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Top-Manager Reitzle : Der Makel

  • -Aktualisiert am

Wolfgang Reitzle, Manager. Der Oberlippenbart ist sein langjähriges Markenzeichen. Bild: Jan Roeder

Wolfgang Reitzle war Star unter den deutschen Top-Managern und wurde vom Erfolg verwöhnt. Jetzt hat ihn die Fortüne verlassen. Seine Macht ist gefährdet.

          Wie viele Freunde hat ein Spitzenmanager? Hundert? Zehn? „Ganz wenige“, sagt Wolfgang Reitzle. Der 67-Jährige sagt, er könne sie an einer Hand abzählen. Er wird ihren Rat brauchen in den nächsten Monaten. Der frühere Vorstands- und heutige Aufsichtsratschef der Linde AG nennt das, was den Dax-Konzern mit seinen 64.500 Mitarbeitern in den vergangenen Monaten durchgeschüttelt hat, eine „Chance für einen Neuanfang“. Chaostage wäre passender.

          Die geplante Fusion zwischen Linde und dem amerikanischen Industriegas-Wettbewerber Praxair, die einen neuen Weltmarktführer hervorgebracht hätte: vor wenigen Tagen geplatzt. Der langjährige Finanzchef Georg Denoke: mit einer aus zwei Sätzen bestehenden Notiz vom Hof geprügelt. Noch-CEO Wolfgang Büchele, ein als nett geltender, aber blasser Chemiker, der nicht mal einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat: will nicht mehr, zumindest nicht über das Vertragsende im April 2017 hinaus. Was ist da los? Was ist aus Linde geworden, dem früheren Liebling der Börsianer, einem Konzern, der jahrelang den Dax geschlagen hat?

          Wilde Geschichten aus München

          Hört man sich in München um, erfährt man wilde Geschichten. Von schreienden Vorständen ist die Rede, von greisen Aufsichtsratschefs, die bei Abendessen böse Gerüchte streuen. Als gesichert gilt, dass zwischen Büchele und Denoke am Ende offener Krieg herrschte. Der Finanzchef soll es nicht verwunden haben, dass ihm das BASF-Gewächs Büchele nach Reitzles Abgang vor die Nase gesetzt worden war. Am Ende habe er mit seiner Hausmacht offen gegen den Vorstandschef agitiert, sagt einer, der beide kennt. Ob’s stimmt?

          Fest steht, dass ohne die Unterstützung der 1800 Mitarbeiter starken Finanzorganisation bei Linde nichts geht. Das Unternehmen gab innerhalb von 13 Monaten zwei Gewinnwarnungen heraus. Ausgerechnet Linde. Die erste Mitteilung im Oktober 2014 reduzierte den Börsenwert um etwa eine Milliarde Euro; mit ihr habe sich Büchele von Reitzle absetzen und eigene, bescheidenere Wachstumsziele formulieren wollen, heißt es. Die zweite Warnung folgte im November 2015 und löste an den Kapitalmärkten Panik aus. Der Wert von Linde schrumpfte vorübergehend um weitere sechs Milliarden. Denoke habe diese Mitteilung durchgesetzt, um Büchele zu beschädigen, hört man. Egal, ob das stimmt, einen Machtkampf zwischen CEO und CFO – Nummer eins gegen Nummer zwei der Gehaltsliste – kann kein Konzern dulden, erst recht nicht so ein diskretes Haus wie Linde.

          Reitzle weist die Frage, ob er an den Gefechten beteiligt war, empört zurück. „So ein Unsinn“, sagt er. „Ich war doch gar nicht da.“ Mag sein. Wahr ist aber auch, dass Reitzle der Einzige ist, der nach der Schlacht übrig geblieben ist. Er hat jetzt die absolute Macht, ein Zustand indessen, der alles andere als komfortabel ist. Denn diese Macht ist prekär.

          Makelloser Auftritt

          Zu Denoke, den er einst selbst geholt hatte, will Reitzle sich gar nicht äußern. Er erzählt nur, dass er schon zwei Wochen nach der ersten Gewinnwarnung alle seine Linde-Aktien verkauft habe, 30.000 Stück. Eine Rückkehr habe er zu diesem Zeitpunkt „abgehakt“. Und wie steht der Neu-Aufseher zum Noch-CEO Büchele? „Wir arbeiten heute sehr gut zusammen“, sagt Reitzle. Betonung auf: heute.

          Das Treffen in München beginnt um acht Uhr früh in Reitzles privatem Büro unweit des Englischen Gartens. Am Fahrstuhl empfängt die Assistentin den Besucher. Die etwa 1,85 Meter große Erscheinung würde selbst in Münchner Bars, wo die Menschen bekanntlich schöner sind als im Rest des Landes, für Aufsehen sorgen. Reitzle selbst wartet in einem gläsernen Besprechungskubus. Auch er sieht makellos aus. Wie immer. Wie auf ausnahmslos allen Fotos. „Meine Mutter hat gesagt, ich hätte schon im Sandkasten darauf geachtet, nicht dreckig zu werden“, erklärt er. Falls die Geschichte stimmt, ist der große Reitzle ganz der kleine Wolfgang geblieben. Der taubenblaue Einreiher, den er an diesem Septembertag trägt, sitzt tadellos; körperbetont, aber nicht so albern eng wie beim Management- und Beraternachwuchs. Unter dem weißen Hemdkragen lugt eine perfekt gebundene, etwas hellere Krawatte hervor.

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