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Autobiographie : Heinrich von Pierer will seine Ehre

  • -Aktualisiert am

Heinrich von Pierer Bild: Hans Scherhaufer

Die Schmiergeldaffäre kostete ihn den Job. Jetzt präsentiert der einstige Siemens-Chef seine Autobiographie - voller Wehmut und voller Rechtfertigungen. Jetzt hofft Pierer auf Rehabilitation.

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          Man stelle sich nur für einen Augenblick vor, die Staatsanwälte wären nie in der Siemens-Zentrale angerückt, das System schwarzer Kassen wäre nie aufgeflogen: Wie stünde Heinrich von Pierer dann wohl da in diesen Tagen, kurz vor seinem 70. Geburtstag am 26. Januar?

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Feier-Reigen wäre vermutlich eröffnet, die ersten Elogen auf „Mister Siemens“ würden gesungen: Heinrich von Pierer, der Staatsmann unter den Managern, der Global Player mit dem Herz am rechten Fleck, der leutselige Modernisierer, der Held der Deutschland AG.

          Die Würdenträger aus Politik und Wirtschaft würden antreten, mindestens im Kanzleramt, wie damals beim 60. Geburtstag von Josef Ackermann, dem Deutsche-Bank-Chef, der ihm einst ein Freund war und der ihn dann fallen ließ, so wie ihn alle fallen ließen.

          Die letzte Waffe im Kampf um die Ehre

          Heinrich von Pierer gehört nicht mehr dazu. Das schmerzt ihn mehr als er je zugeben würde. Missverstanden fühlt er sich, der Anerkennung für seine Leistung beraubt, gerichtet von Gegnern mit niederen Motiven.

          Ausgerechnet jenes Unternehmen, dem er ein Leben lang gedient hat, hat ihn der Meute ausgeliefert, hat ihm alles genommen, was Alt-Vorständen sonst zusteht: Dienstwagen, Sekretärin, Büro. Von einem Hausverbot spricht der Mann, der 15 Jahre die Geschicke des Konzerns bestimmt hat; erst als Vorsitzender des Vorstandes, dann des Aufsichtsrates. Ein Siemensianer geächtet von Siemens. Das tut weh.

          Ein Buch ist nun die letzte Waffe im Kampf des Heinrich von Pierer um seine Ehre: „Gipfel-Stürme“ heißt es und erscheint im Econ-Verlag. Am Montag stellt der Autor sein Werk in Berlin öffentlich vor: 431 Seiten Autobiographie, eine einzige Rechtfertigung, wenngleich keine Racheschrift: „Ich hatte 38 tolle Jahre bei Siemens. Eine Abrechnung, das wäre unter meinem Niveau.“

          „Ich werde das Buch sicher nicht in den nächsten Tagen lesen“

          Pierers Kontrahenten, so sind die ehemaligen Siemens-Kollegen jetzt wohl zu nennen, sind da nicht so sicher. Alarmiert warten sie in der Münchner Konzernzentrale, welche Sprengkraft das Buch entfaltet – auch wenn sie sich unaufgeregt, ja gelangweilt geben. Bis hoch zum neuen Vorstandsvorsitzenden beteuern alle, sie wüssten gar nicht, ob sie Zeit fänden zur Lektüre der Autobiographie: „Ich werde das Buch sicher nicht in den nächsten Tagen lesen“, behauptet Konzernchef Peter Löscher.

          Gleichwohl arbeiten Löschers Leute gegen den von Pierer erweckten Eindruck, Siemens führe im Komplott mit Presse und Staatsanwälten einen Vernichtungsfeldzug gegen ihn. Pierers Absturz im öffentlichen Urteil resultiere nicht aus einer Verschwörung, urteilt eine 178 Seiten starke Medienanalyse, von einer „tragischen Selbstverstrickung“ ist darin die Rede.

          Kampf um die Deutungshoheit

          Dieser Kampf um die Deutungshoheit wird durch die Autobiographie neu entfacht. Dabei ist der Skandal für Siemens juristisch wie finanziell so gut wie abgehakt. 1,3 Milliarden Euro an „zweifelhaften Zahlungen“ – Juristendeutsch für Schmiergeld – wurden entdeckt. Sie haben den Konzern im Nachhinein Hunderte Millionen Euro gekostet; Strafe plus Honorar für die Truppen von Anwälten.

          Die Geschäfte laufen heute freilich besser denn je, die Börse jubelt. Was bleibt, sind irreparable Schäden im zwischenmenschlichen Bereich: Heinrich von Pierer und Gerhard Cromme, sein Nachfolger als Aufsichtsratschef und ehemaliger Freund, werden sich in diesem Leben nicht mehr versöhnen, zu viel böses Blut floss während der Aufklärung der Affäre.

          Pierer hat sich dabei nach deutschem Recht keiner Straftat schuldig gemacht; was die Ermittler in Amerika noch zutage fördern werden, ist eine andere Frage. Börsenaufsicht SEC und Justizministerium untersuchen den Fall.

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