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Autoindustrie : Seat zockelt in China hinterher

Seat-Autos warten auf ihre Verschiffung. Bild: dpa

Eigentlich ist der Ferne Osten für Volkswagen eine sichere Bank, doch die Markteinführung der spanischen Tochter ist gescheitert: Sie verkauft hier im Jahr weniger als der Rest der Gruppe am Tag.

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          Eigentlich ist China für die deutschen Autohersteller eine sichere Bank. Mögen in Europa die Märkte zusammenbrechen – der Absatz in Fernost bügelt die Schwächen wieder aus. Nur das Unternehmen Seat, das zum Volkswagen-Konzern gehört, bekommt im größten Automarkt der Welt kein Bein auf die Erde. Es ist die einzige Pkw-Marke der Gruppe, die dort auf der Stelle tritt. Nach Informationen der F.A.Z. verkaufte Seat in seinem ersten Jahr in China, 2012, gerade einmal 2200 Autos. Das war nur etwa ein Viertel so viel, wie der Rest der Gruppe an einem einzigen Tag absetzt (8300 Einheiten).

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Besserung ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Im ersten Quartal 2013 wurde Seat in China 539 Autos los, etwa genauso wenige wie im Vorjahreszeitraum. Im zweiten Quartal gab es dann praktisch gar keine Verkäufe mehr: Volkswagen China teilte am Freitag mit, bis einschließlich Juni seien „mehr als 600 Autos“ ausgeliefert worden.

          Alle Seats werden aus Europa nach China exportiert. Eigentlich sollte der Absatz in dem hungrigen chinesischen Markt, wo VW ansonsten alle seine Marken hervorragend positioniert hat, den unausgelasteten Werken in Spanien helfen. Doch diese Rechnung ist bisher nicht aufgegangen. „Der Seat-Verkauf in China läuft schlecht, das war vorauszusehen“, sagt Zeng Zhiling, Analyst beim Autobranchendienst LMC Automotive in Schanghai.

          Chinesen wollen Luxusautos

          Die Chinesen kauften zwar gern importierte Luxusautos, nicht aber eingeführte einfache Fahrzeuge wie den Seat. Wegen der Zölle sei er nicht wettbewerbsfähig, auch gebe es im Billigsegment zu viel chinesische Konkurrenz. Drittens schließlich habe Seat kaum Händler im Land; 2012 waren es nur zwölf.  Ein deutscher Branchenfachmann in Peking führt einen vierten Grund an: „Die Fahrzeuge sind zu alt. Die Chinesen wollen nicht mit dem alten León abgespeist werden.“

          Der betroffene Konzern hält sich mit Bewertungen zurück. „Wir alle wussten, dass unsere anfänglichen Verkäufe und Marketing-Aktivitäten in China nicht leicht werden würden“, sagt Kommunikationschef Serafí del Arco Manjón. „Es ist ein sehr wettbewerbsorientierter Markt, und das Preisumfeld ist im vergangenen Jahr ganz klar härter geworden.“ Um sich an den Markt anzupassen, müssten die Seat-Händler Sonderangebote anbieten.
          Del Arco Manjón weist darauf hin, dass die Exportstrategie anderswo in der Welt aufgehe: Im ersten Quartal seien die Auslandsverkäufe um 37 Prozent gestiegen und machten jetzt fast 20 Prozent des Gesamtabsatzes aus. „Jetzt werden wir analysieren, welche Märkte und Regionen die größten Wachstumspotentiale für Seat haben.“

          Aus anderen Teilen der Gruppe heißt es, Seat mische derzeit die Karten neu, auch mit Blick auf China: „Nach dem Vorstandswechsel in Spanien steht alles auf dem Prüfstand.“ Im April hatte bei Seat Jürgen Stackmann den bisherigen Chef James Muir abgelöst. Der konnte das Ergebnis zwar verbessern, Seat ist aber weiterhin defizitär und somit das Sorgenkind der Gruppe.

          In China produzieren - oder das Land verlassen

          Unklar ist, wie es in China weitergeht. Der Branchenfachmann Zeng nimmt an, dass der Autobauer die Schwäche nur umgehen kann, wenn er in China auch produziert: in einem Gemeinschaftsunternehmen mit den chinesischen Partnern SAIC oder FAW wie die anderen VW-Marken. Unternehmenssprecher del Arco Manjón sagt dazu: „Bisher gibt es keine Entscheidungen über eine lokale Fertigung.“ Spanischen Presseberichten zufolge wird aber auch erwogen, sich nach einer angemessenen Schamfrist ganz aus dem großen Land zurückzuziehen.

          Unterdessen geht es am Gesamtmarkt in China weiter bergauf. Nach Zahlen des Automobilverbands CAAM  wuchs der Personenwagenabsatz im ersten Halbjahr im Vorjahresvergleich um 13,8 Prozent auf 8,7 Millionen Einheiten. Die deutschen Konzernmarken verkauften 1,68 Millionen Autos. Damit waren sie Marktführer und konnten ihren Anteil sogar noch um 1,5 Punkte auf 19,4 Prozent steigern. Mit weitem Abstand dahinter folgten die Japaner, Amerikaner, Koreaner und Franzosen.

          BMW teilte stolz mit, im ersten Halbjahr deutlich stärker als der Markt gewachsen zu sein, um 15 Prozent auf fast 183.000 Autos der Marken BMW und Mini. Besonders erfolgreich ist auch der Volkswagen-Konzern. Er gab am Freitag bekannt, in China, Hongkong und Macao im ersten Halbjahr rund 1,5 Millionen Autos verkauft zu haben, 18,7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Darunter waren 105.000 Importfahrzeuge (plus 30,1 Prozent). Die Marke VW wuchs mit 19,4 Prozent am stärksten auf 1,17 Millionen Verkäufe, gefolgt von Audi mit plus 17,7 Prozent auf 228.000. Bei Skoda hingegen stagnierte der Absatz auf 120.000 Einheiten. Die Marke VW versteht sich als Marktführer unter den Pkw-Anbietern, Audi führt die Oberklasse an. Mit allen seinen Marken steht die Gruppe in China gut da, mit Porsche, Skoda, Bentley, Lamborghini, selbst mit Bugatti. Für die meisten ist das Land das wichtigste oder zweitwichtigste Absatzgebiet. Nur einer zockelt hinterher: Seat.

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