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Autoindustrie : Ladenhüter auf vier Rädern

Kauf mich! Bild: Daniel Pilar

Die Autoindustrie hakt das Jahr 2007 ab. Zwar machen insbesondere die deutschen Marken glänzende Geschäfte im Ausland, läuft die Produktion in vielen Werken auf Hochtouren. Aber im Inland verweigert sich der private Autokäufer hartnäckig.

          3 Min.

          Es gehört zu den Pflichten eines Lobbyisten, auch in schwierigen Zeiten gute Stimmung zu verbreiten. Und Matthias Wissmann, der Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), erledigt diesen Teil seiner Arbeit mit großem Eifer. Doch was die Neuzulassungen auf dem deutschen Automarkt betrifft, dürfte ihm der Optimismus vergangen sein.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Wenn Wissmann in der kommenden Woche die Zahlen für den November vorlegt, kommt er wohl nicht mehr um die dritte Revision der VDA-Zulassungsprognose herum. 3,47 Millionen Autos wurden 2006 auf deutschen Straßen neu zugelassen. Weil die in diesem Jahr erhöhte Mehrwertsteuer Autos teurer macht, rechnete der VDA erst mit 3,3 Millionen und dann nur noch mit 3,2 Millionen Neuzulassungen. Es werden wohl sehr viel weniger werden.

          Abgehakt

          Die Autohersteller haben das Jahr abgehakt. Zwar machen insbesondere die deutschen Marken glänzende Geschäfte im Ausland, läuft die Produktion in vielen Werken auf Hochtouren. Aber im Inland verweigert sich der private Autokäufer hartnäckig. Im Oktober brachen die privaten Neuzulassungen nach Angaben des Marktforschungsinstituts Dataforce um 21,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein.

          „Es hat auch im November keine spürbare Belebung gegeben“, sagt ein Sprecher von Renault, einem der großen Importeure in Deutschland. Die Franzosen sind in hohem Maße von Privatkäufern abhängig, weil sie anders als etwa der deutsche Marktführer Volkswagen kaum nennenswertes Geschäft mit Autovermietern und großen Leasingflotten machen. Knapp 20.000 Renaults weniger in den ersten zehn Monaten 2007 bedeuten ein Minus von 30 Prozent im Privatkundengeschäft. „Immerhin läuft der neue Laguna besser als erwartet.“ Ein schwacher Trost.

          Auch andere Massenmarken leiden

          Den Aderlass bei heimischen Kunden müssen auch andere große Massenmarken hinnehmen: Ford liegt mit minus 45 Prozent vor Opel (minus 38 Prozent), VW (minus 34 Prozent) und Toyota (minus 21 Prozent). Selbst die Premiummarken Mercedes (minus 9 Prozent), BMW (minus 15 Prozent) und Audi (minus 27 Prozent) fielen in den ersten zehn Monaten bei vielen Privatkäufern durch. Das Geschäft mit noch höheren Rabatten anzukurbeln scheint kaum möglich, die Margenspielräume in der Finanzierung gelten als ausgereizt. „Wegen der zum Teil äußerst ehrgeizigen Wachstumspläne der Hersteller stehen die Vertriebsorganisationen unter großem Druck. Deshalb werden jetzt die Autos in den Markt gedrückt“, sagt Ralf Landmann, Partner und Automobilfachmann bei Roland Berger.

          Die Unternehmensberatung empfiehlt den 16 Herstellern in Westeuropa in einer empirischen Studie, Marketing und Vertrieb effizienter zu gestalten, ließe sich dadurch doch der Vorsteuergewinn um jeweils zwischen 60 und 400 Millionen Euro steigern. Stattdessen plagt sich die Branche mit Überkapazitäten von 20 bis 25 Prozent herum: „Die meisten Händlernetze sind nach wie vor viel zu dicht, aber die Bereitschaft, im eigenen Vertrieb aufzuräumen, ist unter den Herstellern nicht sehr ausgeprägt.“ Mitunter machen sich drei Händler einer Marke in ein und derselben Region gegenseitig Konkurrenz. Doch aus Furcht vor Marktanteilsverlusten wagt es kaum ein Hersteller, Betriebe aufzugeben. „Oftmals wird das Thema einfach 'Darwin' überlassen.“

          Händler schlagen Alarm

          Die Händler schlagen Alarm: Mangelnde Rentabilität und Liquidität sind die größten Probleme in der mittelständisch geprägten Branche. Nach Angaben des Branchenverbandes ZDK ist die Zahl der selbständigen Autohändler in zwei Jahrzehnten von 19 000 auf weniger als 14 000 gesunken. Doch auch vielen markengebundenen Händlern geht es immer schlechter: „Wir haben ein Tief erreicht. Mehr Belastungen sind nicht mehr möglich“, klagt der Präsident des Fiat-Händlerverbandes, Friedrich-Karl Bonten - und fordert ein zinsloses Darlehen von fünf Prozent für jeden im Verkaufsziel für 2008 festgelegten Fiat 500. Und Fiat ist kein Einzelfall.

          Einigermaßen ratlos stehen viele Autohändler vor der Frage, wie sie im Neuwagengeschäft noch Geld verdienen sollen. Die durchschnittliche Umsatzrendite ist hier auf unter 0,4 Prozent geschrumpft. Würde das Werkstattgeschäft nicht sehr viel höhere Margen abwerfen, stünden noch mehr Betriebe vor dem Aus. 1042 Insolvenzfälle hat es allein im vergangenen Jahr gegeben; in diesem Jahr dürften es mehr werden.

          Einzelne Autohersteller setzen gegen die lahmende Nachfrage der Privatkäufer vermehrt auf Eigenzulassungen. Vorreiter ist hier offenbar VW: Allein im Monat Oktober haben die Wolfsburger nach einer Erhebung des Center Automotive Research (Car) der Fachhochschule Gelsenkirchen 11.914 Neuwagen als Eigenzulassungen in den Markt gebracht - das ist jeder fünfte VW. „So viele Fahrzeuge wie im letzten Monat hat VW in keinem Monat der letzten zwei Jahre auf sich selbst zugelassen“, sagt Car-Geschäftsführer Ferdinand Dudenhöffer. Weil VW den „Rabatt-Hahn“ seit Anfang dieses Jahres weit aufgedreht hat, rechnet Dudenhöffer mit negativen Folgen beim Wiederverkauf: „Die Restwerte der Autos werden schlechter.“ Genau das hat VW bisher immer zu vermeiden versucht - mit „restwertschonenden“ Finanzierungs- und Leasingangeboten für Privatkäufer.

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