https://www.faz.net/-gqe-p9yy

Automobile : Daimler droht: Sparen oder Entlassen

  • Aktualisiert am

Auch kein Job mehr für die Ewigkeit Bild: dpa

Die Daimler-Chrysler-Führung hat den Betriebsrat massiv unter Druck gesetzt und droht jetzt mit Produktionsverlagerung: Lohnverzicht oder Abbau von 6000 Arbeitsplätzen. Auch VW strafft die Zügel.

          3 Min.

          Nach Siemens will nun auch der DaimlerChrysler-Konzern seine Beschäftigten mit der Drohung von Jobverlagerungen zu Zugeständnissen bei den Arbeitskosten zwingen. Die Produktion der neuen Mercedes-C-Klasse werde von Sindelfingen nach Bremen und Südafrika verlagert, falls keine Einigung mit dem Betriebsrat über eine Kostensenkung von 500 Millionen Euro pro Jahr erreicht werde, sagte Mercedes-Pkw-Chef Jürgen Hubbert am Montag in Stuttgart. In diesem Fall würden in Sindelfingen rund 6000 Stellen verloren gehen, betonte Personalvorstand Günther Fleig.

          Siemens hatte mit einer ähnlichen Drohung die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich für 4000 Mitarbeiter in der Handy-Produktion in den nordrhein-westfälischen Werken Bocholt und Kamp-Lintfort durchgesetzt. Damals hatte es geheißen, rund 2000 Arbeitsplätze würden nach Ungarn verlagert, wenn die Personalkosten nicht um 30 Prozent gesenkt werden können. Siemens ist der größte deutsche Arbeitgeber, DaimlerChrysler die Nummer drei.

          Siemens-Lösung keine Blaupause

          Der Vorstoß von Daimler-Chrysler dürfte die vom Siemens-Modell ausgelöste Diskussion über längere Arbeitszeiten weiter anheizen. Der stellvertretende IG-Metall-Chef Berthold Huber lehnte erneut grundsätzlich längere Arbeitszeiten ab. „Unser Gravitationszentrum bleibt die 35-Stunden-Woche“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Den Siemens-Kompromiß bezeichnete Huber als Einzelfall. „Weder für andere Siemens-Standorte noch für das Sparbemühen bei DaimlerChrysler oder die Probleme der Haushaltsgerätehersteller wird die Siemens-Lösung eine Blaupause sein“, sagte Huber.

          Daimler-Chrysler nimmt vor allem für Baden-Württemberg spezifische Tarif-Besonderheiten ins Visier wie die so genannte „Steinkühler- Pause“ von fünf Minuten pro Stunde sowie die Zahlung von Spätzuschlägen bereits von 12 Uhr mittags an. In Bremen werde effektiv 31,9 Stunden pro Woche gearbeitet, in Baden-Württemberg dagegen 30,3 Stunden, führten Hubbert und Fleig an. Insgesamt werde in Bremen somit pro Jahr zwei volle Wochen mehr bei gleichen Kosten produziert.

          Nicht nur die Arbeiter

          Damit nicht nur die Arbeiter in der Montage betroffen sind, soll allen Mitarbeitern eine Stunde je Woche von ihren Gleitzeitkonten abgezogen werden - was effektiv einer Stunde unbezahlter Arbeit je Woche gleichkäme. Weitere Maßnahmen sind bereits seit längerem im Gespräch: Durch einen Dienstleistungstarifvertrag sollen bestimmte Bereiche aus dem Metalltarifvertrag herausfallen. In Forschung und Entwicklung, Produktionsplanung und Zentrale sollen 40 Stunden (mit Lohnausgleich) gearbeitet werden. Davon wären 20 000 Mitarbeiter betroffen. Außerdem sollen Auszubildende nach dem Ende ihrer Lehre und Zeitarbeiter in einer eigens gegründeten Gesellschaft besonders flexibel eingesetzt werden können.

          Der Vorstand dringt auf eine Einigung bis Ende des Monats, um den Anlauf der Produktion der C-Klasse nicht zu verzögern. Sollte der Betriebsrat auf den Vorschlag des Vorstandes nach einer Einsparung von 500 Millionen Euro pro Jahr eingehen, dann werde auch der Vorstand für ein Jahr auf eine Erhöhung seiner Gehälter verzichten.

          Der Sprecher des IG-Metall-Bezirks Baden-Württemberg, Frank Stroh, sprach von einer „Verrohung der Sitten bei deutschen Großkonzernen“. Obwohl im Pkw-Bereich „satte Gewinne“ eingefahren würden, schrecke der Stuttgarter Autobauer offenbar nicht davor zurück, „die Belegschaft mit den Arbeitsplätzen zu erpressen“, sagte Stroh in Stuttgart. Mit dem Wegfall von Schichtzulagen und bezahlten Pausen sowie neuen Eingruppierungen belaufe sich der geforderte Lohnverzicht auf bis zu 700 Euro pro Beschäftigten, rechnete der Gewerkschaftssprecher vor.

          Auch bei VW

          Auch bei VW sollen die Beschäftigten einen kräftigen Beitrag zur Gewinnsteigerung leisten: VW habe im Vergleich zu den deutschen Konkurrenten einen deutlichen Nachteil bei den Personalkosten, hatte Personalvorstand Peter Hartz vergangene Woche erklärt. Vorher hatte er in einem „Spiegel“-Interview einschneidende Maßnahmen gefordert - unter anderem sollen die Arbeitskosten des Konzerns bis 2011 um 30 Prozent sinken. Ab Spätsommer wird der Haustarifvertrag für die westdeutschen VW-Beschäftigten neu verhandelt. VW-Personalvorstand Hartz will Überstunden erst ab der 40. Stunde bezahlen, ein Drittel der Löhne an das Betriebsergebnis koppeln und die Arbeitnehmer an den Kosten der Fortbildung zu beteiligen. Sein Plan sieht auch die Einführung einer demographischen Arbeitszeit vor, die es Jüngeren erlauben würde, künftig deutlich mehr als die bei VW üblichen rund 30 Wochenstunden zu arbeiten.

          Hartz hatte angekündigt, man werde „zusätzliche unbequeme Wege einschlagen müssen“. Die Sommer-Werksferien bei VW waren bereits um eine Woche auf vier verlängert worden. Ob die Produktion im Herbst und zu Weihnachten erneut vorübergehend ruhen werde, hänge vom Absatz an, sagte ein Sprecher. VW leidet unter der nach wie vor schwachen Autokonjunktur. Vor allem der Absatz des neuen Golf bleibt hinter den Erwartungen zurück.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Kritik an F.A.Z.-Beitrag : Thierse erwägt SPD-Austritt

          Im Streit mit der Parteiführung hat der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse seinen Austritt aus der SPD angeboten. Hintergrund des Streits ist ein Gastbeitrag Thierses in der F.A.Z., in dem er Kritik an einer rechten, aber auch linken „Cancel-Culture“ übte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.