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Aufstieg eines Finanzplatzes : Die Wall Street der Südstaaten

„Verehrt wie ein Gott“

Aber die aggressive Einkaufstour ging weiter. 1992 wurde die Bank zunächst in Nations Bank umbenannt. Nach der Übernahme der in den westlichen Bundesstaaten stark vertretenen Regionalbank Bank America 1998 wurde die Nations Bank schließlich zur Bank of America. Gelacht hat darüber niemand mehr. McColl war am Ziel und gab im Jahr 2001 den Vorstandsvorsitz ab.

„Hugh McColl wird hier immer noch wie ein Gott verehrt“, sagt Klaus Becker, Vorsitzender der deutsch-amerikanischen Handelskammer in Charlotte. McColl, ein kleingewachsener Mann und ehemaliger Soldat der Elitetruppe Marines, hat die Branche mit militärischer Disziplin aufgerollt. „Er hat eine napoleonische Autorität ausgestrahlt“, erinnert sich Kurt Waldthausen, deutscher Honorarkonsul in Charlotte und Inhaber einer Personalberatung, an ein Treffen mit dem Banker.

Der Wettstreit ragt bis in den Himmel

Der Wettbewerb zwischen Bank of America und Wachovia wird mit harten Bandagen geführt. Das scheint sich in den Wolkenkratzern von Charlotte zu spiegeln. „Die Banken versuchen sich mit immer größeren Gebäuden zu übertreffen“, beobachtete Felix von Uklanski, internationaler Finanzberater bei Merrill Lynch in Charlotte. Bei den Banken selbst wird dies zurückgewiesen.

„Unser Wettbewerb mit Wachovia findet auf den Märkten statt und nicht bei Hochhäusern“, sagt Milton Jones, der für North Carolina zuständige Manager der Bank of America. „Unsere Planungen richten sich nicht danach, ob wir ein höheres Gebäude haben als die Bank of America“, sagt Bob Bertges.

Stillstand in den Südstaaten

Die Banken von Charlotte kämpfen nicht nur gegeneinander, sie konkurrieren auch mit den großen Banken in New York. Dabei spielte ihre Herkunft aus den Südstaaten zumindest in den Anfängen ihres Wachstums eine Rolle. Der Süden war nach dem 1865 verlorenen Bürgerkrieg in der Defensive. Lange wurden die Südstaaten als arm und zweitklassig betrachtet. „Der Süden hat lange um gleichwertiges Ansehen gekämpft“, sagt Michael Smith, der selbst aus den Südstaaten stammt und eine Organisation leitet, die die Entwicklung der Innenstadt von Charlotte fördert.

Auch McColl nahmen die New Yorker Banker anfänglich nicht ernst. „Es ging ihm wohl auch darum, denen etwas zu beweisen“, glaubt der ehemalige Banker Hunt. Deswegen war es für die Bank of America ein großer Coup, als sie mit ihrem Börsenwert Ende vergangenen Jahres kurzzeitig den New Yorker Marktführer Citigroup überholte. Offiziell wird die Bedeutung des Börsenwertes heruntergespielt. „Es war wahrscheinlich mehr ein Thema für die Citigroup als für uns“, meint Bank-of-America-Manager Jones.

Großartige Banken brauchen eine großartige Stadt

Wenn es um Charlotte geht, ziehen die Banken aber an einem Strang. „McColl hat verstanden, dass man eine großartige Stadt braucht, um eine großartige Bank aufzubauen“, sagt Innenstadt-Planer Smith. Die Banken investierten in den Aufbau von Wohnungen und Stadtvierteln, um für die Angestellten ein attraktives städtisches Leben zu schaffen.

Die Rechnung scheint aufzugehen. Am Wochenende füllen junge Leute die Bars und Restaurants in der Innenstadt. Jeden Donnerstagabend spielt auf dem Platz vor den Wachovia-Gebäuden eine Band. Die Veranstaltung, „Alive after Five“, ist regelmäßig gut besucht. „Charlotte ist eine Stadt, in der alles möglich ist“, sagt Smith mit Überzeugung.

Amerikas Süden ist aufgewacht

Deutsche Einwohner berichten von der zupackenden Einstellung der Südstaatler. „Ehrenamtliche Tätigkeit wird hier wie selbstverständlich erwartet“, sagt Markus Schlüter, der für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young arbeitet. Den Banken fällt es mittlerweile also nicht mehr schwer, junge Leute anzuziehen. Die Stadt, die landschaftlich reizvoll zwischen den Atlantikstränden im Osten und der Berglandschaft der Appalachen im Westen liegt, ist die am stärksten wachsende Stadt der Ostküste geworden.

Als Personalberater Waldthausen 1982 für einen Möbelbeschlagshersteller nach Charlotte kam, war die Stadt tiefe Provinz: Es gab nur zwei Hochhäuser, und internationale Küche gab es nicht. Auch das hat sich geändert. Im Mimosa Grill, einem trendigen Restaurant im Wachovia-Komplex, zieht Justin Hunt ein Resümee über den zweitgrößten amerikanischen Bankenstandort: „Charlotte ist nicht die kleine Stadt, die sie einmal war. Ich würde sie zwar noch nicht kosmopolitisch nennen, aber wir sind auf gutem Weg.“

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