https://www.faz.net/-gqe-yw4c

Autoindustrie in Baden-Württemberg : Herrscher kommen und gehen

Gehören zusammen wie eineiige Zwillinge: Daimler-Benz und Sindelfingen Bild: Daniel Pilar

Autofeindlich dürfen in Baden-Württemberg selbst die Grünen nicht sein, sonst wird das Volk nervös. Die Wirtschaft aber sieht den ökologischen Umbau als Chance.

          6 Min.

          Jutta Benz hütet ihr Geheimnis. Natürlich darf sie nichts über die künftige A- und B-Klasse erzählen, aber das Schwärmen lässt sie sich nicht nehmen. Die neuen Modelle sind so recht nach ihrem Geschmack. Das scheint selbstverständlich, denn Jutta Benz ist die Urenkelin von Carl Benz, dem Erfinder des Automobils, und zudem Markenbotschafterin von Mercedes-Benz. Aber die 69 Jahre alte Lehrerin ist auch von Herzen Umweltschützerin, war einst sogar bei der Gründung der Grünen in Karlsruhe mit von der Partie. Ein Widerspruch ist das für sie nicht: „Das Auto wird es immer geben. Es kommt nur darauf an, es so sicher und so umweltfreundlich wie möglich zu machen“, sagt sie und vermerkt zufrieden, dass bei Daimler eine Menge Geld und Grips in entsprechende Forschung gesteckt wird.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Wie die neue grün-rote Landesregierung von Baden-Württemberg mit dem Erbe ihres Urgroßvaters umgehen wird, ist noch unklar. Zwar ist im Koalitionsvertrag viel von wirtschaftlichen Stärken die Rede, von Wachstumspotentialen und von zukunftsfähigen Arbeitsplätzen. Doch das Land, das der Autoindustrie seinen Wohlstand verdankt, sieht sich auch konfrontiert mit einem designierten Ministerpräsidenten, der Laufen und Fahrradfahren in einem Atemzug mit dem Wort „Mobilitätskonzept“ nennt und erklärt: „Weniger Autos sind natürlich mehr.“ Gerade weil Winfried Kretschmann nicht die lockere Plaudertasche gibt, sondern eher den Typ Landesvater, der seine Worte mit Bedacht wählt, schrillen angesichts solcher Äußerungen die Alarmglocken. „Die Baden-Württemberger werden es noch bereuen, diese grünen Scharlatane an die Macht gewählt zu haben“, heißt es so oder ähnlich in Kommentaren im Internet. Oder: „Kaputtgemacht ist vieles schnell, wiederaufgebaut werden muss es dann in Jahrzehnten.“

          Die Logik liegt auf der Hand

          Volkes Stimme kann als Seismograph gelten für die Befindlichkeit im Autoland Baden-Württemberg. Der Stern auf der Kühlerhaube gilt weltweit als das Statussymbol, ein Porsche ist der Inbegriff für sportliches Fahren made in Germany, und was bei Bosch oder ZF, bei Mahle oder Elring-Klinger ausgetüftelt wird, findet sich in allen Automarken. Das macht stolz – und verletzlich. „Wer im Autoland Nr. 1 verlangt, dass weniger Autos produziert werden, ist weit weg von den Menschen“, schimpft Markus Malm, Facharbeiter im neuen Halbleiterwerk von Bosch und seit neuestem Landesvorsitzender der Christlichen Gewerkschaft Metall. Und Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück, ein SPD-Mitglied, schilt Kretschmann, er habe mit seinen Äußerungen die heimischen Hersteller „in die Schmuddelecke“ gestellt.

          Jutta Benz, hier mit Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, liebt Autos und gehört den Grünen seit der Gründung an

          Es geht aber nicht nur um große Gefühle, sondern auch um Geld. Knapp 200.000 Arbeitsplätze stellen Autohersteller und Zulieferer in Baden-Württemberg, Hunderttausende weiterer Arbeitsplätze hängen mittelbar davon ab, und das Wohl und Wehe ganzer Regionen. „Damit ist nicht zu spaßen“, warnt Irmgard Balzer, die für die Freien Wähler im Sindelfinger Gemeinderat sitzt. Die Kommunalpolitikerin hat mit ihren 71 Jahren den Ausbau des Werks Sindelfingen zum wichtigsten Produktionsstandort von Mercedes mit zeitweise 40.000 Mitarbeitern und entsprechend fetten Steuereinnahmen ebenso erlebt wie auch die schwierigen Jahre, in denen Daimler sogar Gewerbesteuer zurückforderte. „Wir sind in einem Maße von Daimler abhängig, wie man sich das woanders kaum vorstellen kann. Daran hängen Arbeitsplätze, Existenzen, Schicksale – und die Finanzierung von Kommunen. Das kann man nicht so einfach in Frage stellen“, gibt sie mit Blick auf Kretschmanns Äußerungen zu bedenken.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald Trump, Präsident der Vereinigten Staaten, spricht bei einer Wahlkampfkundgebung im Lake Charles Civic Center.

          Amerika : Vereinzelte Republikaner wenden sich gegen Trump

          Einzelne Republikaner erwägen, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump zu unterstützen. Die Mehrheit steht nach wie vor hinter ihrem Präsidenten und will das auch mit einer offiziellen Abstimmung bestätigen.
          Der britische Premierminister Boris Johnson steht beim EU-Gipfel in Brüssel im Zentrum.

          Europäische Union : Britisches Parlament stimmt über Brexit-Vertrag ab

          Stimmt das britische Unterhaus heute für den Vertrag, den Premierminister Boris Johnson mit der EU ausgehandelt hat, wird Großbritannien am 31. Oktober aus der Europäischen Union austreten. EU-Kommissar Günther Oettinger schließt weitere Verhandlungen aus, sollte es nicht zu einer Einigung kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.