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ZF-Chef im Interview : „Nichts mehr für Verbrenner“

Ich kenne keine kritischen Stimmen dazu, im Gegenteil. Die neuen Aufträge zeigen ja, dass die Strategie richtig war. Außerdem leistet Wabco schon jetzt einen positiven Beitrag zu unserem Konzernergebnis, das werden wir bei unserer Bilanzpressekonferenz in acht Wochen zeigen. Die Integration geht übrigens hervorragend voran, obwohl der Start Ende Mai genau in die Hochphase der ersten Covid-Welle fiel und alles virtuell ablief. Wir stimmen uns über alle Prozesse intensiv ab, um das jeweils Beste aus beiden Welten zu finden. Im Lauf dieses Jahres wird so eine einzige Division Nutzfahrzeugtechnik entstehen.

Geschäftsfelder abseits der Autoindustrie zu finden, das war ja in der Vergangenheit auch eines Ihrer strategischen Ziele.

Wir entwickeln weiterhin solche Konzepte. Ein Beispiel sind autonom fahrende Shuttles. Daraus kann ein signifikantes Geschäft mit Dienstleistungen für Kommunen oder Verkehrsbetriebe werden, wenn die Pilotprojekte gut verlaufen. Für den französischen Dienstleister Transdev sind wir in Rotterdam schon mit sechs Fahrzeugen auf der Straße, im Herbst wollen wir in Brüssel starten. Das Land Baden-Württemberg fördert zwei Stadtlinien in Mannheim und hier in Friedrichshafen, die ab 2022 mit unseren autonomen Shuttles bedient werden.

Den klassischen Autoherstellern ist das autonome Fahren zu kompliziert. Und auch von Ihren Plänen ist einiges nicht realisiert worden.

Das ist ein typisches Feld, in dem man ausprobieren muss. Da sind viele technologische und kaufmännische Hürden zu nehmen, um zu einem funktionierenden Geschäftsmodell zu kommen. Hier zeigt sich der Vorteil, dass wir zwei Stiftungen als Gesellschafter haben: Wir können langfristiger denken und mehr ausprobieren. Wenn ein Pfad nicht funktioniert, ändern wir die Richtung. Vorige Woche haben wir unsere Anteile an dem Gemeinschaftsunternehmen mit Ego von Professor Schuh verkauft. Unsere Partnerschaft mit dem Robotaxi-Hersteller Zoox, der jetzt zu Amazon gehört, ist vielversprechend. Außerdem haben wir vor eineinhalb Jahren die holländische Firma 2Getthere gekauft und damit ein eigenes autonomes Shuttlefahrzeug und das dazugehörige Betreibersystem. Ich sehe gute Chancen, dass dieses Ende der 20er Jahre in einer Reihe von Städten zum Einsatz kommt.

Die Shuttles nehmen im Gegensatz zu normalen Autos immer genau die gleiche Strecke. Ist das der Vorteil des Systems?

Ja, sicher. Natürlich muss das Shuttle rechtzeitig auch die Holzpalette erkennen, die ein Lieferwagen verloren hat, den Hund, der dort läuft, und natürlich vor allem Menschen, die auf die Fahrbahn treten. Auf bekannten Strecken ist aber eine hohe Präzision beim Erfassen der Umgebung möglich. Und mit intelligenten Verkehrszeichen oder intelligenten Ampelanlagen kann man an kritischen Ecken ein Maß an Sicherheit erreichen, für die ein vollautomatisches System in einem Fahrzeug allein noch Jahre brauchen wird.

ZF ist das Kürzel für Zahnradfabrik. Heute nimmt man ZF als Getriebespezialisten wahr. Wie wird man ZF im Jahr 2025 beschreiben?

ZF wird zu den großen Elektronik- und Softwarelieferanten aufgeschlossen haben. Wir werden als Gesamtsystemlieferant im Nutzfahrzeugbereich und in der Elektromobilität auch mit dem Herzstück, der Leistungselektronik, deutliche Marktanteile erzielen und an der Weltspitze der Zulieferer stehen.

Zur Person

Wolf-Henning Scheider übernahm vor genau drei Jahren den Vorstandsvorsitz der ZF Friedrichshafen AG. Der Zulieferer mit heute rund 160.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 36 Milliarden Euro hatte turbulente Zeiten hinter sich, weil der vormalige Vorstandschef Stefan Sommer zwar sehr erfolgreich, nach Meinung einiger Aufsichtsräte aber zu forsch und zu risikoreich agiert hatte. Die Wogen konnte Scheider gut glätten, nicht nur wegen seines ausgleichenden Wesens, sondern weil er die besonderen Befindlichkeiten von Stiftungsunternehmen bestens kennt: Der 58-Jährige hat seine Karriere (nach einem BWL-Studium in Saarbrücken sowie an der RWTH Aachen) bei Bosch begonnen und es dort bis in die Geschäftsführung geschafft, bevor er 2015 an die Spitze des Zulieferers Mahle in Stuttgart wechselte. sup.

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