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Autoindustrie in Baden-Württemberg : Herrscher kommen und gehen

Doch auf Kurzarbeit folgten noch immer Sonderschichten, und das macht die Menschen anscheinend gelassen. „Die Aufgeregtheit hält sich sehr in Grenzen“, berichtet Florian Wahl, der mit seinen 26 Jahren erstmals für die SPD in den Landtag einzieht, als Gemeinderat aber reichlich Kontakte zu den Menschen in der Region hat. Ein bisschen mehr Verbundenheit wünscht er sich vom neuen Regierungschef aber schon: „Ich erwarte, dass der Ministerpräsident sich als Handlungsreisender der Unternehmen in seinem Land empfindet.“

In den Unternehmen geht man pragmatisch mit Kretschmanns Ansage um, wonach weniger Autos besser seien als mehr. „Ich halte diese Aussage für unglücklich und unrealistisch, weil nicht die Landesregierung über die Zahl der Autos entscheidet, sondern die Märkte“, kommentiert Dieter Hundt, Arbeitgeberpräsident in Baden-Württemberg und selbst Eigentümer eines Autozulieferbetriebs. Die Logik liegt auf der Hand: Seit vor 125 Jahren Erfinder wie Carl Benz, Gottlieb Daimler oder Robert Bosch den Grundstock für die heute so erfolgreiche Industrie gelegt haben, sind schon viele Herrscher gekommen und gegangen.

„Der Wirtschaftsstandort wird nicht leiden

Auch deshalb lassen die Konzernchefs ihre Pressesprecher allenfalls unverbindlich-diplomatische Äußerungen zur aktuellen politischen Lage verbreiten und generelle Gesprächsbereitschaft ankündigen. Selbst wenn eine Landesregierung in völliger Verkennung der Realitäten versuchen sollte, die Autoindustrie zu gängeln, so blieben ihr dafür nur wenige Mittel. Tempolimits oder Mautgebühren wären Nadelstiche, mehr nicht – denn der Heimatmarkt spielt längst nur noch eine untergeordnete Rolle. Und in China oder Brasilien schert man sich wenig, ob der Ministerpräsident in Stuttgart ein grünes oder schwarzes Parteibuch hat.

„Ich gehöre nicht zu jenen, die glauben, angesichts einer neuen politischen Farbenlehre in Baden-Württemberg in Panik und Hysterie verfallen zu müssen“, sagt Hundt denn auch, obwohl er gewiss nicht im Verdacht steht, mit Grün-Rot zu sympathisieren. Er findet sich dabei in bester Gesellschaft. Reinhold Würth, der Selfmade-Milliardär, der für seine markigen Sprüche berüchtigt ist, prognostiziert: „Der Wirtschaftsstandort wird nicht leiden.“ Die Parteivorsitzenden seien loyale Baden-Württemberger und sich fraglos bewusst, dass nur eine blühende und wachsende Wirtschaft auch die zwingend nötigen, höheren Steuereinnahmen bringe. Man werde wohl mit höheren Strompreisen durch die angekündigte Energiewende rechnen müssen, so der Patriarch: „Dies wird überwiegend wettbewerbsneutral geschehen.“

Neue Chancen unter der grün-roten Führung

Was Würth nicht erwähnt, aber sehr wohl bemerkenswert ist: Schon 1996 ist der Schraubenhändler in die Solarwirtschaft eingestiegen, hat seit dem Jahr 2000 in einem ehemaligen Kohlekraftwerk die Produktion von Dünnschicht-Solarmodulen aufgenommen und gilt heute als etablierter Anbieter. Was im grünen Parteiprogramm steht, haben die Unternehmen längst als Wachstumsmarkt entdeckt. Gerade die baden-württembergische Metallindustrie wächst kräftig mit dem Bau von energie- und rohstoffsparenden Maschinen und Anlagen, mit der Ausrüstung für Solarunternehmen, dem Bau von Turbinen oder der Zulieferung für Windparks, unter ihnen auch Traditionsunternehmen wie Voith oder Liebherr, die man gemeinhin noch als Papiermaschinenhersteller oder Kranfabrikanten verortet.

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