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Autokinos als Chance : Aufblasen statt abblasen

  • -Aktualisiert am

Premiere von „Mission: Impossible – Fallout“ auf dem Preikestolen in Norwegen 600 Meter über dem Fjord Bild: Airscreen

Airscreen stellt Leinwände mit luftgefüllten Rahmen her. Die Absage vieler Veranstaltungen hat das Unternehmen zunächst schwer getroffen. Doch dann kam die Wende.

          3 Min.

          Covid-19 schränkt das kulturelle Leben sehr stark ein, auch den Besuch von Kinos. Von Mitte März an mussten die Filmtheater im Rahmen des Lockdowns schließen. War bisher ein Motiv, ins Kino zu gehen, der geringe Abstand, wurde der nun zum Problem. Gerade wird dieses Verbot zwar nach und nach gelockert, allerdings bleiben viele Kinos weiterhin geschlossen.

          Die Corona-Maßnahmen haben das Geschäft der Airscreen Company GmbH & Co. KG aus Münster stark beeinflusst, zunächst negativ, dann positiv. Den von Günter Ganzevoort erfundenen Airscreen, eine aufblasbare Leinwand, lieferte das Unternehmen schon vor Covid-19 in mehr als 125 Länder; die Exportquote liegt bei gut 90 Prozent.

          Im März sah es für das Unternehmen kritisch aus. Großveranstaltungen wurden verschoben oder gar abgesagt. „Der Umsatz brach katastrophal ein“, berichtet Geschäftsführer und Inhaber Christian Kremer. Doch: „Seit Anfang April wurde der Schalter umgelegt.“

          Auch für Privatkunden

          Kinos, wie das in Münster ansässige Cineplex, haben eine Alternative ohne Ansteckungsgefahr für das herkömmliche Kino gefunden: das Autokino. Und da kommt Airscreen ins Spiel. „Airscreens sind aufblasbare Rahmen aus einem PVC-Gewebe, die mit Luft gefüllt und mit einer Leinwand verbunden werden. Dieser Rahmen und die Leinwand werden mit Spannfixen verbunden und anschließend als Projektionsleinwand in den Raum gestellt“, erklärt Kremer.

          Man produzierte im vergangenen Jahr rund 300 Rahmen und nahm laut Kremer insgesamt 4,1 Millionen Euro ein. Das war ein Wachstum von etwa 18 Prozent zum Vorjahr. Seit zehn Jahren wachse man, meistens zweistellig. Die Leinwände selbst haben am Jahresumsatz einen Anteil von etwa 60 Prozent. Man bietet auch andere für ein Open-Air-Kino nötige Produkte an, zum Beispiel Projektoren und Soundsysteme.

          Im Angebot ist eine faltbare 3D-Bildwand. In der Regel werden jedoch die Modelle Nano, Airtight und Classic hergestellt. Mit dem Nano will das Unternehmen auch Privatkunden ansprechen. Mit einer Projektionsfläche von 3 mal 1,70 Meter sei er für den Strand oder Garten geeignet und lasse bis zu 50 Personen gleichzeitig am Film teilhaben. Ein großer Garten und viele Freunde sind jedoch zu empfehlen. Leinwand, Spannfixe und ein Handgebläse werden für 2690 Euro angeboten. Sollte man noch eine Musikanlage und einen Projektor benötigen, steigt der Preis auf 5290 Euro.

          Größte Kinoleinwand der Welt

          Die Airtight-Modelle sind für den Privatgebrauch eher nicht geeignet. Das größte besitzt Maße von 7,32 mal 4,12 Meter. Diese Modelle müssen, wie Kremer erklärt, nicht durchgehend an einem Gebläse angeschlossen sein. Kunden seien zum Beispiel Hotels und Resorts. Für ein auf hundert Zuschauer ausgelegtes Airtight-Modell mit allen zum Aufbau benötigten Utensilien, einem Projektor und einem Soundsystem verlangt das Unternehmen 7390 Euro. Das Komplettpaket eines für bis zu 200 Zuschauer gedachten Classic-Modells mit Leinwand von 6,10 mal 3,43 Metern, Projektor und Soundanlage kostet 9990 Euro und für doppelt so viele Zuschauer 12 390 Euro.

          Sollte das nicht reichen, bietet das Unternehmen noch weitere Größen an; sie werden bis 20 mal 10 Meter produziert. Ein Airscreen dieser Größe wird für bis zu 5000 Zuschauer empfohlen und kostet ohne Projektor und ohne Soundanlage 48 990 Euro. Für Autokinos bietet man auch den Airscreen Drive an, der 15 990 Euro kostet und mit Leinwänden auf der Vorder- und Rückseite für 100 Autos je Seite gedacht ist. Außerdem habe Airscreen mit den Maßen 40 mal 20 Meter die bisher größte mobile Kinoleinwand der Welt hergestellt, sagt Kremer.

          Als Vorteil sieht man die Herstellung in Deutschland. Einige Unternehmen haben in der Corona-Krise Schwierigkeiten; ihnen fehlen Teile, die sie aus dem Ausland beziehen. Bei Airscreen ist das anders. „Die Nachproduktion läuft auf Hochtouren, und da wir nicht auf China angewiesen sind, funktioniert das auch schon wieder ganz gut“, sagt Kremer.

          Premiere auf dem Markusplatz

          Mögliche Lieferengpässe entstünden lediglich durch eine ungewöhnlich hohe Nachfrage. So habe es bei UKW-Sendern, die man für den Tonempfang brauche, Beschaffungsprobleme gegeben. „Wir hatten einen guten Vorrat und waren doch binnen weniger Tage ausverkauft. Der Hersteller hat sein Werk coronabedingt schließen müssen.“ Man habe aber eine gute Alternative gefunden.

          „Bei qualitativ hochwertigen Open-Air-Kinos oder gar bei internationalen Filmfestivals sind fast zu 100 Prozent Rahmen unserer Marke Airscreen im Einsatz“, sagt Kremer. Konkurrenten sind laut Airscreen vor allem im asiatischen Raum ansässig und machen Schätzungen zufolge 25 Prozent im Bereich der größeren Leinwände aus. Bei den kleineren Leinwänden sei der eigene Marktanteil etwas geringer.

          Stolz ist Kremer auf die internationalen Referenzen. Er nennt Premieren für Filme von Steven Spielberg oder mit Tom Cruise. Auf dem Markusplatz in Venedig habe Spielberg eine Weltpremiere mit einem Produkt des Unternehmens durchgeführt. Außerdem sorge es für Aufsehen, wenn ein Airscreen im Basecamp des Aconcagua in mehr als 6000 Meter Höhe, in der Wüste Saudi-Arabiens, auf der Brooklyn Bridge in New York, der Harbour Bridge in Sydney, der Golden Gate Bridge in San Francisco oder in den Skigebieten in den Alpen stehe. „So etwas schafft Nachfrage“, sagt Kremer.

          Für die Nach-Corona-Zeit ist er optimistisch: „Vor Corona kamen im Schnitt auf 10 Autokinos 100 Open-Air-Kinos. Nach Corona ist dieses Verhältnis eher umgekehrt“, glaubt er. Allerdings hofft Kremer auch, dass es im Herbst wieder in den Kinosälen weitergehe. „Ich kann es für die Kinobetreiber, die ja häufig auch unsere Kunden und zum Teil gute Freunde sind, nur hoffen.“ In Zukunft möchte das Unternehmen anstelle von Projektoren und Leinwänden auf faltbare LED-Module setzen, die ein verbessertes Bild lieferten und in der Handhabung einfacher seien.

          Der Artikel stammt aus dem Schülerprojekt „Jugend und Wirtschaft“, das die F.A.Z. gemeinsam mit dem Bundesverband deutscher Banken veranstaltet.

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