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Automobile : Autozulieferer werden immer mehr zu Produzenten

Bild: F.A.Z.

Das Zusammenspiel zwischen Automobilherstellern und Zulieferern wird sich wesentlich verändern. Für die Hersteller wird das Markenmanagement wichtiger, Zulieferer übernehmen große Teile von Produktion und Entwicklung.

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          Das Zusammenspiel zwischen den Automobilherstellern und ihren Zulieferern wird sich in den nächsten zwölf Jahren wesentlich verändern. Die Produzenten werden bis 2015 rund 10 Prozent ihrer heute schon deutlich verringerten Wertschöpfung abgeben, obwohl sie ihren Ausstoß um 35 Prozent erhöhen. Sie konzentrieren sich künftig auf die Entwicklung und Produktion von Modulen und Komponenten, die für ihre jeweilige Automarke prägend sind. Die Zulieferer übernehmen im Gegenzug große Teile von Produktion und Entwicklung und werden deshalb um 70 Prozent wachsen.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Das ist das Zukunftsszenario, das die Unternehmensberatung Mercer Management zusammen mit dem Fraunhofer-Gesellschaft in einer Studie erstellt hat. Die Untersuchung "Future Automotive Industry Structure 2015" (Fast) basiert auf 60 Gesprächen mit Entscheidern von Automobilherstellern, Zulieferunternehmen und Dienstleistern. Zwar handelt es sich bei dem Betrachtungszeitraum um eine lange Periode. Vor dem Hintergrund der branchentypisch langen Entwicklungszeiten und Produktzyklen von sechs bis acht Jahren relativiert sich jedoch dieser Betrachtungshorizont.

          Blick auf Design, Produkterlebnis und Servicestrategien

          Ausgelöst wird die von Mercer und Fraunhofer vorausgesagte Entwicklung durch neue Technologien, zunehmende Komplexität in den Fahrzeugen sowie durch die "explodierende Modellvielfalt". Das verteuert die Entwicklung und die Produktion beträchtlich. Für die Hersteller böten sich außerdem attraktivere Investitionsmöglichkeiten für Service und Dienstleistungen statt für die Produktion. Das Markenmanagement rückt stärker in den Vordergrund, weshalb der Blick auf Design, Produkterlebnis und Servicestrategien gerichtet sein müsse. Nur so könnten sich die Marken in einem Wettbewerb langfristig differenzieren, sagt Ralf Kalmbach, Automobilexperte von Mercer und Verfasser der Studie. "Autohersteller werden zu High-Tech-Markenartiklern, ihre Zulieferer übernehmen schrittweise alle Aufgaben im Fahrzeugbau, die nicht markenprägend sind", definiert er das neue Rollenverständnis, das große Auswirkungen auf das derzeit angespannte Klima zwischen Zulieferern und Herstellern haben kann.

          Verlängerte Wertschöpfungskette bei den Zulieferern

          Das Segment der Autozulieferer etwa mit Bosch, Continental, Delphi, Visteon oder Magna werde die Wertschöpfung von heute 417 Milliarden Euro auf 700 Milliarden Euro bis 2015 erhöhen. Weltweit würden 3,3 Millionen meist qualifizierte Arbeitsplätze entstehen, davon allein 1,2 Millionen in Europa. Immerhin ergebe sich ein Potential von 30 Milliarden Euro an zusätzlicher Wertschöpfung. Besonders Elektrik und Elektronik werde von dem Wachstumsschub profitieren. Steckt heute durchschnittlich ein Wert von 2220 Euro an Elektronik im Auto, werde er sich auf 4150 Euro nahezu verdoppeln. Allein in der Fahrzeugelektronik würden in ganz Europa mehr als 600.000 Arbeitsplätze geschaffen. Vom gesamten Wachstumsschub werden die etablierten Zulieferunternehmen aber nur mit einem Anteil von 65 Prozent profitieren.

          Eine Fülle neuer Geschäftsmodelle wie System- und Produktionskooperationen, Ingenieur-Dienstleistungen, Ausgliederungen und Auftragsfertigungen veränderten die Zusammenarbeit in der Branche. "Die traditionellen Rollen des Zulieferers als Leistungserbringer und des Autounternehmens als Leistungsbezieher löst sich auf", sagt Kalmbach. Vielfach würden die Hersteller Komponentenwerke ausgründen, an denen sich Zulieferer beteiligten. Darüber hinaus dürften Zulieferer und Dienstleister zunehmend die Gesamtverantwortung über alle Wertschöpfungsstufen erhalten, weshalb sie untereinander stärker kooperieren würden. Innovative Konzepte könnten dabei der seit zehn Jahren oft zu beobachtenden Margenerosion entgegenwirken. Autohersteller und Zulieferer könnten eine um 3 Prozentpunkte höhere Marge bezogen auf das Ergebnis vor Zinsen und Steuern erzielen.

          Eigenleistung der Hersteller wird im Durchschnitt sinken

          Bereits heute bauen die Hersteller ihre Autos nur noch zu 35 Prozent selbst. Je Auto beträgt die Eigenleistung durchschnittlich noch 4000 Euro. Bis 2015 sinkt sie laut Mercer und Fraunhofer auf 2670 Euro oder 23 Prozent. Nur wenige Autounternehmen werden ihre Eigenleistung absolut erhöhen (siehe Grafik). Dazu gehören die Premiummarken Audi, BMW und Mercedes. Vor allem die Volumenmarken verringern sie um bis zu 33 Prozent, während der durchschnittliche Rückgang bei 15 Prozent liegt. Der Anteil der Eigenleistung wird daher bei den Premiummarken im Schnitt auf 26 Prozent, bei den Volumenherstellern auf 22 Prozent sinken.

          Die Automobilindustrie erwirtschaftet heute mit 8,8 Millionen direkten Arbeitsplätzen rund 15 Prozent des Welt-Bruttosozialprodukts und wird auch in Zukunft für Mercer und das Fraunhofer-Institut zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen gehören. Die Wertschöpfung in Entwicklung und Produktion werde bis 2015 jährlich um 2,6 Prozent von 645 Milliarden Euro auf 903 Milliarden Euro steigen.

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