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Automobilclub : ADAC trickste auch bei Autotest

  • -Aktualisiert am

Die ADAC-Zentrale in München Bild: dapd

Dass der ADAC bei seinen Autopreisen schummelt, erregt Branche und Autofahrer gleichermaßen. Doch schon 2005 wies die F.A.Z. nach, dass der ADAC zumindest bei einem Autotest trickste.

          Kaum waren in der vergangenen Woche Vorwürfe gegen den größten deutschen Automobilclub laut geworden, er arbeite bei der Leserwahl zum Lieblingsauto des Jahres mit gezinkten Karten, machte sich der Geschäftsführer des ADAC über die Kollegen der „Süddeutschen Zeitung“ lustig. Das kommt Redakteuren dieser Zeitung bekannt vor. Als sich 2005 im ADAC-Test ein Dacia überschlug, sendete die Pressestelle des Clubs die Meldung in die Welt: Billigflieger aus Rumänien. Tatsächlich hatten die Tester zuvor die Reifen ruiniert, dann das mit einer anderen Felge versehene Reserverad aufgezogen und hernach den Dacia so lang gescheucht, bis er abhob. Nachdem die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung darüber mit der Überschrift „Schummelclub ADAC?“ berichtet hatte, gab es erst böse Beschimpfungen aus München, danach gestand man die Tricksereien kleinlaut ein. Seinerzeit überstand die ADAC-Führung den Vorfall ohne selbst zu fliegen, weil ein rumänischer Billiganbieter kaum interessierte, wo doch die deutsche Autoindustrie stets gut wegkam.

          Preis gegen schönes Anzeigenpaket?

          Der aktuelle Skandal lässt sich nicht so leicht unter den Teppich kehren. Man fragt sich, was Institutionen wie den ADAC oder die gerade erst durchgeschüttelte Stiftung Warentest treiben. Sie genießen – genossen, darf man wohl sagen – eine hohe Glaubwürdigkeit. Die Stiftung Warentest haut Fahrradproduzenten oder den Schokoladenhersteller Ritter Sport in die Pfanne, nur um kurze Zeit später nach aufklärender Berichterstattung unabhängiger Medien eingestehen zu müssen, dass die Testkriterien etwas gedehnt worden seien. Der ADAC bläst seine Wichtigkeit auf, weil es ihm offenbar nicht mal mehr gelingt, ein paar tausend seiner 19 Millionen Mitglieder zur Stimmabgabe zu bewegen. Statt die Strukturen zu hinterfragen, wird mit Schlagzeilen über die hauseigenen Zeitschriften Auflage und Stimmung gemacht. Und wenn in einem Jahr der eine Hersteller gewinnt, weshalb der Vorstand der Konkurrenz plötzlich unverschiebbare Termine am Tag der Preisvergabe hat, gewinnt der Konkurrent mit dem ebenso üppigen Werbebudget eben im Jahr darauf. Reiner Zufall, selbstredend. Die Schummelei wird auch nicht dadurch erträglicher, dass die Rangfolge bei der Leserwahl angeblich unbeeinflusst blieb, sondern „nur“ die absolute Zahl der Stimmen. Hier eine null angefügt, dort mit zehn multipliziert, alles halb so schlimm?

          Die Bruchlandung der Gelben Engel zieht eine ganze Branche mit in den Strudel und wirft Fragen auf: Welchen Preisen kann der Verbraucher noch vertrauen? Wie stark spielen geschäftliche Abhängigkeiten in die Ergebnisse? Werden als bestes Auto des Jahres oder Car of the year nur gekürt, wer zu opulenten Veranstaltungen einlädt? Bekommt das goldene Lenkrad oder die Auto Trophy, wer ein schönes Anzeigenpaket schnürt? Jenen, die sich um objektive Ergebnisse bemühen, hat der ADAC einen Bärendienst erwiesen. Der Kommunikationschef und Chefredakteur der auflagenstarken und private Kaufentscheidungen vom Reifen bis zum Treppenlifter erheblich beeinflussenden Clubzeitschrift Motorwelt, Michael Ramstetter, übernimmt die Verantwortung für die Manipulationen und tritt von seinen Ämtern zurück. Das ist nur konsequent, und Beileidsbekundungen wird er kaum erwarten dürfen. Doch dass er ganz allein tricksen und täuschen konnte, ist kaum anzunehmen. Mit dem Hinweis, sie hätten nichts von den Missetaten ihres hochrangigen Mitarbeiters gewusst oder geahnt, werden Präsident und Geschäftsführer des von Intransparenz und Machtkämpfen geprägten ADAC nicht zur Tagesordnung übergehen können.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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