https://www.faz.net/-gqe-8oduk

Autokonzern : Daimler belohnt gesunde Mitarbeiter

Daimler-Chef Dieter Zetsche will Anwesenheit belohnen. Bild: dpa

Wer nie fehlt, kann bei Daimler demnächst bis zu 200 Euro Bonus bekommen. Damit soll Anwesenheit belohnt werden. Der Betriebsrat hat zugestimmt.

          Die einen schleppen sich noch mit Fieber zur Arbeit, die anderen legen sich ins Bett, wenn nach einem anstrengenden Wochenende der Schädel brummt – diese Bandbreite an Verhaltensweisen gibt es wohl in jedem Unternehmen. Der Autohersteller Daimler gibt nun ein klares Signal, was er für richtig hält: Anwesenheit wird belohnt. Wer das ganze Jahr nicht ein einziges Mal fehlt, kann bis zu 200 Euro Bonus bekommen. Eine entsprechende Betriebsvereinbarung ist am Mittwoch von der Betriebsräte-Konferenz des Stuttgarter Konzerns beschlossen worden. Damit kann das Programm im Januar starten.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Der Bonus wird in vier Teilen vergeben. Für jedes Quartal, in dem man nicht krank war, gibt es 50 Euro. Bei einem Tag Arbeitsunfähigkeit im Quartal erhalte der Mitarbeiter noch 30 Euro Bonus, heißt es in einer Mitteilung von Daimler. Vom zweiten Krankheitstag an entfalle der Bonus für das Quartal. Eine längere krankheitsbedingte Abwesenheit in einem Quartal gefährdet aber nicht den Bonus der anderen Quartalen, in denen man durcharbeitet. Damit sei sichergestellt, dass auch durch einmalig längere Krankheiten nicht der komplette Jahresbonus entfalle. Für Mitarbeiter mit chronischen Erkrankungen gebe es eine Härtefallregelung. Die Regelung zielt darauf ab, dort einen Anreiz zu setzen, wo Beschäftigte die Möglichkeiten des Krankmeldens zu ihren Gunsten ausgenutzt haben.

          Daimler zahlt traditionell hohe Boni

          Während Gesundheitsmanagement inzwischen in vielen Betrieben ernst genommen wird, ist ein solches Bonus-System außergewöhnlich. Indirekt fließt das Gesundsein allerdings auch beim Konkurrenten BMW in die Vergütung ein. Dort ist die Erfolgsbeteiligung an die Zahl der geleisteten Arbeitstage gekoppelt.

          Ob der finanzielle Anreiz ausgerechnet bei Daimler-Mitarbeitern wirkt, ist unter Betriebsräten durchaus diskutiert worden. Schließlich werden in der Autoindustrie ohnehin überdurchschnittlich hohe Einkommen bezahlt, und Daimler zahlt traditionell auch hohe Boni, die sich am Gewinn des Konzerns orientieren. Für das vergangene Jahr beispielsweise gab es eine Erfolgsbeteiligung von 5650 Euro.

          Testweise lief das Programm schon

          Daimler dürfte freilich handfeste Gründe haben, den Anwesenheitsbonus als Anreiz zu setzen, denn das System ist ausgiebig erprobt worden. Zwei Jahre lang, vom Herbst des Jahres 2013 bis zum Herbst 2015, gab es das Programm schon in der Stuttgarter Konzern-Zentrale sowie am Standort Kassel, wo Teile für Nutzfahrzeuge produziert werden, und im Werk Bremen, wo Mercedes-Personenwagen montiert werden. Über die Entwicklung des Krankenstands in diesen Werken gibt der Konzern allerdings keine Auskunft, und auch nicht über den der Gesamtbelegschaft.

          Teil des Pilotversuchs waren auch zahlreiche weitere Leistungen für die Mitarbeiter. So konnten die Beschäftigten sich von den Werksärzten umfassend untersuchen lassen, was offenbar auf großes Interesse in der Belegschaft stieß – sei es, weil es praktisch war, oder auch, weil es sich teilweise um Untersuchungen handelte, die von den Krankenkassen nicht bezahlt werden. Auf Grundlage der Daten konnten sich die Mitarbeiter beraten lassen, beispielsweise zu Ernährungsfragen, zur Raucherentwöhnung oder zu ergonomischem Arbeiten. Solche Beratungen und Kurse fanden zum Teil direkt am Arbeitsplatz und damit auch während der Arbeitszeit statt.

          Gesamtpaket vereinbart

          Einen Zusammenhang zwischen dem Anwesenheitsbonus und dem Gesundheitscheck habe es nie gegeben, heißt es von Daimler. Die Werksärzte seien zum Stillschweigen verpflichtet. Die erhobenen Daten würden auch innerhalb des Konzerns nicht weitergegeben. Alle Angebote seien zudem freiwillig. Bezogen auf die aktuelle Betriebsvereinbarung gibt es allerdings sehr wohl einen Zusammenhang. Während die freiwilligen Untersuchungen, Präventionsmaßnahmen und Gesundheitskurse auf nahezu uneingeschränkte Zustimmung bei Betriebsräten stießen und auch von Seiten der IG Metall für gut befunden wurden, gab es gegenüber der Anwesenheitsprämie durchaus Skepsis. Daimler hat nach Informationen der F.A.Z. den Abschluss der Betriebsvereinbarung allerdings davon abhängig gemacht, dass das Gesamtpaket vereinbart wird.

          Im vergangenen Herbst haben Betriebsrat und Konzernführung schon ein Grundsatzpapier zum Thema Generationenmanagement verabschiedet. „Unsere gemeinsame Aufgabe ist es, die Arbeit so zu gestalten, dass alle Beschäftigten ihr volles Potential in jeder Lebensphase ausschöpfen können“, sagte Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth damals – und fügte hinzu: „Wir sehen eine Alterswelle auf uns zurollen.“ Die Mitarbeiter von Daimler sind im Durchschnitt 44 Jahre alt.

          Weitere Themen

          Der neue Häuserkampf Video-Seite öffnen

          FAZ Plus Artikel: Mietpreise : Der neue Häuserkampf

          Wohnen wird immer teurer. Viele treibt die Sorge um, auf dem verrückten Markt nicht mehr mithalten zu können. Jetzt wird sogar über Enteignungen diskutiert.

          Topmeldungen

          Busunglück von Madeira : Das Gaspedal oder die Bremsen

          Nach dem schweren Busunglück auf Madeira mit 29 Toten wird über die Ursache gerätselt. Augenzeugen berichten, dass der Fahrer vergeblich versuchte, den Bus gegen eine Mauer zu steuern. Bremsspuren soll es keine geben.

          Donald Trump : Schuldig im Sinne der Politik

          Der Bericht von Sonderstaatsanwalt Mueller bestätigt üble Ahnungen über die Zustände im Weißen Haus – aber nicht über eine vermeintliche Verschwörung mit dem Kreml.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.