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Automarkt : Daimler wird in China abgehängt

  • -Aktualisiert am

Von einer Aufholjagd kann keine Rede sein: Mercedes SLS AMG auf der Automesse in Peking Bild: dpa

Auf dem größten Automarkt der Welt gerät Mercedes gegenüber Audi und BMW ins Hintertreffen. Der chinesische Importeur blockiert den Ausbau des Händlernetzes, die Kapazitäten sind gering.

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          Auf Chinesisch übersetzt heißt BMW „Baoma“, was so viel bedeutet wie „kostbares Pferd“. Für einen deutschen Autohersteller, der auch im Reich der Mitte seine Fahrzeuge mit teurem Premiumversprechen verkaufen will, ist das ein Glücksfall. Entsprechend begehrt ist die Marke BMW bei wohlhabenden Chinesen. In der ersten Hälfte des laufenden Jahres verkauften die Münchener in China fast 160.000 Fahrzeuge, was einem Zuwachs von 31 Prozent entspricht. Noch schneller konnte der Konkurrent Audi zulegen. Um 38 Prozent auf 193.900 kletterten die Verkäufe des Ingolstädter Unternehmens. Audi gilt in China als eine sehr solide, nicht zu protzige Marke, die deshalb gerne von höheren Beamten gefahren wird.

          So glänzend die Erfolge von Audi und BMW in China ausfallen, so mau schneidet dort in jüngster Zeit der Wettbewerber Daimler ab. Eigentlich will Daimler-Chef Dieter Zetsche seinen Konzern bis 2020, gemessen am Absatz, zum größten Oberklassehersteller der Welt aufsteigen lassen und dabei Audi und BMW überholen. Doch die Chancen, dieses Ziel zu erreichen, werden zunehmend schlechter. Denn ausgerechnet in China, dem wichtigsten Automarkt der Welt, fällt Daimler zusehends hinter die beiden Branchenführer der Oberklasse zurück. In der ersten Jahreshälfte verkaufte Daimler zwar 8 Prozent mehr Autos in China. Aber das waren gerade einmal 99.400 Stück, also nur halb so viele wie Audi. Auch von einer Aufholjagd kann kaum die Rede sein. Der Abstand in China vergrößert sich, weil die Konkurrenten viel schneller wachsen.

          Einige Jahre zu spät gekommen

          Der Konzern selbst nennt als Hauptgrund für den stockenden Absatz den Wechsel zur neuen Version des in China beliebten Kompaktvans der Mercedes-B-Klasse. Aber das dürfte nicht der einzige Grund sein. „Das derzeit größte Problem für Daimler, kurz und mittelfristig betrachtet, ist das Händlernetz“, sagt Henner Lehne vom Prognoseinstitut IHS Automotive. Es gebe derzeit Konflikte beim Ausbau des Händlernetzes, die auch das operative Geschäft beeinflussten.

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          Daimler und sein chinesischer Partner Beijing Auto im Gemeinschaftsunternehmen BAIC wollten ihre Vertriebsaktivitäten zusammenlegen und die lokal produzierten sowie importieren Fahrzeuge gemeinsam anbieten. „Aber der derzeitige Importeur für Daimler - Lei Shing Hong - möchte da nicht mitspielen“, berichtet Lehne. Lei Shing Hong halte 49 Prozent der Anteile von Daimler China und habe somit ein gewichtiges Mitspracherecht. Der Importeur wolle die Einbußen, die aus einer neuen Organisation des Vertriebs entstünden, nicht hinnehmen. „Diese Querelen stören den Händlerausbau derzeit empfindlich. Lachende Dritte sind BMW und Audi sowie Porsche und Jaguar“, sagt Lehne. Noch sei keine Lösung des Konflikts in Sicht.

          „Daimler ist in China einige Jahre zu spät gekommen“, sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Darüber hinaus fehlen dem Konzern noch immer Fabriken vor Ort. „Mercedes hat zu geringe Produktionskapazitäten in China“, sagt Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Institut der Universität Duisburg. BMW habe dagegen sehr zügig seine Werkstruktur ausgebaut und mittlerweile zwei Produktionswerke und ein Motorenwerk in China. Die Münchener hätten mit ihrem neuen Werk in Tiexi Kapazität für 200.000 Fahrzeuge, die schnell auf 300.000 Fahrzeuge gesteigert werden könne.

          Audi profitiert vom Mutterkonzern Volkswagen

          Mercedes sei mit dem Ausbau der Produktion zu langsam vorangekommen und liege erst bei knapp 80.000 Fahrzeugen. Der Stuttgarter Konzern habe durch seine Doppelstrategie einer Zusammenarbeit mit zwei chinesischen Partnern Zeit verloren. Während BMW sich beim Kapazitätsaufbau auf den Partner Brilliance konzentrierte, kooperierte Daimler sowohl mit dem Pekinger Staatskonzern BAIC als auch mit dem privaten Hersteller BYD. Für Daimler könnte der Rückstand beim lokalen Produktionsaufbau aber auch noch zum Vorteil werden - wenn der Markt einbräche und der Konzern von den dann auftretenden Überkapazitäten verschont bliebe.

          Doch zunächst ist der Ausbau der Produktion in China geplant. Schon 2013 soll ein Motorenwerk dazukommen, bis 2015 will Mercedes 200.000 Fahrzeuge im Jahr in China fertigen können. BMW hat also etwa drei Jahre Vorsprung, und Audi profitiert vom Verbund mit dem Mutterkonzern Volkswagen, der in China Marktführer ist. „Wer mit zu kleiner Kapazität in China vertreten ist, dessen Wachstum ist beschränkt, da hohe Importzölle vorliegen“, diagnostiziert Dudenhöffer.

          Als weitere Schwäche von Daimler in China gilt die nicht ausreichend auf die Bedürfnisse der Kunden in dem Land ausgerichtete Produktpalette. Mercedes verfügt nur über die obere Mittelklasselimousine E-Klasse als Langmodell, das genügend Platz für einen Chauffeur bietet, wie es Wohlhabende in China gewohnt sind. Diese Version wird zudem erst seit 2010 in China gefertigt. Audi ist im Unterschied dazu sehr erfolgreich mit den Langversionen der gehobenen Mittelklasselimousinen A4 und A6. Ferner läuft der sportliche Geländewagen Audi Q5 in China vom Band. BMW bietet in China Langversionen der oberen Mittelklassewagen an, die Fünfer- und nun auch die Dreierreihe. Zusätzlich wird der Kompaktgeländewagen X1 produziert.

          Mercedes stellt erst seit einem halben Jahr den teureren Geländewagen GLK in China her. „Daimler fehlt also ein attraktiver, kleinerer Geländewagen aus chinesischer Produktion“, sagt Dudenhöffer. Sowohl BMW als auch Audi hätten zudem günstigere Einstiegspreise als die kleine Stufenhecklimousine der Mercedes C-Klasse im Angebot.

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