuttgart, Wendelin Wiedeking, eine erhebliche Fabrikerweiterung an, um dort von 2009 an bis zu 20 000 Panamera im Jahr zu fertigen. "Hier wollen wir unserer Erfolgsgeschichte ein weiteres spannendes Kapitel hinzufügen", betonte Wiedeking. "Leipzig ist uns neben Stuttgart zur zweiten Heimat geworden."

          Porsche läßt Platz für weidende Auerochsen

          Die bisherige Investitionssumme am Standort wird um 120 Millionen Euro fast verdoppelt, die Mitarbeiterzahl dürfte von 400 auf mindestens 1000 steigen. Neben der bestehenden Fertigung auf 18 600 Quadratmetern soll von September an eine neue Montagehalle auf 25 000 Quadratmetern mit integrierter Lehrwerkstatt entstehen, daneben ist ein 30 000 Quadratmeter großes Logistikzentrum geplant. Eng wird es auf dem 270 Hektar großen Gelände trotzdem nicht. Anders als in Stuttgart ist auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz sogar noch Platz für weidende Auerochsen und Wildpferde. Auf dem riesigen Terrain könnte selbst nach der Produktionserweiterung "so manches" entstehen, orakelte Wiedeking, ohne konkreter zu werden. "Wir haben unser Pulver noch lange nicht verschossen."

          Simulation des Leipziger Werks mit Neubauten
          Simulation des Leipziger Werks mit Neubauten : Bild: Porsche

          Wie immer hat der Ansiedlungserfolg viele Väter. Neben den Porsche-Managern meldeten sich in Leipzig der sächsische Staatsminister Hermann Winkler zu Wort, der Oberbürgermeister Burkhard Jung und später auch sein Vorgänger Wolfgang Tiefensee, der heute als Bundesverkehrsminister für den Aufbau Ost zuständig ist. Freilich ist das neue Engagement von Porsche auch als "Aufbau West" gedacht: Als neue Anteilseigner des siechen Volkswagen-Konzerns, in dessen Aufsichtsrat Wiedeking sitzt, wollen die Baden-Württemberger dem niedersächsischen Autobauer unter die Arme greifen.

          500 VW-Arbeitsplätze gesichert

          Das VW-Werk in Hannover soll die lackierten Rohkarossen für den Panamera nach Leipzig liefern, wodurch 500 VW-Arbeitsplätze "langfristig gesichert" würden. Die Überkapazitäten und Kostenauswüchse des größten europäischen Autobauers - da macht sich auch Wiedeking keine Illusionen - kann Porsche allerdings nicht lösen, zumal die Panamera-Fertigung andernorts Arbeitsplätze kosten könnte. In den Württemberger Stammwerken von Porsche, Stuttgart-Zuffenhausen und Weissach, soll der Panamera 400 neue Stellen schaffen, vor allem in der Motorenproduktion. Richtig viel Porsche wird in dem neuen Porsche allerdings nicht sein. Nur 15 Prozent der Fertigungstiefe entfallen auf den Konzern, 6 Prozent auf VW. Damit liegt das neue Auto zwar über dem Cayenne mit 10 Prozent, aber unter den Sportwagen von 20 Prozent. Immerhin, versichert das Unternehmen, stammten 70 Prozent aus Deutschland, deshalb verdiene der Panamera das Qualitätssiegel "Made in Germany".

          Wiedeking sparte nicht mit Lob. Für die Stadt, von deren Kooperationsbereitschaft sich andere Verwaltungen eine Scheibe abschneiden könnten; für die Leipziger Mitarbeiter, die einer weiteren Flexibilisierung des um fünf Jahre verlängerten Haustarifvertrags zugestimmt hätten. Als erster Autohersteller habe sich Porsche vor sieben Jahren entschieden, nach Leipzig zu kommen und dazu beigetragen, daß der Landstrich heute "zu den dynamischsten Wirtschaftsregionen in Deutschland" zähle. Andere Unternehmen seien erst danach gefolgt, sagte der Porsche-Chef, womit er nicht zuletzt BMW meinte, das sein Werk im vergangenen Jahr in der Nachbarschaft eröffnet hatte.

          Keine Staatshilfen empfangen

          Anders als die Bayern, die sich fast ein Viertel ihrer Investitionen vom Steuerzahler bezahlen lassen, hat Porsche in Leipzig keine Staatshilfen empfangen und lehnt das auch für die Zukunft ab. Wiedeking liebt es, mit diesem großzügigen Verzicht zu werben und dafür gepriesen zu werden. "Porsche verdient sein Geld redlich", sagte er in Leipzig, "nicht mit Alimenten". Viele erfolgreiche Industriekonzerne ließen sich "die Bilanzen mit Subventionen vergolden." Das führe zu Wettbewerbsverzerrungen, die dem Mittelstand Schaden zufügen". Der implizierte Vergleich mit BWM hinkt freilich. Porsche setzt in Leipzig mit wenigen hundert Mitarbeitern den im VW-Werk Bratislava weitgehend vorgefertigten Cayenne nur noch zusammen und hat dafür keine 200 Millionen Euro investiert. BMW hingegen unterhält in Leipzig eine komplette Autofabrik für mehr als 5000 Beschäftigte, die 1,3 Milliarden Euro kostet.

          Porsche läßt die lackierten Karossen für den Panamera im Volkswagen-Werk in Hannover herstellen. Dieser Auftrag sichert dort langfristig 500 Arbeitsplätze. Zugleich wird damit immer wahrscheinlicher, daß VW die hochdefizitäre Gießerei am Standort Hannover schließt. Denn zumindest ein Teil der rund 1300 Gießerei-Beschäftigten kann nun künftig am Panamera arbeiten, was die Verhandlungen mit dem Betriebsrat über die Zukunft der Gießerei erleichtern dürfte.

          Auf der VW-internen Liste der nicht wettbewerbsfähigen Komponentenwerke in Westdeutschland steht die Gießerei, in der vor allem Zylinderköpfe produziert werden, ganz oben. Andere Autobauer lassen die für die Produktion benötigten Gußteile aus Kostengründen längst von Zulieferern herstellen. Die Wettbewerber haben generell eine deutlich geringere Fertigungstiefe als VW. Insgesamt arbeiten in dem Volkswagen-Werk in Hannover fast 15 000 Menschen. Die Beschäftigungslage bleibt dort freilich schon allein deshalb angespannt, weil im Sommer die Fertigung des Transporters LT ausläuft. Davon sind rund 1000 Mitarbeiter betroffen. (rit.)

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