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Automobile : Abrechnung mit Jürgen Schrempp

„Erhöhte Nervosität” vor der Hauptversammlung: Jürgen Schrempp Bild: AP

Am Mittwoch ist die Hauptversammlung von Daimler-Chrysler. Die Fonds machen Druck: "Schrempp ist ein Underperformer und verdient zu viel."

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          45 Minuten soll er reden. Nicht länger. 45 Minuten sollen Jürgen Schrempp genügen, um den Frust der Aktionäre zu verscheuchen und ihnen neuen Glauben an die Welt- AG einzuimpfen. Seit Wochen feilt sein Stab an der Rede, stimmen sie im Konzern Formulierungen ab. Und stimmen sie noch mal ab. Damit ja nichts schiefgeht am Mittwoch, wenn der Vorstandsvorsitzende von Daimler-Chrysler vor die Hauptversammlung tritt. Seine Öffentlichkeitsarbeiter tun alles, das Aktionärstreffen als Routine erscheinen zu lassen - ein Auftritt unter vielen.

          Henning Peitsmeier
          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Tatsächlich kann sich der Daimler-Chef leicht ausrechnen, wie konfliktgeladen der Tag in Berlin werden wird. Die Milliardenverluste bei Mitsubishi, der Dauerpatient Chrysler, das Debakel bei Toll Collect: genug Stichworte für aufbegehrende Aktionäre. Nicht die üblichen Nörgler sind es, die Schrempp fürchten muß, die Weltverbesserer, die Hauptversammlungen dazu nutzen, das Streben nach Profit als verwerflich anzuprangern.

          Verteidigungsstrategie

          Unangenehmer für Schrempp sind die Vertreter des Kapitals, die ihren Protest angekündigt haben. Die Shareholder, deren Werte er zu steigern versprach und die ihn nun als "underperformer" bloßstellen. Die führenden Fondsgesellschaften werden geschlossen auftreten. Schon im Vorfeld haben die Daimler-Leute deswegen den Kontakt mit den Kritikern gesucht, haben Fondsmanager wie Vertreter der Kleinaktionäre getroffen. Haben sich deren Argumente angehört, um eine Verteidigungsstrategie zu entwickeln. Eine erhöhte Nervosität wollen die Aktionärsvertreter bei Schrempps Leuten festgestellt haben: "Die stehen extrem unter Druck", berichtet ein Fondsmanager. "Die wollen die Sache am Mittwoch nur über die Bühne bringen. Irgendwie."

          So groß sei die Verunsicherung, erzählt ein anderer, daß gar nach der Meinung zum Fall Ulrich Schumacher und etwaigen Parallelen zwischen Infineon und Daimler gefragt wurde. Schließlich ist Schumacher auch deswegen gestürzt, weil er die Schaltstellen im Konzern mit ihm treu Ergebenen besetzte und keinen Widerspruch duldete. Ein Vorwurf, der bisweilen auch gegen Schrempp erhoben wird. So sehen es manche Fondsmanager durchaus kritisch, daß der als eigenständiger Kopf geschätzte Finanzvorstand Manfred Gentz vom Schrempp-Zögling Bodo Uebber beerbt wird.

          Spitzengagen

          Die Person Schrempp werde aber nicht angegriffen, betonen die Fondsmanager. Ihnen geht es allein darum, die "unterdurchschnittliche Performance" des Konzerns zu rügen, wie Thomas Meier von der Union Investment sagt. Detaillierte Pläne zur Strategie werde er fordern, kündigt er an. Klare Meilensteine. Vor allem aber mögliche Konsequenzen, wenn diese Ziele verfehlt werden.

          Für die DWS, die Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, wird Geschäftsführer Klaus Kaldemorgen in den Ring steigen. Auch er will Schrempp daran erinnern, daß eine Aktiengesellschaft zumindest die Kapitalkosten verdienen muß. "Das ist bei Daimler-Chrysler nicht der Fall." Auch wird er die magere Performance der Aktionäre mit den Spitzengagen der Vorstände vergleichen. Wenn er die Strategie hinterfragt und dabei die Rolle aller Organe beleuchtet, hat das einen pikanten Beigeschmack: Indirekt greift er damit einen Mann aus dem eigenen Haus an: Hilmar Kopper, ehemals Chef der Deutschen Bank und Vorsitzender des Daimler-Aufsichtsrates. Als solcher hat er Schrempps Strategie stets verteidigt und erst kürzlich dessen Vertrag verlängert.

          Katastrophenjahr

          Schrempps Strategie steht mehr denn je in der Kritik. Die Vorteile der Welt-AG wollen auch im sechsten Jahr der Fusion nicht überzeugen. Chrysler verliert auf seinem Heimatmarkt kontinuierlich Marktanteile, obwohl die Amerikaner ihren Kunden die höchsten Rabatte gewähren. Schlimmer: Chrysler-Chef Dieter Zetsche gelingt es nicht, trotz harter Sanierungsmaßnahmen den Autobauer nachhaltig in die Gewinnzone zu führen. Scheitert Zetsche, ist Schrempps Traum vom weltumspannenden Autokonzern geplatzt.

          Es sieht nicht gut aus. "2003 war ein absolutes Katastrophenjahr für Chrysler", sagt Automobilexperte Christoph Stürmer vom Prognose- institut Global Insight. Der Absatz brach 2003 nach seiner Erhebung auf 2,6 Millionen Fahrzeuge ein; 1999 hatte Chrysler noch 3,2 Millionen Autos verkauft. "In den nächsten zwei Jahren erwarten wir keine entscheidende Besserung", sagt Stürmer. Dabei hat Chrysler die Modellpalette aufgefrischt, mit dem neuen Flaggschiff 300C eigentlich ein Auto im Angebot, das technisch alles mitbringt, um erfolgreich zu sein. Doch in Amerika bleiben Rabatte das wichtigste Verkaufsargument.

          Schrempps Sorgen in Japan sind ungleich größer. Der Sanierungsfall Mitsubishi verschlingt womöglich weit mehr Geld als jene 2 Milliarden Euro, die zuletzt genannt wurden. Das von Smart-Chef Andreas Renschler geleitete Team muß bei dem japanischen Autohersteller die Schulden abbauen, gleichzeitig aber in neue Modelle investieren. "Eigentlich", sagt ein Automanager, "muß Mitsubishi ganz neu erfunden werden." Oder abgewickelt. Doch damit rechnet niemand. Denn Schrempp will unverändert die Topmarke Mercedes mit den Masseautos von Chrysler und Mitsubishi flankieren. Das Potential von Mercedes hat Schrempp unterschätzt. Allein die Mercedes Car Group inklusive Smart und Maybach erwirtschaftet konstant gute Gewinne. Und liefert so die besten Argumente für Schrempss Rede am Mittwoch.

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