https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/aufsichtsratsmandat-ackermann-vor-dem-ruecktritt-bei-siemens-12569781.html

Aufsichtsratsmandat : Ackermann vor dem Rücktritt bei Siemens

Josef Ackermann Bild: dpa

Nächste Woche könnte der Schweizer seinen Posten als Aufsichtsratsmitglied des Münchner Technologiekonzerns aufgeben. Der Rückzug des früheren Deutsche-Bank-Chefs bei Siemens dürfte für Ruhe im Elektrokonzern sorgen.

          3 Min.

          Späte Reue“ will Josef Ackermann an diesem Donnerstag in Berlin zeigen. Dann stellt er seine Biographie vor - ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt. Denn der frühere Chef der Deutschen Bank könnte voraussichtlich schon am nächsten Mittwoch in der Aufsichtsratssitzung der Siemens AG seinen Posten als Aufsichtsratsmitglied des Münchner Technologiekonzerns zur Verfügung stellen, ist aus dem Umfeld des Unternehmens zu hören. Wenn nicht jetzt, wann sonst solle der Rücktritt des Stellvertreters von Aufsichtsratsvorsitzendem Gerhard Cromme geschehen, fragt man in gut informierten Konzernkreisen.

          Rüdiger Köhn
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Überraschen dürfte die Entwicklung nicht, nachdem Ackermann vor zwei Wochen als Verwaltungsratspräsident des Schweizer Versicherungskonzerns Zurich Insurance Group (ZIG) selbst abgetreten ist. Der Rücktritt dort war verknüpft mit dem Freitod von Pierre Wauthier, dem Finanzvorstand von ZIG. Ackermann wurde vorgeworfen, auf Wauthier einen großen Druck ausgeübt zu haben; daher trage er eine Mitverantwortung am Selbstmord.

          Ackermann hat angeblich auch vor gestreuten Gerüchten nicht zurückgeschreckt

          Zuvor geriet der 65 Jahre alte Ackermann als Siemens-Aufseher in die Kritik. Er soll hinter den Kulissen Fäden gezogen und über Bande gespielt haben, als es Ende Juli um den überraschenden Abgang des Siemens-Vorstandsvorsitzenden Peter Löscher gegangen war. Der Ende Mai 2012 ausgeschiedene Chef der Deutschen Bank soll an Löscher festgehalten und sich gegen Cromme gestellt haben. So wäre die Ernennung des bisherigen Finanzvorstands Joe Kaeser zum Löscher-Nachfolger verhindert worden. Dazu hat Ackermann angeblich auch vor gestreuten Gerüchten nicht zurückgeschreckt, obwohl er dies über seinen Sprecher Stefan Baron, zugleich Autor der Biographie, vehement dementieren ließ. Zur Entscheidung eines Rücktritts dürfte auch beitragen, dass die Münchner Staatsanwaltschaft gegen Ackermann ermittelt. Sie untersucht, ob er im Schadensersatzprozess der Kirch-Mediengruppe gegen die Deutsche Bank Prozessbetrug begangen hat. Eine Anklage womöglich in diesem Herbst schließen Beobachter nicht aus.

          Ein Rücktritt Ackermanns würde eine Stärkung von Gerhard Cromme bedeuten, der lange Zeit in der Kritik als Siemens-Aufsichtsratsvorsitzender gestanden hat. Nach dem schnellen Wechsel an der Vorstandsspitze und den Geschehnissen um die Person Ackermann gilt Cromme plötzlich als so sicher wie lange nicht. Der sitze jetzt fest im Sattel, heißt es. Die jüngsten Ereignisse hätten die Position von Cromme, der höchst umstritten noch im März als Oberaufseher des angeschlagenen Stahl- und Industriekonzerns zurückgetreten war, nur gestärkt.

          Zumindest würde so ein Beitrag zur Beruhigung im Siemens-Konzern geleistet, die für den neuen Vorstandschef Kaeser nach seiner Ernennung am 31. Juli nun Priorität hat. Weitere wichtige Fortschritte hat der 56 Jahre alte ehemalige Finanzvorstand bereits erzielen können. So soll Michael Süß, 49 Jahre und Vorstandsvorsitzender des größten Konzernsektors Energie, seine Loyalität und seine Treue zum Unternehmen geschworen haben. Dem Oberbayern, der eine recht rustikale Art hat, wurde nachgesagt, dass er ebenfalls Ambitionen für den Chefposten hatte. Er soll wie Industriechef Siegfried Russwurm gegenüber dem zurückgetretenen Peter Löscher wegen der verschlechterten Stimmung im Konzern eine zunehmend kritische Haltung eingenommen haben. Während die Gefolgschaft von Russwurm nie angezweifelt wurde, galt Süß als unsicherer Kandidat, ob er als Sektorchef und Konzernvorstand weiterhin mit Kaeser zusammenarbeiten will.

          Zudem zeichnet sich ein Ausstieg von Peter Solmssen ab, der im Konzernvorstand für juristische Fragen einschließlich des Aufbaus eines Systems für gesetzes- und regelkonformes Verhalten im Unternehmen (Compliance) verantwortlich gewesen ist. Der 58 Jahre alte Amerikaner, der 2007 in den Vorstand eingezogen war, gilt nicht nur als Löscher-Mann. Seine Aufgaben scheinen auch erfüllt. Die Compliance-Strukturen sind auf der operativen Ebene eingezogen worden und werden dort kontrolliert. Solmssen, dessen Vertrag formal bis Ende März 2017 läuft, war schon seit langem umstritten. So soll er den Ausstieg aus dem Atom-Gemeinschaftsunternehmen mit der französischen Areva schlecht vorbereitet haben, was den Konzern teuer zu stehen gekommen war. Ob der Rücktritt von Solmssen, der angeblich wieder nach Amerika zurück will, schon nächste Woche beschlossen sein wird, bleibt offen. Eine gesichtswahrendere Lösung für ihn, zeitlich entkoppelt vom Löscher-Abtritt, könne auch noch auf den Aufsichtsratssitzungen im November beschlossen werden, heißt es. Sicher ist, dass mit dem Abgang von Solmssen der Konzernvorstand verkleinert werden wird. Seit langem ist bekannt, dass Barbara Kux, zuständig für Einkauf und Nachhaltigkeit, im November ausscheiden wird. Ihr Fünfjahresvertrag wurde nicht verlängert. Ihre Aufgaben werden verteilt. Der Vorstand verkleinert sich so von zehn auf acht Mitglieder.

          Sicher ist auch, dass am nächsten Mittwoch die Entscheidung über den neuen Finanzvorstand als Nachfolger von Kaeser fällt. Die befinde sich auf der Zielgerade heißt es. Kaeser hat die Wahl zwischen Michael Sen, Finanzchef des von ihm erfolgreich umgebauten Sektors Medizintechnik, sowie Ralf Thomas, Finanzvorstand des Sektors Industrie. Beide gelten als geeignet. Am Ende hänge es davon ab, welchen Mann Kaeser neben sich haben wolle, ist zu hören. Thomas, 52 Jahre, gilt als im Hintergrund bleibender, unauffälliger Manager. Sen, 44 Jahre, ist dem neuen Siemens-Chef als Mitglied der Finanzabteilung zwar bestens bekannt. Er gilt jedoch als selbstbewusst. Die Frage stellt sich, ob Kaeser einen starken Finanzvorstand neben sich duldet. Schließlich war er selbst lange Zeit Schatten-Chef - neben Löscher.

          Zu allen Personalien nahm Siemens am Mittwoch keine Stellung.

          Weitere Themen

          Bahn meldet hohe Nachfrage

          9-Euro-Ticket : Bahn meldet hohe Nachfrage

          Das 9-Euro-Ticket verkauft sich gut. Zum Start hat die Deutsche Bahn über alle Vertriebskanäle hinweg schon in den ersten Stunden rund 50.000 Monatsfahrscheine abgesetzt.

          Topmeldungen

          Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck bei einer Panel-Diskussion auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos

          Weltwirtschaftsforum : Habeck wirbt für einen Öl-Höchstpreis

          Die großen Ölverbraucher-Staaten sollen sich auf einen Höchstpreis einigen, zu dem sie Öl kaufen – das schlägt der deutsche Wirtschaftsminister in Davos vor. Er ist nicht der einzige.
          Der Hafen der Matsu-Insel Nangan

          Taiwanische Matsu-Inseln : Wo China wie Russland angreifen könnte

          Die Matsu-Inseln gehören zu Taiwan, aber viele ihrer Bewohner sehen sich als Chinesen. China beansprucht sie für sich – und testet die taiwanische Regierung mit ständigen Territorialverletzungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Kapitalanalge
          Erzielen Sie bis zu 5% Rendite
          Sprachkurse
          Lernen Sie Englisch
          Immobilienbewertung
          Verkaufen Sie zum Höchstpreis
          Zertifikate
          Ihre Weiterbildung im Projektmanagement