https://www.faz.net/-gqe-zi90

Autobahnbau : Polen droht ein Debakel zur Fußball-EM

Noch nicht in EM-Form: Der chinesische Staatskonzern Covec stellt die Bauarbeiten an der Autobahn zwischen Berlin und Warschau ein Bild: AFP

Der chinesische Staatskonzern Covec stellt die Arbeit an der Autobahnstrecke von Berlin nach Warschau ein, über die viele Fans kommendes Jahr zur EM anreisen sollen. Auch im Nationalstadion gibt es Ärger. Fast ein Drittel der Bauprojekte ist in Verzug.

          Ein Jahr vor dem Beginn der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine kämpft Co-Ausrichter Polen mit erheblichen Problemen bei mehreren Bauprojekten. Wie die staatliche Straßenbaubehörde am Montag mitteilte, beendet der staatliche chinesische Baukonzern China Overseas Engineering Group (Covec) die Arbeiten an Teilabschnitten der Autobahn 2 zwischen Lodz und Warschau.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Diese ruhen schon seit Anfang Mai, weil Covec die Zahlungen an polnische Subunternehmer eingestellt hatte, die daraufhin in den Ausstand traten. Die Chinesen reagierten nun auf ein Ultimatum der polnischen Regierung, bis zum Ende dieser Woche Vorschläge zu unterbreiten, um den Bau der insgesamt rund 49 Kilometer langen Verbindung noch sicherzustellen. Warschau hat für diesen Fall schon angekündigt, Entschädigungforderungen von umgerechnet mindestens 185 Millionen Euro geltend zu machen.

          Der Covec-Konzern nannte mehrere Gründe für seinen Rückzug. So sei die geleistete Arbeit nicht objektiv bewertet worden, außerdem seien die Baustoffpreise stark gestiegen. Zudem sei man während der Bauphase mit ständig neuen Problemen konfrontiert worden; unter anderem damit, zuverlässige Subunternehmer zu finden. Covec sei aber immer noch bereit, an den Verhandlungstisch mit dem polnischen Staat zurückzukehren um eine Lösung zu finden, damit die Arbeiten rasch fortgesetzt werden können, zitieren polnische Medien aus einem Schreiben an die Straßenbaubehörde.

          Probleme bei der Finanzierung

          Der A2 kommt als West-Ost-Verbindung zwischen Berlin und Warschau eine entscheidende logistische Bedeutung zu, um EM-Besucher aus Westeuropa, vor allem aus Deutschland, zu den vier Spielorten Warschau, Danzig, Breslau und Posen zu bringen. Zuletzt hatte sich Polens Premierminister Donald Tusk deshalb selbst in die Gespräche eingeschaltet. „Der Vertragspartner hat Probleme mit der Finanzierung“, sagte Tusk. Verkehrsminister Cezary Grabarczyk arbeitet längst an einem Notfallplan für den Fall des Ausstiegs. Details sind bislang nicht bekannt. Einige Kenner halten eine pünktliche Beendigung jedoch für kaum noch machbar.

          Der Zuschlag im Herbst 2009 für die Chinesen war von Beginn an politisch brisant. Das in Staatshand befindliche Unternehmen lag mit seinem Angebot von rund 330 Millionen Euro um mehr als ein Drittel unter den offiziell kalkulierten Kosten und sicherte sich damit das erste große staatliche Infrastrukturprojekt für ein chinesisches Unternehmen in der Europäischen Union. Die chinesischen Vertreter hatten den Auftrag damals mit der Hoffnung auf den Eintritt in den europäischen Markt für Infrastrukturprojekte verbunden. Die polnischen Bauunternehmer liefen dagegen Sturm und beschwerten sich bei der EU-Kommission in Brüssel, dass Covec mit Dumpinglöhnen sich den Auftrag gesichert habe, weil einkalkulierte Verluste durch den chinesischen Staat getragen würden. Auch die Gewerkschaften kritisierten die Vergabe scharf. Die Entwicklung zeige nun, dass es sich nicht lohne, „nur auf das billigste Angebot zu schielen“, kommentiert Klaus Wieshügel, der Erste Vorsitzende der IG Bau.

          „Eine große Herausforderung“

          Doch die A2 ist nicht das einzige Sorgenkind der Polen. Laut Marcin Hera, dem Leiter der staatlichen Gesellschaft PL 2012, kommt es bei fast einem Drittel aller Bauprojekte zu Verzögerungen. Vor allem dem Ausbau des Straßen- und Schienennetzes kommt eine große Bedeutung zu, um allein die erwarteten 60 Millionen Tagestouristen zu den Stadien zu bringen. Der ehemalige Ölmanager Hera nannte jedoch auch die pünktliche Fertigstellung des Bahnhofs in Posen „eine große Herausforderung“.

          Zudem hinken die Arbeiten am mehr als 300 Millionen Euro teuren Nationalstadium in Warschau hinter dem Zeitplan her. In der Arena, in der am 8. Juni 2012 die Polen das Eröffnungsspiel bestreiten, gibt es noch keine Nottreppen und Fluchtwege, auch die Elektroinstallationen weisen Mängel auf. Die staatliche Organisationsgesellschaft wünscht sich zudem den Einsatz von mehr Arbeitskräften und eine höhere Bereitschaft zu Wochenendarbeit und hat deshalb dem Bau-Konsortium unter Führung des österreichischen Konzerns Alpine ein zweiwöchiges Ultimatum gesetzt: Wird das Tempo nicht deutlich erhöht und werden bestehende Mängel nicht behoben, drohen Vertragsstrafen und sogar die Kündigung der Verträge. Wegen der Probleme wurde schon die Eröffnung der Arena mit einer Motorradshow im August abgesagt. Auch das erste Fußballtestspiel zwischen Polen und Deutschland im September könnte gefährdet sein, wenn das fast 60.000 Zuschauer fassende Stadion nicht rechtzeitig fertig wird. Eine Alpine-Sprecherin bestätigte Probleme, an deren Behebung gearbeitet werde. Der EM-Zeitplan im kommenden Jahr sei jedoch nicht gefährdet.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brände im Regenwald : Das ökologische Endspiel am Amazonas

          Der Amazonas-Regenwald produziert gut ein Fünftel des Sauerstoffs, den wir atmen. Die andauernden Waldbrände und der Raubbau an ihm sind nicht nur eine ökologische Katastrophe – sondern auch eine humanitäre.
          Zuletzt mehr Schatten: An der Wall Street standen die Aktienkurse zuletzt unter Druck.

          Aktienrückkäufe : Stützpfeiler der Wall Street gerät ins Wanken

          Amerikas Unternehmen kauften im zweiten Quartal weniger eigene Aktien. Angesichts des Handelskonflikts gilt das als weiteres Indiz für die Verunsicherung in den Vorstandsetagen. Bereiten sich die Unternehmen auf den Wirtschaftsabschwung vor?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.