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Autoindustrie : Opel als Verbündeter gegen die Mafia

  • Aktualisiert am

Opel setzt in Sizilien ein Zeichen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Im Herzen Siziliens stellt Opel vier sportliche Modelle vor, mit der Feststellung, die ungewöhnliche Kulisse sei „von der Mafia befreites Land“. Die Rüsselsheimer bewegen sich auf gefährlichem Terrain.

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          Die Geschichte klingt wie die Episode einer Seifenoper. Doch ob es zum Happy-End kommt, ist nicht gewiß: Es hängt ab vom Verhalten der Mafia.

          Die Hauptrolle im Stück aus dem Herzen des sizilianischen Mafia-Landes spielen neun junge Sizilianer, Teilhaber einer vor vier Jahren gegründeten Kooperative, die ehemalige Mafia-Besitzungen bewirtschaften. 300 Hektar Ackerland, 50 Hektar Weinberg und ein Haus in der Gegend südlich von Palermo, zwischen Corleone und Monreale, sind vom italienischen Staat führenden sizilianischen Mafia-Familien weggenommen worden.

          Indem bei einer endgültigen Verurteilung von Mafiosi deren unrechtmäßig erworbener Besitz konfisziert wird, soll die Mafia wirtschaftlich geschwächt und damit an ihrem empfindlichsten Nerv getroffen werden. Die Kooperative hat dabei vor allem Besitzungen der Familie Brusca erhalten, die bisher das Dorf San Giuseppe Jato regierte, das in Sizilien und Italien fast ebenso bekannt ist wie Corleone.

          Staatsanwalt Falcone ermordet

          Bernardo Brusca hatte seit den siebziger Jahren San Giuseppe Jato beherrscht und zusammen mit den „Corleonesi“ in den Achtzigern mit Waffengewalt die Spitze der Mafia in Palermo beseitigt, um in ganz Sizilien die Macht zu übernehmen. Im ersten großen Mafia-Prozeß war er zu lebenslanger Haft verurteilt worden und Ende 2004 im Alter von 71 in einem Krankenhaus in Neapel gestorben. Sein Sohn und Erbe Giovanni, der Dutzende von Morden auf dem Gewissen hat, kann den zweifelhaften Ruhm beanspruchen, daß er es war, der 1992 mit einem Knopfdruck ein Stück Autobahn zwischen Palermo und dem Flughafen in die Luft sprengte, um damit den Staatsanwalt Giovanni Falcone umzubringen, denjenigen, der seinen Vater hinter Gitter gebracht hatte.

          Das Haus der Bruscas in einem Weiler oberhalb von San Giuseppe Jato hat die Kooperative mit Hilfe von europäischen Fördergeldern zu einem „Agriturismo“ umgebaut, in dem hin und wieder Touristen übernachten und ansonsten immer wieder Schüler bewirtet und über die blutige Geschichte der Gegend informiert werden. Noch immer ist die Kooperative in der schwierigen Anlaufphase. Jetzt konnten die jungen Sizilianer ganz unvermutet für drei Wochen einen Großkunden gewinnen: Der Rüsselsheimer Opel-Konzern stellt in diesen Tagen in Palermo und an der traditionellen Rennstrecke „Targa Florio“ der europäischen Presse vier sportliche Modelle vor. Und nachdem die Opel-Manager einen Zeitungsbericht über die Aktivitäten der Kooperative in San Giuseppe Jato gelesen hatten, wählten sie deren „Agriturismo“ für einen Imbiß und eine erste Präsentation vor den Journalisten, die in drei Wochen in Gruppen zu 30 oder 60 ein zweitägiges Standardprogramm mit 30 Testwagen geboten bekommen.

          Von der Mafia befreite Felder

          Am Ende einer Schotterstraße, im Innenhof eines teils restaurierten und teils verfallenen Weilers, beginnt die Präsentation der neuen Modelle von Opel mit der Feststellung, die ungewöhnliche Kulisse sei „von der Mafia befreites Land“. Die Motorjournalisten, insgesamt 600, erhalten zudem Nudeln und Olivenöl mit der Marke „Libera Terra - dalle terre liberate dalla Mafia“, von Feldern, die von der Mafia befreit wurden.

          Die Bewirtung der Journalistengruppen mit sizilianischen Spezialitäten bringt der Kooperative ein lang ersehntes Umsatzplus, aber auch ein gewisses Maß an Gefahr von seiten der Mafia. Im Dorf hatten die Mächtigen schließlich den Start der Kooperative immer aufmerksam verfolgt und zudem den Dorftratsch systematisch mit ihren abfälligen Meinungen beliefert. „Iddi babbiano“, die murksen hier nur herum, lautete das Urteil in sizilianischem Dialekt.

          Selbst die Lokalzeitung urteilte in einem Titel, das Ganze sei nur eine Traumvorstellung. Daß nun vor dem einsamen Weiler an neuen Masten die Fahnen von Opel und General Motors wehen, täglich teure Testwagen in leuchtendem Blau und Rot vorbeikommen, hat aber das Machtgefüge erschüttert. Plötzlich stehen die neun unternehmerischen Sizilianer nicht mehr als Spinner da. Die Mafia gerät in die Defensive.

          Ein Weizenfeld angezündet

          Denn in der armen, landwirtschaftlich geprägten Gegend hatten die Herren der organisierten Kriminalität bisher immer wieder mit verschiedenen Methoden zu beweisen gesucht, daß nur die Mafia dem Dorf ein wirtschaftliches Auskommen biete, mit Arbeiten für Tagelöhner auf dem Feld und womöglich noch mit anderen Gelegenheitsaufträgen. Die kleine Kooperative beschäftigte dagegen in diesem Jahr zwischen zehn und zwanzig Gelegenheitsarbeiter nicht schwarz, sondern nach legalen Kriterien mit Steuern und Abgaben. Nun bringt der Großauftrag von Opel nicht nur Prestige, sondern zeigt den stets in Symbolen verhafteten Sizilianern, daß ganz andere Wege möglich wären.

          Solche Konkurrenz zur Mafia ist allerdings nicht ungefährlich. Noch vor einigen Jahren wurde deswegen in Palermos Mafia-Viertel Brancaccio ein Pfarrer erschossen. In San Giuseppe Jato und Corleone hat man bisher nur einmal ein Zeichen gesetzt, indem ein Weizenfeld angezündet wurde. Doch die Kooperative konnte schon damals zeigen, daß sie nicht allein ist: Die Polizei schickte überraschend schnell zwei Löschflugzeuge. Am nächsten Tag zogen Polizeichefs, Staatsanwälte, Bürgermeister und Abgeordnete bei einer kurzfristig organisierten Demonstration gegen die Mafia durch das Dorf.

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